Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Einmal quer durchs Internet von unten links nach oben rechts.
Zum neuen Büro für besondere Maßnahmen // nordost
bitte hier entlang - merci bien!

Donnerstag, 31. Dezember 2009

willkommen zwanzigzehn!

„well, I must say that everything looks very nice!“.... sagte miss sophie, als sie im großen schwarzen abendkleid, ausgestattet mit um die schultern drapierter wolldecke und fingerlosen handschuhen von der galerie herab in die scheinbar unbeheizte halle trat, wo ihr treuer butler james bereits den tisch gedeckt hatte für ein gesetztes fünf-personen-geburtstags-dinner, von denen außer der gastgeberin niemand anwesend war und auch niemand mehr erwartet wurde.




es sieht alles sehr gut aus. ich gebe mir jetzt einfach mühe, das heute für mich auch so zu sehen:

mein saal ist mollig warm geheizt, immerhin. auf meinem tisch leuchten frische rosen, die wohnungen unter mir sind still verlassen (das ist wichtig, weil die vermietermischpoke auch das extra laute obernervige steirische polka-akkordeon mitgenommen hat) - und über den bergen im osten steigt der vollmond empor. das sieht wirklich alles sehr gut aus.

ich bin so froh, dass dieses olle jahrzehnt mit der doppelnull in der mitte endlich zu ende geht. die nichtigen nichtsnutzigen ungezogenen naughties sind vorbei - neun jahre fürs klo! dabei hatte mein Y2K so gut angefangen, damals.

vor zehn jahren war ich noch in berlin, hatte gerade aufgehört mit dem alkohol und beschlossen, ohne drogen ins neue jahrtausend zu gehen. welch eine heldentat! welch ein mut! zuversichtlich blickte ich in eine klare, unbenebelte zukunft. hätte ich gewusst, was mich erwartet .... aber ich habe es nicht gewusst. später habe ich dann diesen sportlichen ehrgeiz entwickelt, nüchtern zu bleiben. meiner würde wegen. ganz egal wie schlimm es noch kommt.

um mitternacht standen wir auf der brücke über den s-bahngleisen in der kreuzberger monumentenstraße und stießen an mit kräutertee - mein schöner, geliebter, kreativer mann und ich.

die große stadt um uns herum versank im suff – und im dichten nebel. wir waren ein bißchen schadenfroh, weil vom großen millenniumsfeuerwerk am brandenburger tor rein gar nichts zu sehen war und all die sensationsgierigen fuzzis da oben in den kreisenden hubschraubern und privatflugzeugen über uns so viel geld für eine nebelpartie verpulvert hatten.

am nächsten morgen habe ich den mann verlassen. „ich vögel dich gerne, aber ich liebe dich nicht,“ hatte er gesagt. solange ich noch trank, habe ich das irgendwie ausgehalten. ausgeschlafen und nüchtern ertrug ich es nicht. also bin ich gegangen. ich wußte in dem augenblick noch gar nicht, dass das endgültig war. natürlich hatte ich gehofft, dass er seine meinung noch ändert und mich bald wieder anrufen würde. er hat sich nie wieder gemeldet.

ich hatte das zusammensein mit ihm so sehr genossen. ich habe ihn so sehr geliebt! er hatte eine wunderbare art, mir beim spazierengehen die hand auf die schulter zu legen, dass es ganz leicht war. er hing nicht an mir dran, wie manch anderer. er ließ seinen arm einfach nicht schwer werden. er war immer wach und präsent, aber niemals belastung.

ich war unendlich traurig darüber, dass wir uns nicht mehr sahen – und gleichzeitig fassungslos, weil er mich wirklich hatte gehen lassen. ich übernahm zusätzliche schichten. die arbeit in der redaktion lenkte mich ab und half mir, die trennung ohne alkohol zu überstehen.

das war vor zehn jahren.

vor zwanzig jahren habe ich silvester und neujahr in japan verbracht. das war eine ganz andere welt, damals bei meinen geishamüttern in kyoto.

kein lautes getöse und geböller, kein geistloses besäufnis mit jubeltrubel, keine zwangsgutelauneaufbestellung – sondern eine stille, besinnliche nacht in heiterer gelassenheit.

party ist in japan eher an weihnachten – weil da der sohn vom christengott geburtstag hat. also gibt es christmasparty mit weihnachtstorte: die torte ist vorzugsweise aus sahne mit erdbeeren. nicht, dass erdbeeren an weihnachten in japan besonders reif und billig wären – ganz im gegenteil: die werden aus der ferne eingeflogen und sind kostbar einzeln verpackt wie pralinen! aber nichts sonst sieht für japanische augen so sehr aus wie weihnachtsmänner im schnee.

frauen werden in japan übrigens gerne mit dem rot-weißen sahne-erdbeer christmas-cake verglichen: es heißt, nach dem fünfundzwanzigsten seien wir nicht mehr frisch. im klartext: eine frau, die mit 25 noch nicht verheiratet ist, gilt als ungenießbar. eine vergleichbar abwertende redewendung für männer gibt es in japan natürlich nicht. aber das nur am rande.

zurück zur neujahrsnacht in japan:

ganz im gegensatz zu uns, wo man zwischen weihnachten und dreikönig am besten alles stehen und liegen lässt, was irgendwie mit haushalt und wäsche waschen zu tun, damit sich nicht böse geister darin festsetzen können, die man dann das ganze jahr über nicht mehr los wird, muss in japan das neue jahr blitzeblank begrüßt werden!

beim putzen und schrubben und polieren kommt die japanische hausfrau also im alten jahr noch einmal ordentlich ins schwitzen. nach der äußeren putzete ist dann der eigene körper dran. letzteren brauch habe ich übernommen: seither beschließe ich mein altes jahr mit einem vollbad – am liebsten in meersalz mit rosenblüten. salz reinigt. sehr spirituell und auch in echt! und der ganze dreck vom alten jahr gurgelt auf und davon durch den abfluss auf nimmer wiedersehen. wunderbar!

später am abend saßen wir bei freunden und aßen toshikoshi-soba: lange jahresendnudeln aus buchweizenmehl. für ein langes leben, und um immer beieinander zu sein mit dem herzen.

nach mitternacht machten wir uns auf den weg zum tempel der familie, zum ersten gebet. es hatte geschneit, mit vielen anderen stapften wir zu fuß durch den wald, eine kalte nacht. wieder zurück im haus, gab es eine klare suppe mit mochi. klebrige, glibbrige, absolut köstliche reismehlknödel, ohne die das neue jahr nicht beginnen kann!

bis all das erledigt ist, ist die nacht schon fast rum, und das ist auch sinn der sache. mit dem beginn des neuen jahres wird die wiedergeburt des lichts gefeiert. die große mutter, die sonnengöttin amaterasu omikami wird geehrt, und man darf nicht schlafen gehen, bevor man nicht die neujahrssonne gesehen und ehrfürchtig begrüßt hat!

die neujahrssonne begrüßen ohne vorher eine runde zu schlafen, das finde ich hier in meinen breitengraden wirklich schwierig. diese deutsche winternacht ist mir einfach zu lang, um durchzumachen! zum ausgleich mache ich dann in der frühe einen doppelten sonnengruß und hoffe, dass die große göttin das als angemessen empfindet.

mit dem ende dieser nacht beginnt das jahr des tigers. das ist mein jahr, das wird gut, das weiß ich: da bin ich unter gleichgesinnten – auch wenn wir tigressen sonst eher einzelgängerInnen sind.

ich denke ja immer, dass die erde eigentlich hopsen müsste um mitternacht, weil ein neues jahr beginnt. ist aber nicht so. sie dreht sich einfach weiter.

trotzdem wäre ich nicht überrascht, wenn‘s hüpfen täte: zwanzigzehn kann kommen. es sieht alles gut aus. ich zünde mein bestes räucherwerk und gebe euch einen ringelnatz mit auf den weg:

„ein rauch verweht, ein wasser verrinnt, eine zeit vergeht, eine neue beginnt.“

fangt‘s gut an!


--------

Samstag, 26. Dezember 2009

kindheitserinnerungen II - der bademantel

manchmal finde ich es beruhigend, dass es dinge gibt, die sich nicht verändern, die jahr um jahr gleich bleiben. kleine rituale im alltagswirbel, die mir halt geben. eines dieser rituale ist, tatsächlich, dass ich mir jahr für jahr alle drei teile von sissi anschaue, wenn meine zeit es erlaubt. die kaiserin von österreich wird in meiner vorstellung immer jung und schön bleiben, so wie sie es in meiner kindheit war.



als kleines mädchen liebte ich diese filme so sehr, weil es für mich so unvorstellbar schön war, wie sehr diese frau geliebt wurde. zumindest sah es in den filmen so aus. sie hatte eine mutter, die für sie sorgte. sie hatte einen vater, mit dem sie sprechen konnte. sie hatte geschwister, mit denen sie lachen konnte. und sie hatte sogar einen mann, der ihr sagte „ich liebe dich“. unfassbar – für mich war schon damals klar, dass es all das nur im märchen geben konnte. oder im film eben.

bei uns wurde nicht gelacht. wenn ich etwas sagte, das mir wichtig war, dann hörte ich die mutter fauchen und keifen: „kind, do bess verdötsch!“ oder „do häss ene katsch em kappes“. der vater ignorierte mich bestenfalls. hatte er publikum, dann machte er sich über mich lustig und ließ keine gelegenheit aus, mich vor anderen bloßzustellen.

damals liebte ich es sehr, mich in vaters großen bademantel zu hüllen. der bademantel war schwer und glänzend glatt, aus dunkelgrünem velourfrottee mit einem schalkragen und dunkelroten streifen. ich liebte diesen bademantel so sehr, weil er nach vater roch, nach großem starken mann – und weil ich mich sehr sicher und behütet fühlte, wenn ich ihn trug.

der saum war viel zu lang war für mich, er kringelte sich um meine füße wie ein wärmendes pelztier, ich zog ihn hinter mir her wie eine schleppe. um nicht zu stolpern über diesen saum, ging ich sehr gerade, sehr aufrecht. ich fühlte mich wie eine kaiserin, ich war sissi vor ihrer krönung zur königin von ungarn.

der alte bademantel hatte für mich eine magische bedeutung: so lange ich ihn an hatte, fühlte ich mich stark, geliebt und bewundert. wenn ich den bademantel trug – immer nur heimlich, solange die eltern aus dem haus waren, denn sonst wären sie wieder über mich hergezogen – dann ging die macht des vaters durch seinen bademantel auf mich über, und ER erschien mir weniger furcht einflößend.

so schritt ich durch unsere dunkle, enge mietwohnung, auf und ab und hin und her, hoch erhobenen hauptes, mit geradem blick und ohne angst. ich hielt hof vor imaginären untertanen und nahm bescheiden ihre huldigung entgegen. ich stellte mir vor, wie es wäre, geliebt und respektiert zu werden.

die insignien meiner macht versenkte ich tief in den großen taschen meines riesigen krönungsmantels: eine murmel, mein feinstes spitzentaschentuch und die kaputte barbie-imitatpuppe.

eines tages war „mein“ bademantel verschwunden. am bettende des vaters lag ein anderer, ein neu gekaufter, völlig belangloser versandhausbademantel mit kapuze. ich war sissi ohne kleid, meiner insignien beraubt.

irgendwann einmal erfuhr ich von der mutter, dass sie „den alten hund“ - wie sie abfällig zu sagen pflegte über unansehnlich gewordene dinge, die ihr lange treue dienste geleistet hatten - mit einem adventspäckchen zu einer alten freundin in die DDR geschickt hatte. ich war entsetzt, aber ich sagte nichts. sie hatte das königreich meiner kindheit zerstört.

wie ich schon vor zwei tagen schrieb, bin ich heute kaiserin in meinem eigenen reich, so gut es eben geht. leider sind die schatten von damals sehr hartnäckig. bis heute fällt es mir schwer, zu glauben, dass ich ein recht darauf habe, ungestraft die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin.

dann sitze ich wie jetzt - gehüllt in meinen aktuellen lieblingsbademantel aus kaiserlichem purpurfrottee, aus dem die katzen zu lebzeiten wohlig tatzelnd unzählige fäden zogen - vor meinem computer und denke, dass ich unbedingt bis mitternacht fertig sein muss mit diesem text. gelingt mir das nicht, löst sich der ganze spuk in luft auf: mit dem zwölften glockenschlag, da bin ich mir sicher! ist der zauber vorbei! dann wird mein seidenes nachtkleid zum aschefleckigen küchenkittel, das notebook zum kürbis - und die maus wird zur maus!


--------

Donnerstag, 24. Dezember 2009

der geburtstag der kaiserin

die kaiserin feiert geburtstag heute. das heißt, sie feierte, so sie noch lebte. das tut sie aber nicht, schon lange nicht mehr. ne ganze menge menschen auf diesen planeten feiert heute den geburtstag eines mannes, der auch schon lange nicht mehr lebt. deswegen denke ich, es ist höchste zeit für ein frauliches gegengewicht!


von sissi ist natürlich die rede, mit deren geschichte ich aufwuchs, allweihnachtlich, um genau zu sein. genau deswegen werden die alten filme mit romy schneider ja so regelmäßig wiederholt: weil die sissi a christkinderl war.

dabei scheint der 24. dezember ein allseits beliebter geburtstag zu sein. meiner schwester ist das auch gelungen, der coup mit dem christkindlsgeburtstag. ava gardner ebenso. von den gut 180 geburtstagskindern, die die wikipedia aktuell für heute auf der liste hat, ist sissi übrigens die einzige frau der ersten 1900 jahre unserer zeitrechnung. im zwanzigsten jahrhundert sind dann 15 der 120 geburtstagskinder weiblich – also immerhin zwölfeinhalb prozent. aber das ist sicher nur zufall, dass an heiligabend so wenig frauen geburtstag haben.

weil ich mit weihnachten nix am hut hab, feier ich also heute der sissi ihren geburtstag, ganz kaiserlich, im haus meiner kaiserlichen freundin. der tisch scheint sich zu biegen unter dem üppigen buffett, seit tagen – ach was sage ich? seit wochen!! - ist sie in ihrer kleinen küche mit dem zaubern der kostbar-köstlichsten verführungen beschäftigt. gäste sind geladen und werden erwartet oder sind schon eingetroffen.

von sissi weiß ich nicht mehr als das, was in den büchern steht. in meinen ersten lebensjahren habe ich natürlich alles geglaubt, was in den filmen vorkam. später nicht mehr.

vor ein paar jahren habe ich urlaub gemacht auf korfu. diese schöne insel kannte ich ja schon aus ihren filmen. da habe ich mir gedacht: was für die kaiserin das beste, das ist für mich gerade gut genug. die insel, auf der die sissi von ihrer lungenkrankheit genesen ist, sollte wohl bestens geeignet sein, um mich vom stress und den demütigungen eines lebens mit hartz4 zu erholen. also habe ich damals meine letzten ersparnisse für einen urlaub am meer verprasst - und ich habe mich tatsächlich bestens wohl gefühlt dort!

auf korfu, nicht weit weg von der inselhauptstadt an der ostküste, kann man noch heute den sommerpalast der kaiserin besichtigen. sich ansehen, wie (relativ) schlicht sie dort gelebt hat, fernab vom unmenschlich einschnürenden spanischen hofzeremoniell, das den klugen, eigensinnigen wildfang magersüchtig hatte werden lassen. für meinen geschmack ist ihr achillion-palast zwar ein bißchen zu weit weg vom meer und ein bißchen zu hoch auf dem berg, aber die aussicht von dort oben ist in der tat gigantisch kaiserlich.

in die insel korfu habe ich mich geradezu hineinverliebt, die zeit dort habe ich sehr genossen. falls ich es mir jemals wieder werde leisten können, ans meer zu fahren, so würde ich wieder dort landen, in meiner blauen lieblingsbucht, in dem kleinen haus direkt am strand, zimmer mit balkon und blick aufs meer, aufs meer! aufs meer, das ich so sehr liebe; wo man das rauschen des kristallklaren wassers immer immer um sich hat: das hat sogar meinen tinnitus besänftigt. zeitweilig.

wenn ich heute den geburtstag der kaiserin feiere, dann gedenke ich dabei auch meiner eigenen inneren kaiserin, der wilden frau, die ich bin, mit all meinen eigenen sinnen, mit all meinem eigen-sinn. ich denke an mich und ich feiere mich, meine kaiserliche freundin und ich, wir feiern uns, wir lassen uns feiern und geben mit vollen händen und überfließenden herzen, weil das zum feiern dazugehört.

meine innere kaiserin hat jeden tag geburtstag. oft muss ich mich tatsächlich täglich neu daran erinnern, sie immer wieder aufs neue zu entdecken, hervorzuholen unter dem alltagsgerümpel. denn bisweilen hockt sie klein und still und grau zwischen den vielen schichten aus demütigungen und enttäuschungen, aus schmerzen und angst, die – übereinander gelegt – das ge-schichte meines lebens sind.

beim entdecken meiner persönlichen kaiserin hat mit ein ganz besonderes buch sehr geholfen, das mich nun schon seit vielen jahren begleitet. „der weg der kaiserin“ heißt es. die autorinnen christine li und ulja krautwald erzählen darin die geschichte der chinesin wu zhao, ihren aufstieg von der konkubine zur mächtigsten frau des reiches, zur kaiserin – und zur einzigen frau, die im alten china jemals offiziell herrscherin war. das buch erzählt eine geschichte von vor mehr als tausend jahren. gleichzeitig werden die strategien aus alten zeiten so ins heutige leben übertragen, dass sie auch für kaiserliche frauen der gegenwart durchaus hilfreich und von großer bedeutung sein können.

dieses buch fasziniert mich. es gibt mir – immer wieder aufs neue! - kraft und halt in meinem kleinen universum, wo das leben einer freien radikalen bisweilen richtig doof und mühsam ist. ganz wunderbar unterstützend finde ich die strategischen sätze der kaiserin, die jedem kapitel hintenangestellt sind. schlichte weisheiten im grunde – die im heutigen alltag leider allzu oft tief verschüttet sind.

es gibt eine wunderbare webseite zu dem buch und allem, was damit zusammenhängt - zinnoberfluss, auf der die kaiserliche leserin zum beispiel täglich mit einem neuen 'kaiserinnenspruch' begrüßt wird.

heute steht da „die kaiserin beherrscht ihr eigenes reich“. genau. ganz egal, wie groß oder wie klein das auch sein mag. was sonst?!

ich wünsche euch für heute und immer wieder aufs neue ein kaiserliches geburtstagsfest! ganz egal, wessen geburtstag ihr heute feiert. vergesst nicht, dafür zu sorgen, dass es euch gut geht, denn nur dann kann frau sich auch um andere kümmern - und die haben dann auch wirklich was davon.


--------

Montag, 21. Dezember 2009

wintersonnenwende: mach' das licht an!

die kalten, dunklen monate des jahres sind immer wieder eine herausforderung für mich. seelisch. körperlich auch. die witterung macht mir schwer zu schaffen, der lichtmangel ebenso. schon seit vielen jahren ist deswegen die wintersonnenwende mein persönlicher alleroberwichtigster feiertag im jahr, meine allerheiligste heilige nacht. das ist heute. um 18:47 uhr, um genau zu sein. die lichter dürfen nicht ausgehen!




vor allem freue ich mir ein loch in den bauch, dass ab sofort die tage nicht mehr kürzer werden. auch wenn sie jetzt noch nicht sofort spürbar länger sind, sondern erst nach dem sogenannten dreikönigstag am 6. januar – so ist doch schon allein das wissen um diese tatsache für mich so dermaßen beruhigend und heilsam, dass mir mit sofortiger wirkung leichter wird ums herz: ich habe durchgehalten, ich habe es wieder einmal geschafft, ich lebe noch! am ende der dunkelheit ist licht in sicht!

in anderen, in älteren kulturen gab und gibt es viele mythen und bräuche um diesen kürzesten tag und die längste nacht des jahres. je weiter eine nach norden geht, je weniger das licht wird, um so wichtiger werden die feiern. es gibt ein großes feuer, man feiert die wiedergeburt des lichts, die rückkehr der sonne. das julfest in skandinavischen ländern zum beispiel, das war ursprünglich so eine uralte wintersonnenwendfeier. das lichterfest der heiligen lucia ebenso.

ab jetzt geht es wieder aufwärts. mach' das licht an!

genau das tue ich dann auch heute: ich mache alle lichter an in der wohnung, ich stelle kerzen auf, so viel meine schubladen nur hergeben und wo immer ich einen platz finde. es blitzert und leuchtet, schimmert und wärmt. mein herz, das hüpft!

weihnachten interessiert mich nicht. ich brauche auch keine geschenke. ich bin keine getaufte christin. wenn ich eine wäre, hätte ich die allergrößten schwierigkeiten, an diesen seltsamen lieblosen strengen strafenden vatergott zu glauben, der seinen sohn durch die vergewaltigung einer jungfrau gezeugt und auch sonst eine menge verbockt hat. dem herrn jesus wurde der geburtstag übrigens erst nachträglich auf den 25. dezember gelegt und mit schokkelade verbrämt, um den 'bösen heidis' den abschied von ihren alten wintersonnenwendparties zu versüßen.

seit damals war es dann auch vorbei mit dem wunderbaren alten brauch von „weib, wein & gesang“. das waren der fraulichen dreifaltigkeit, der großen mutter erde, der sonnengöttin gewidmete heitere feiern, bei denen die frauen meines urzeitlichen weiberclans – damals noch gesellschaftlich hoch angesehen - es sich gut gehen ließen miteinander.

das waren wunderbare, laute, unverschämt schamlose freudenfeste. mir ist fast so, als wäre ich selbst dabei gewesen. jedenfalls hatten die damen einen heidenspaß dabei.

irgendwann kamen die christenmänner und taten so, als ob weinweibundgesang ihre ureigene erfindung sei „pah! wo kommen wir denn da hin, wenn wir den frauen das unkontrollierte gemeinsame fröhlichsein erlauben?!“ so tönten die patriarchen, und plötzlich gehörte das feiern nicht mehr den frauen, sondern den männern, und die frauen durften nur noch vorher kochen und backen und nachher den dreck wegputzen, während die kerle auf ihren sofas immer dicker wurden.

die männer machten sich die frauen und die fässer untertan. herausgekommen ist dabei – wie wir alle wissen – jede menge „bier, mann & gebrüll“. aber wer will das schon? deswegen haben die männer weiterhin das schöne alte weiberwort benutzt, um ihre eigene grobheit zu kaschieren. ich finde, es wird höchste zeit, dass wir frauen uns dieses schöne, lebensfrohe ritual zurückholen, den männern das ihre lassen - und es dann aber auch so nennen.

so weit ein kurzer exkurs in die geschichte meiner vormütter. der ist übrigens nicht wissenschaftlich belegt. ich bin keine wissenschaftlerin. ich bin geschichtenerzählerin. trotzdem weiß ich sehr genau, wovon ich schreibe. passt bloß auf!

jedes jahr aufs neue frage ich mich, ob es sein kann, dass ich an einer bislang unerforschten krankheit leide: der kälte-allergie. sobald die temperaturen konstant unter 20 °C sinken, geht es mir nicht mehr richtig gut. die meiste zeit habe ich dann entzündete nebenhöhlen, entweder eine triefnase oder komplett ausgetrocknete schleimhäute, dazu juckende rote verquollene augen, verspannte schultern, einen hartnäckig harten nackenbereich mit einhergehenden kopfschmerzen, was wiederum den tinnitus verstärkt .... kurz: „dann hann isch esu richtisch dat ärm' dier!“ und wenn sonst schon niemand mitleid hat, muss ich auch das noch selber tun!

wie auch immer, leider leide leider leide! keine krankenkasse der welt wollte meine kälteallergie bislang als ernst zu nehmendes gebrechen anerkennen. man weigert sich konsequent, mir regelmäßig das winterhalbjahr zur kur in den tropen zu finanzieren. dabei wäre ich gar nicht teuer und auch schon mit den subtropen zufrieden! vielleicht wäre es sogar .... ähem .... „kostengünstiger“ (dooofes krankenkassenpolitikerwort) als hier zu bleiben? ich könnte mich dort ja auch durchaus nützlich machen.

nun, genug der aussichtslosen kämpfe! heute ist wintersonnenwende, draußen ist dunkel und eisig glatt, hier drinnen ist warmlicht und auch in meinem herzen fühlt es sich diesmal sehr viel heller an als in den jahren zuvor.

euch allen wünsche ich eine ebenso sanfte, heitere winterwende - ganz egal, wie ihr eure feier nennt, an wen oder was ihr glaubt, mit wem ihr seid oder auf welches datum ihr sie legt: lasst es licht und liebe sein. das ist alles.


--------

Mittwoch, 16. Dezember 2009

wunder no. 2: rücke vor auf los

.... und ziehe monatlich deutsche euro 1000 ein!

es wird sogar ein bißchen mehr sein als das, auch netto noch. die stelle von neulich – die nach dem fiesen bewerbungsgespräch: ich habe sie doch noch gekriegt! die erste wahl hat etwas besseres gefunden und wieder abgesagt. ganz kurzfristig rief es mich an, das personalbüro aus der hochschule meines vertrauens: ob ich die sekretariatsstelle noch machen wolle. ich habe mir fünf tage bedenkzeit erbeten, mit gefühlten dreiundneunzig menschen lang und ausgiebig darüber gesprochen und diskutiert und therapiert und mich dann dafür entschieden.




nun fasse ich es noch gar nicht: vor mir auf dem arbeitstisch in meinem büro für besondere maßnahmen liegt ein unterschriebener arbeitsvertrag: 85 % teilzeit. befristet für knappe fünf monate, beginnend mit dem ersten januar 2010. tausenderlei formulare und erklärungen und belehrungen wollen noch ausgefüllt und unterschrieben und wieder zurückgegeben, diverse atteste und bescheinungen eingeholt und abgegeben sein.

ich habe es noch gar nicht alles genau durchgelesen. aber ich glaube, irgendwo muss ich auch bestätigen, dass ich keine schläferin bin.

so kompliziert wie diesmal war es für mich noch nie, eine arbeit zu beginnen! meistens waren die menschen froh, wenn ich für sie arbeiten wollte, und ich habe nach einer kurzen besprechung einfach irgendwie angefangen und irgendwann ein honorar gekriegt. verträge gab es nur selten. der letzte vertrag, den ich unterschreiben durfte, war der rahmenvertrag beim öffentlich rechtlichen rundfunk.

der öffentlich rechtliche rahmen besagte, dass ich bereit war, mich unbegrenzt totzuarbeiten, ohne daraus jemals irgendeinen rechtsanspruch auf eine feste anstellung ableiten zu können. andererseits war der arbeitgeber nicht verpflichtet, mir aufträge zu erteilen. top & go! ich konnte also nie im voraus wissen, ob die honorare reichen würden für die miete am monatsende. es hing ja auch noch davon ab, ob die redaktionsassistentin alles korrekt und rechtzeitig abrechnete. ich erinnere mich an viele viele male, wo ich meinen netten berliner vermieter um einen aufschub bat. er zeigte jedes mal verständnis. dennoch war mir das jedes mal auch unendlich peinlich.

das wird jetzt anders, und diese aussicht erscheint mir wie die reinste erholung! ich darf genau 33,58 stunden in der woche arbeiten. diese zeit wird mir bezahlt, egal ob zu tun ist oder nicht. wenn weniger zu tun ist, kann ich im büro sitzen bleiben und gute laune verbreiten. wenn länger zu tun ist, kriege ich dafür freie zeit an anderer stelle.

überhaupt das allerbeste: geregelte arbeitszeiten! keine späten überstunden, keine nachtschichten, keine wochenenddienste. ich bin entzückt! das bedeutet auch: ich habe geregelte freizeit! das ist echte wertvolle freie zeit dann! denn: wenn eine weniger freie zeit hat, dann ist sie auch mehr wert.

etwas vergleichbares hatte ich zuletzt anfang der neunziger jahre. damals war ich für ein paar monate als bürokraft in einer zeitarbeitsfirma angestellt. die haben mich auf jobs geschickt von der schreibstubenmieze bei der bank meines misstrauens bis hin zur chefsekretärin im mittelstand. der mittelstandschef hätte mich damals gerne behalten. das ging natürlich nicht, denn ich musste doch erst noch rundfunkredakteurin werden und den dalai lama interviewen.

jetzt bin ich als journalistin endgültig gescheitert und kehre zur sekretärin zurück. daher trete ich die stelle mit sehr gemischten gefühlen an, denn es ist für mich auch ein - zumindest zweitweilig empfundener - gesellschaftlicher, ein sozialer abstieg damit verbunden. nicht, dass ich jemals das gefühl gehabt hätte, oben gewesen zu sein! ich doch nicht. und doch ….

der tarif für den öffentlichen dienst ist so mager, dass ich weiterhin beim hartzamt aufstocken muss, um auf mein existenzminimum zu kommen. das werde ich dann auch tun. obwohl es mir sehr schwer fallen wird, den gepflegten damen im personalamt die entsprechenden vordrucke zum ausfüllen zu geben. wer in diesem land will, worauf er einen gesetzlichen anspruch hat, muss sich was schämen und demütig katzbuckeln. ich werd's überleben und gegebenenfalls darüber berichten.

mein traumjob ist das also leider nicht, was da nun auf mich zukommt. trotzdem freue ich mich natürlich. dieser arbeitsvertrag wirkt besser als jedes pharmazeutische antidrepessivum. nach neun langen jahren ohne versicherungspflichtige beschäftigung (vom minimum für die künstlersozialkasse einmal abgesehen) werde ich wieder ein fast vollwertiges mitglied der bürgerlichen gesellschaft sein: zu 85 prozent, um genau zu sein. yeah! hosianna! zündet die lichter an!

meine vielen ehrenämter, die ich mir in all den jahren als daseinsberechtigung zugelegt habe, werde ich dann peu á abgeben und zurückfahren. die kostenlosen übersetzungen für das kinderhilfswerk, stapelweise: canceln! ehrenamtliche seminare in projektmanagement für nen appel ohne ei: canceln! die geschäftsführung eines gemeinnützigen vereins: minimieren! keine vorträge mehr ohne honorar. schluss mit der sittenwidrigen selbstausbeutung!

bloß meine abendkurse an der volkshochschule zweimal im jahr, die werde ich weiter machen. denn die sind zwar auch schlecht bezahlt, aber energetisch das reinste honigbonbon für mein herz.

ach ja, das büro für besondere maßnahmen bleibt natürlich geöffnet. mo jour wird nur zeitweilig die perspektive wechseln und über andere aussichten berichten.

gefeiert haben wir gestern abend übrigens auch schon, die teure treue freundin und ich: mit rosenblütenbiozisch. das kann ich sehr empfehlen!


--------

Donnerstag, 10. Dezember 2009

in memoriam - katzengeschichte no. 3

mafia cioccolata kam ende juli 1991 im begehbaren kleiderschrank meiner berliner altbauwohnung in berlin neukölln zur welt. sie war das einzige mädchen im dreierwurf. die anderen beiden waren rote tigerkater – ganz der vater.

der rote kater peter aus dem haus nebenan war damals der einzige zeugungsfähige seiner art - in der gesamten nachbarschaft im sozialen brennpunkt am reuterplatz. nicht, dass er oder sein besitzer jemals alimente gezahlt hätten. aber die ähnlichkeit war unübersehbar. ein jahr später war er nicht nur mafias vater, sondern auch ihr liebhaber und vater ihrer fünf kinder.

eigentlich hatte ich das kätzchen gar nicht behalten wollen. wie die anderen beiden war sie versprochen und sollte im alter von drei monaten abgeholt werden. aber der neue besitzer kam nicht. sie blieb übrig. bis dahin hatte ich sie schon so lieb gewonnen, dass ich sie niemals wieder hergeben wollte. außerdem waren sie ein superteam, sie und ihre mutter mii-zeh maier. gemeinsam haben die beiden sogar dicke doofe stadttauben erlegt.




mafia cioccolata habe ich sie genannt, weil sie so frech war und so süß. nie zuvor habe ich eine katze erlebt, die so freundlich war, so zärtlich und so liebevoll. immer. egal was man mit ihr machte – und die so lautstark renitent werden konnte, wenn sie ihren willen nicht gleich bekam.

mafia hätte man am schwanz ziehen können – sie hätte trotzdem noch geschnurrt. aber wehe, ihr futter wurde nicht pünktlich um dreiviertel sechs serviert! dann konnte sie so vorwurfsvoll quäken, als hätte sie drei wochen lang nix zu fressen gekriegt.

überhaupt ihre stimme. die war eigentlich schrecklich. geradezu penetrant, aber unverkennbar! hätte ich gewusst, dass sie die ein katzenleben lang behält, dann hätte ich sie nicht mafia getauft, sondern sirene.

mafia cioccolata war eindeutig die häuslichere von meinen beiden katztieren. es war ganz auffällig, dass sie – im gegensatz zu ihrer mutter – abends regelmäßig nach hause kam und selten eine nacht draußen verbrachte. wenn doch, dann war sie irgendwo eingesperrt.

zum beispiel im kohlenkeller. im kohlenkeller waren die einzelnen verschläge mit groben latten abgetrennt, die türen wacklig gezimmert. es gab viel luft oben und unten. mafia sprang aus dem stand auf die oberen türkanten und auf der anderen seite wieder runter. wenn sie einmal über eine türe drüber war, konnte sie sich dahinter von abteil zu abteil bewegen, irgendwo gab es immer eine lücke.

nur einen keller gab es wohl, da kam sie zwar irgendwie von hinten rein, aber nicht wieder raus. das dumme war, dass ich für diesen keller keinen schlüssel hatte. ich hörte mafia dann irgendwo kläglich maunzen, konnte sie aber nicht befreien.

es hat ziemlich lange gedauert, bis ich herausfand, dass ich von der äußeren hauswand aus das kleine kellerlukengitter ein stück wegbiegen und sie herauswitschen lassen konnte. zum glück hat von den anderen hausbewohnerInnen nie jemand gepetzt, wer für das verbogene kellerlukengitter verantwortlich war.

mafia kletterte maschendrahtzäune hoch wie ein äffchen: zweieinhalb meter in nullkommanix! dann balancierte sie oben auf dem schmalen zaunpfosten und hops! stand sie im nachbarhof.

mafia wußte immer ganz genau, was sie wollte. wenn sie zum beispiel aus dem treppenhaus in den hof hinaus wollte, stand sie so lange innen an der hoftüre, bis jemand vorbeikam, den sie klagend anmaunzte, bis ihr gefälligst die türe geöffnet wurde. wenn es ihr zu lange dauerte, bevor jemand kam, dann rannte sie die treppe wieder hoch und schaute nach, ob im ersten stock das fenster zum hof offen stand. wenn ja, sprang sie da raus. aus dem ersten stock. weil sie so unbedingt auf den hof wollte.

das habe ich mehr als einmal erlebt. einmal stand ich mit der nachbarin plaudernd bei den fahrrädern. plötzlich macht es „plopp“. da stand meine katze mitten im hof, bei geschlossener hoftüre - aber geöffnetem treppenhausfenster eine etage höher. sie war wie vom himmel gefallen und maunzte mich vorwurfsvoll an, wie ich nur dazu käme, sie so lange warten zu lassen!

mafia hat es immer wieder geschafft, mich zu verblüffen mit ihrem kätzischen wagemut und ihrem liebenswerten eigensinn.

genau wie ihre mutter war auch sie oft unterwegs in den schrebergärten, die sich an den zweiten hinterhof und den kirchhof und den kindergartenspielplatz mit der großen wiese anschlossen. wenn ich sie abends vermisste, umrundete ich das große areal mit lauten lockrufen.

während mii-zeh maier sich dann regelmäßig taub stellte und manchmal wochenlang verschollen blieb, kam mafia meist angetrabt aus der hintersten ecke und quer über die wiese mit lautem „maumaumau“, sobald sie meine stimme hörte.

dann kruschtelte sie so lange „maumaumau“ am zaun entlang durch büsche und gestrüpp, bis sie einen weg zu mir nach draußen fand. oder sie marschierte den maschendrahtzaun hoch und ich konnte sie kopfüber vom pfosten herab in empfang nehmen.

auf dem rückweg balancierte sie auf meiner rechten schulter sitzend um den häuserblock herum. oder sie lief vor und neben und hinter mir her, bis wir wieder zu hause waren. von ihrem schulterthron herab fauchte sie jeden kampfhund in die flucht. siegessicher. so war sie: ganz löwe!

fast zwei jahrzehnte lang hat sie mich begleitet. heute vor neun wochen ist sie gestorben. ich vermisse sie sehr.

immer noch erscheint mir die wohnung ohne katze doppelt so groß wie vorher, entsetzlich leer und sehr sehr kalt – ganz egal, wie hoch ich die heizung dreh'.


--------

Sonntag, 6. Dezember 2009

das leben tanzen II

tanzen und singen sind nah beieinander, oft. das wundert jetzt niemanden. denn tanzen geht nur mit musik, und singen ist musik. der umkehrschluss aber ist nicht erlaubt, denn musik und damit auch das singen sind durchaus möglich, ohne zu tanzen. es macht mir nur nicht so viel spaß!

in vielen kulturen liegen die wurzeln des tanzes in heiligen, in rituellen handlungen. tänze waren und sind bewegte ganzkörpergebete. tanzen ist etwas ganz archaisches, es verbindet himmel und erde, ist kommunikation zwischen menschen und göttInnen.




ich denke an die thailändischen tempeltänzerinnen unter ihrem schwergoldenen kopfschmuck, mit den langen konischen kappen auf den fingerspitzen.

ich denke auch an klassischen indischen tanz, der den mythen nach älter ist als die erde selbst, denn schöpfergott shiva soll die erde im schweiße seines angesichts tanzend erschaffen haben, stück für stück!

welch ein unterschied zu den drei monotheistischen religionen, wo ein unrasierter alter mann schlecht gelaunt in seinen himmelsthronsessel pupste und die erde mal eben kommandierend aus dem ärmel schüttelte!

im alten japanischen glauben, dem shintoismus, gibt es sogar eine göttin des tanzes. neben dem tanz ist sie zuständig für lachen, für fröhlichkeit, für die morgenröte und für die fruchtbarkeit. kurz gesagt: für die wirklich wichtigen dinge im leben einer frau:

sie entzündet ein feuer, sie tanzt auf dem schallbrett: schamlos, schlotterbusig und laut lachend. ihr name ist ame-no-uzume. übersetzt bedeutet das in etwa „die wirbelnde himmelsfrau“, die ausgelassen in ihrer sinnlichkeit schwelgt. sie bricht tabus, sie schert sich einen dreck um die meinung anderer, sie ist die beste freundin bei depressionen und fachfrau für besondere maßnahmen!

ihre griechische schwester heißt baubo. genau, das ist die dicke mit dem lachen von ganz tief unten und dem untrüglichen bauchgefühl. das versöhnt mich ein bißchen mit meinem matronenspeck: womit soll eine frau denn tanzen? wie kann ich ein untrügliches bauchgefühl entwickeln, wenn ich keinen bauch habe?!

mein bauch ist schließlich meine mitte - hara. genau so, wie die gebärmutter das organ der fraulichen mitte ist – symmetrisch und nur einmal vorhanden. in japan heißt unsere mitte übrigens „kinderpalast“; das nur nebenbei.

man könnte jetzt meinen, ich tanze jeden tag, seitdem ich es für mich wieder entdeckt habe. das ist auch so. fast.

allerdings tanze ich nicht den flamenco. da bin ich in meinem kleinen möchtegerntänzerinsein-leben sehr weit entfernt davon, dass mein körper die komplizierten rhythmen und minutiösen bewegungen alleine und ohne die tragende energie einer gruppe aus sich heraus produzieren könnte.

außerdem wohne ich auf teurem teppichboden. flamenco auf socken – das funktioniert einfach nicht! ich bräuchte dafür einen umgedrehten waschbottich, wie ame-no-uzume! aber das wage ich nicht, in diesem miezhaus den vermieterleuten auf dem kopf herum zu tackern mit dem taconeo, dem genagelten absatz meiner flamencoschuhe.

im gegensatz zum klassischen ballett-tanz europas, bei dem alles in die lüfte strebt und schrecklich instabil ist, sind die alten, archaischen tänze zu ehren der göttInnen sehr erdverbunden: sie geben boden unter den füßen, sie machen frauen stark. der flamenco ist so, auch die indischen tänze.

eine ähnlich archaische, erdige tanzform, die ich erst kürzlich für mich entdeckt habe, ist der hula. aus hawaii. die silben „hu“ und „la“ bedeuten „energie“ und „sonne“. das wärmt mich, das macht glücklich! die für hawaii zuständige göttin des tanzes heißt laka. ihre weiteren ressorts sind musik und sonnenschein, liebe und fruchtbarkeit. was sonst?!

hula, das sind sanfte schwingende tanzschritte. barfuß. ganz schlicht. jede geste ist von bedeutung, jede bewegung der hände eine vokabel: die ureinwohner polynesiens kannten keine schrift. wenn sie sich geschichten erzählten, dann tanzend. das tun sie bis heute. auch, wenn sie inzwischen schreiben können.

den hula, den tanze ich derzeit täglich. fast. ich erzähle mir geschichten von meiner insel im sonnenschein, von palmen im wind und von der liebe. einfach so. für mich. das erdet mich. mein bis dato ungeliebter entenarsch erlaubt mir dabei ausladend fröhliche hüftschwünge, von denen dünne frauen nur träumen können.

nur an der stelle, wenn ich tanzend vom meer erzähle, das ich soo sehr liebe, dann kullern regelmäßig tränen. weil ich das meer soo sehr liebe – und weil ich so lange nicht dort war. soo lange nicht.


--------

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...