Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

Einmal quer durchs Internet von unten links nach oben rechts.
Zum neuen Büro für besondere Maßnahmen // nordost
bitte hier entlang - merci bien!

Freitag, 31. Dezember 2010

younger than ever

die zeit rast, fast ist schon mitternacht. ein heftiges jahr geht zu ende. es geht so zu ende, wie es war: heftig.

marzipanferkel. glückskeks + -klee


nach wie vor lebe ich prekär und bin auf ergänzendes arbeitslosengeld angewiesen. es war bis heute um mitternacht bewilligt. den fortzahlungsantrag hatte ich mitte november gestellt. also vor fast sieben wochen. auf den bescheid habe ich bis gestern gewartet. da lag er endlich im briefkasten.

die berechnung ist mal wieder voller dummer rechenfehler. das kenn ich schon. in den leistungsstellen der arbeitsämter und arbeitsgemeinschaften werden keine rechenkünstler eingestellt. prinzipiell nicht. aber egal. muss ich halt noch mal hinschreiben, mathenachhilfe geben in den grundrechenarten.

hauptsache erst mal, dass es überhaupt einen bescheid gibt. rechtzeitig. zweite hauptsache, dass es geld gibt. pünktlich. also erst mal alles gut, dachte ich gestern. ich möchte einmal erleben, dass mit dieser behörde alles glatt geht.

denn: nichts ist gut, merke ich heute. kein geld nicht auf dem konto eingegangen. das hätte heute da sein müssen. von rechts wegen. miete, diverse versicherungen, strom, internet und telefon – alles wird am ersten werktag nach neujahr abgebucht.

wenn aber kein geld da ist, kann auch nichts abgebucht werden. das bedeutet: gebühren für diverse rückbuchungen und mitteilungen muss ich extra zahlen. an die bank und die abbucher. mein neues jahr wird mit peinlichen telefonaten, rennerei und bettelei beginnen.

ich hätte gerade noch nicht mal genug geld, um die klitzekleine stinkbombe zu basteln, die sich das alg2-amt in sechs jahren hartz4-kokolores mehr als verdient hat. aber was erwarte ich auch in einem land, in dem gesetze nach rechtskräftig verurteilten verbrechern benannt werden?

das geld für den neujahrs-wochenendeinkauf habe ich mir wo ausgeliehen und den microkredit sofort in glück und wohlstand bringende jahreswechseldevotionalien investiert. ich hab sie alle beieinander und hoffe, dass nicht noch mehr schief geht.

rechtzeitig zum jahresende fand ich übrigens heute ein weißes haar vor dem spiegel.

nein, kein kopfhaar. das ist schon ein paar jahre her, dass ich bei der haarabschneiderin saß, nachdenklich eine der gefallenen locken vom boden auflas und genauer betrachtete. ich hielt sie der friseurin hin „ist das da ein weißes haar in der locke?!“ sie sah mich verunsichert an. womöglich hatte sie angst, ich wolle sie dafür verantwortlich machen. „ja, das ist wohl ein weißes haar“, lächelte sie schüchtern. ich grinste zurück „na, das wurde aber auch zeit!“

das haar, das ich heute fand, war ein barthaar. borstig. schneeweiß. nicht sexy. ich habe es ausgezupft und aufgehoben. das habe ich also nun mit der katze gemeinsam: ein einzelnes weißes barthaar.

es wird zeit. „you are looking younger than ever“, sagte der butler zu miss mo jour, als sie sich – wie jedes jahr zu silvester – allein an den gedeckten dinnertisch setzte.


ps.
ich wünsche euch allen ein heiteres, gelassenes, elegantes, schönes, kuscheliges, gesundes, formidabel lust- und liebevolles jahr der katze. mein motto für 2011 leihe ich mir bei alice walker:

expect nothing.
live frugally
on surprise.*

* erwarte nichts. lebe genügsam von überraschungen.


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Mittwoch, 29. Dezember 2010

fitness

leider tendiere ich in den letzten jahren zum matronenspeck. ich habe an gewicht zugelegt in einer menge und einer geschwindigkeit, die mir selbst peinlich sind. ungefähr dreißig kilo in zwölf jahren.


meterweise feministische literatur haben bei mir immerhin bewirkt, dass ich weiche rundungen bei anderen frauen sehr charmant und feminin finde – bei mir selbst aber nach wie vor unterträglich. ich mache zwar selten eine konkrete diät, bin aber ständig damit beschäftigt, irgendwie abzunehmen.

das geht schon seit dreißig jahren so mit dieser irrigen, ungesunden, sehr paradoxen und bisweilen selbstschädigenden annahme, dass ich erst dann wirklich liebenswert sei, wenn ich mich erfolgreich dünne mache.

im sommer war es mir gelungen, einen teil vom übergewicht loszulassen, gut sechs kilo waren weg. ich stelle mir das abgespeckte dann gerne in buttertürmchen vor. also in einem stapel von 250g-butter-normverpackungen. jeder butterziegel ist 35 mm hoch. macht bei sechseinhalb kilo gewichtsverlust einen turm von 3,5x4x6,5 immerhin 91 zentimetern höhe. fast ein meter! dieser fett-turm war also vorher in mir drin. jetzt nicht mehr. genial!

ich war sehr stolz und fühlte mich sehr leicht und stark und hatte ambitionen, bis ende des jahres so weiter zu machen und auf der waage zumindest mal wieder eine sieben vorne stehen zu sehen. zuerst sah es auch so aus, als ob mir das gelingen könnte.

es gelang mir jedoch nicht auf dauer, mich weiterhin ausreichend zu bewegen. irgendwann saugte ich mich in alter gewohnheit am schreibtisch fest und dockte auf nimmerwiederlösen am bürostuhl an. ende oktober kippte es, und ich nahm wieder zu. oh schreck. wie gemein! wie doof! da muss ich was machen!

mehr bewegung musste her! weil ich zwar weiß, wie das geht - mir allein aber die energie und disziplin dazu fehlen, brauchte es dringend einen impuls von außen. da kam mir eine aktion des fitnessparks in der benachbarten kurstadt gerade recht:

vier wochen nutzung aller geräte des studios inklusive sauna, teilnahme an allen kursen und einmal die woche myline-ernährungsberatung für schlappe 39 öre. versprochen wurde eine gewichtsabnahme von einem kilo pro woche. zackzack!

da bin ich hin. trotz meiner vorbehalte gegen fitness-studios: ende der neunziger jahre hatte ich mal ein jahres-abo bei diesen rückenspezialisten in berlin. damals habe ich noch alkohol konsumiert. irgendwo hatte ich gelesen, dass alkoholiker muskelschwund kriegen. mein hochintelligenter umkehrschluss: wenn ich mir ein muskelaufbautraining verordne, kann ich keine alkoholikerin sein.

es war schrecklich langweilig. ich habe viel zeit investiert und mich schlechtgelaunt durch den geräteparcour gequält, mindestens einmal die woche. kaum veränderungen gespürt – und alkoholikerin war ich dann doch. trotzdem habe ich das jahresabo abgeturnt bis zum ende.

seither sind mehr als zehn jahre vergangen, und alkohol trinke ich längst nicht mehr. ich dachte also, ein neuer versuch kann nicht schaden. vielleicht hat sich in den fitnessparks dieser welt ja auch was geändert im letzten jahrzehnt? außerdem ist hier kleinkurstadt. nicht großhauptstadt.

also vier wochen fitness von ende november bis den tag vor heiligabend. ich habe mir wirklich mühe gegeben. wie im programm empfohlen, bin ich zwei- bis dreimal mal in der woche hingefahren - auch bei eis und schnee - und habe den sogenannten milon-zirkus absolviert.

das ist ein ding! per chipkarte weiß jedes gerät, wie es sich für mich einstellen muss. ich war beeindruckt. an jeder maschine sind 15 bis zwanzig bewegungswiederholungen in nur 60 sekunden zu absolvieren. dann zack! schnell runter schnell weiter ans nächste gerät die pause dauert nur dreißig sekunden.

es gibt jeweils drei kraftmaschinen und ein ausdauergerät im wechsel, insgesamt acht maschinen stehen da im kreis, zwei runden bittesehr macht 35 minuten und schon bin ich topfit und schlank wie ein tulpe!

in der kreismitte steht eine mit wasser gefüllte glassäule, die von allen immer fest im auge behalten wird wie ein götzenbild: wenn das wasser sprudelt, arbeiten! sprudelt es nicht, schnell schnell! das gerät wechseln, die anderen warten schon!

das alles ging so rasant, dass ich gar nicht wusste, wie ich da atmen und regelmäßig luft holen soll. die schnaufenden schwitzenden leiber um mich herum hätte ich ja noch irgendwie ertragen. ganz schlimm aber fand ich, dass einige – meist ziemlich dicke männer – gerne auf ihr handtuch verzichteten und munter schweißpfützen auf die gerätesitze produzierten.

in dreißig sekunden wurden die nicht trocken. den rhythmus musste ich aber einhalten und mich trotzdem auf die nassen geräte setzen. baah, was war das eklig. ich fühlte mich nicht wohl. der unverzichtbare dudelfunk zu jeder tageszeit strapazierte meine nerven zusätzlich.

die umkleiden waren nicht besser: eng und schlecht gelüftet. es roch unsauber, nicht sehr appetitlich. einmal war so viel betrieb, dass es an der rezeption keinen einzigen schlüssel mehr gab für die ohnehin zahlreichen, winzigen metallkleiderschränke.

nach dem ollen zirkeltraining ging ich jeweils eine knappe halbe stunde aufs laufband. für die ausdauer. das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber das war für mich noch das beste an dem programm. da konnte ich mir den mp3 ins ohr legen, die augen zumachen und einfach marschieren: mich abgeben, nicht organisieren, nicht achtgeben, ob und wer mir entgegenkommt. nicht denken und nichts checken müssen. das fand ich sehr erholsam. zumindest, solange nicht direkt neben mir so ein oberschnaufschweißversprüher zugange war.

an der sogenannten ernährungsberatung habe ich auch immerhin zwei mal teilgenommen, ziemlich unsortiertes geplauder. da ich im lauf meines lebens jede einzelne kalorie persönlich mit vornamen kennengelernt habe, hatte ich da allerdings auch nicht viel neues erwartet.

nett fand ich immerhin, dass es im studio wasser und sirups und tee und kaffee kostenlos gab, dass ich sogar eigene getränke mitbringen durfte. das habe ich schon anders erlebt. leider fand ich die atmosphäre insgesamt nicht sehr einladend, so dass ich weder an weiteren kursen teilnahm noch die sauna benutzt habe.

nach meinem programm wollte ich immer nur „nix wie weg“ da und raus an die frische luft. die strapazierte studioluft mussten wir uns mit zahlreichen adventskerzen teilen. ist das üblich?

abgenommen habe ich in dem ollen fitnespark nichts. ganz im gegenteil. kein wunder. bei so viel frust und selbstüberwindung, für mich unangenehme dinge zu unternehmen, braucht‘s mehr schokolade zum trost und schlagsahne zur belohnung.

immerhin kann ich jetzt sagen: „ich habe es versucht“. um mich weiterhin in form zu bringen, werde ich mir etwas anderes überlegen.

bis dahin gilt für alle speckröllchen:
das sind die inneren werte. die haben in einem zierlichen körper einfach keinen platz mehr.


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Sonntag, 26. Dezember 2010

sonnenstrahlen im winter

seit vielen wolkenschneenebeltagen lünkert heute zum ersten mal die sonne wieder auf meinen b-berg. also schnell raus aus der hütte! sind das nun große oder kleine sonnenstrahlen, die mich in der nase kitzeln?


im vergangenen herbst habe ich euch die geschichte von den sonnenstrahlenkindern erzählt, die im sommer in den weinbeeren schlafen.

wo die sonnenstrahlenkinder im winter schlafen, wurde ich gefragt? wenn gar keine weinbeeren mehr an den reben sind? und auch kein anderes obst in den gärten reift?

ich habe es ganz lange selbst nicht gewusst: im herbst wurden alle weinbeeren abgeerntet, und plötzlich waren alle sonnenstrahlenkinder verschwunden. ich habe keines mehr gesehen. nirgendwo! erst heute, am zweiten weihnachtstag, bin ich darauf gekommen:

ich bin ihnen wieder begegnet, den sonnenstrahlenkindern. in den weinbergen, wo sie sich um die kahlen kalten winzerdrähte gekringelt haben und von einem zum anderen gehüpft sind! im winter bleiben die sonnenstrahlenkinder die meiste zeit zu hause, haben sie mir erzählt.

ihr zuhause ist ja die sonne, und dort ist es schön hell und warm und kuschelig. von so viel sonnenmutterliebe werden auch die allerklitzkleinsten sonnenstrahlenbabies ein ganzes stück größer, damit sie im nächsten jahr mit auf die erde können.

das ist wichtig, denn im winter schaffen es sowieso nur die ganz großen erwachsenen und allerlängsten sonnenstrahlen bis zu uns auf die erde.

das kommt, weil die erde zwei hälften hat. eine obere hälfte, da wohnen wir. und eine untere hälfte, da wohnen andere leute. am äquator sind die beiden hälften zusammengewachsen. das ist gut so, weil dann können sie sich immer gegenseitig schwung geben, wenn eine mal ein bißchen schlapp macht.

schließlich müssen sie sich die ganze zeit umeinander drehen, damit wir tag und nacht haben. wenn wir nicht tag und nacht hätten, könntest du niemals bei vollmond über deinen eigenen schatten springen. so ist das.

wenn der sommer also schön warm und sonnig war, dann sagt unsere obere erdhälfte: „puh ist mir heiß! ich schwitze ja schon. jetzt reicht es für ein weilchen! ich ziehe mich zurück und will es mal ein bißchen kühler haben.“ - zack! und dreht sich von der sonne weg.

dann wird es bei uns kälter und wir kriegen winter, weil der abstand von der sonne zur erde so groß geworden ist, dass nur noch die allerallerdicksten großen sonnenstrahlen den langen langen weg von der sonne bis in unsere weinberge schaffen. und das auch nicht jeden tag.

da wollen sie die kleinen sonnenstrählchen lieber nicht dabei haben aus angst, dass sie es nicht bis zur erde schaffen. sie wissen ja auch nicht, wann sie wiederkommen, um ihre sonnenstrahlenkinder notfalls wieder abzuholen.

das kann ja mal ein paar tage dauern. wegen der vielen winterwolken. das wäre dumm, falls die sonnenstrahlenkinder an den winzerdrähten hängen, vor lauter glück ein mittagsschläfchen halten und womöglich den rückweg verpassen.

deswegen schickt die sonne die sonnenstrahlenkinder in unserer winterzeit lieber auf die untere hälfte der erde. weil die dann näher an der sonne ist und besser zu erreichen. da wird es dann der erde untenrum schön sommerlich warm! das ist gut, denn die leute auf der unteren hälfte mögen ja auch gerne reife weinbeeren essen. oder kiwi.

wenn unsere obere erdhälfte sich genug abgekühlt hat und ihr vor lauter eis und schnee schon selbst ganz schnatterkalt ist, dann tauschen die zwei wieder: die untere hälfte geht sich abkühlen, und die obere rückt näher an die sonne ran, um sich aufzu­wärmen. wir nennen das frühling, und unsere tage werden wieder länger und heller.

dann kommen auch die sonnen­strahlenkinder wieder öfter mit auf unsere obere erdhälfte und lassen neue weinbeeren vor lauter glück und wärme kugelrund und süß werden! und anderes obst natürlich auch.


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Mittwoch, 22. Dezember 2010

weihnachtskuchen

zwischen marzipanstollen und dominolebkuchen mal schnell mein lieblingsobst: apfelkuchen habe ich gebacken zur feier der wintersonnenwende. weil ab heute die tage nicht mehr kürzer werden. mehr als dreißig kerzen leuchten mir die dunkelste nacht des jahres, hell und warm.


wegen der optik nehme ich für meinen weihnachtskuchen ungeschälte rote äpfel. innen gelb, das macht den kuchen sonnig. für den teig feines dinkelmehl, ein freilaufendes hühnerei und gute butter, etwas zucker und sonst nix.

frohes fest!


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Sonntag, 19. Dezember 2010

keine kraft mehr

kurz nach der eröffnung meines büros für besondere maßnahmen (juli 2009) machte ich mir gedanken, wieviel output ich hier produzieren möchte und kann. eine kolumne in der woche, war mein fazit.

ministövchen: o-ton berlin
rosentasse mit goldrand: nathalija dolenc


das ging lange gut. zwischendurch gab es zusätzlich zu den ‚besonderen‘ sogar ‚kurze maßnahmen‘. weil mir die zeit zwischen zwei längeren texten zu lang wurde. weil so viel raus wollte ins WeltWeiteWeibernetz.

seit dem sommer an der see schaffe ich meine wöchentlichen maßnahmen nur noch mit mühe. dieser klinikaufenthalt liegt nun schon mehr als ein vierteljahr zurück. immer noch bin ich nur damit beschäftigt, irgendwie wieder festen boden unter die füße zu kriegen.

es gelingt mir nicht. ich fühle mich entsetzlich verloren. genau jetzt sollte ich aber fleißig texte produzieren. mein blog steht wieder auf der vorschlagsliste der mädchenmannschaft zur bloggerin des jahres.

es ehrt mich, dass mich wer vorgeschlagen hat. ich freu mich. das tut gut. schmeichelt mir ein bißchen. die mädchenmannschaft ist eine wichtige seite, macht gute arbeit, ist unverzichtbare informationsquelle und diskussionsplattform geworden.

gleichzeitig setzt es mich unter druck, besonders attraktive, gute und womöglich ‚publikumswirksame‘ maßnahmen produzieren zu müssen. das war schon im frühjahr so, als ich auf der vorschlagsliste stand für den grimme online award 2010.

nun ist so eine vorschlagsliste ja noch sehr weit entfernt von einer nominierung. die ehre, den preis dann auch zu erhalten, ist erst recht noch lange nicht in sicht. trotzdem fühle ich mich verpflichtet, dem vorschlag gerecht zu werden und die erwartungen – von wem auch immer – nicht zu enttäuschen.

das gefällt mir nicht. es nimmt mir die unbefangenheit, jetzt auch einfach mal in aller ruhe nichts zu produzieren. ausgerechnet jetzt, wo ich mich am liebsten in den winterschlaf kuscheln möchte. na ja. irgend was is‘ eben immer.

als kind hatte ich ein buch über die mumins von tove jansson. was habe ich diese kleinen wesen damals geliebt! und ich habe sie sehr beneidet: mumins dürfen sich kurz vor dem einbruch des winters den bauch kugelrund voll futtern mit tannennadeln. dann suchen sie sich ein weiches warmes dunkles plätzchen irgendwo im haus, legen sich schlafen und werden erst im frühling wieder wach, wenn draußen die ersten blümchen blühen.

ich beneide sie immer noch, meine mumins. von jahr zu jahr mehr. von jahr zu jahr erscheint mir der winter dunkler. länger. kälter. feindseliger. schwieriger auszuhalten.

in dieser jahreszeit stelle ich meinen geliebten, meinen heiligen milchkaffee auf ein kleines stövchen, damit er nicht zu schnell kalt wird. trotzdem muss ich ihn schneller trinken als sonst. stövchenkaffee schmeckt bitter, wenn er zu lange auf der flamme steht.

ihr seht, ich trinke weiter milchkaffee und halte mich wach – obwohl ich mir viel lieber auch den bauch mit tannennadeln vollschlagen, mich in eine dunkle warme ecke zurückziehen und meine nase erst dann wieder unter der bettdecke rausstecken möchte, wenn draußen frühling ist und die krokusse blühen und die primeln.

leider ist es mir nicht gelungen, mich von den mumins adoptieren zu lassen. also muss ich da durch. bei lebendigem leib. jahr für jahr.

dieses jahr fällt es mir besonders schwer. es ist die kälte, die von innen kommt. der frühe winter lässt mich umso mehr von außen frieren.

mein zwanzigzehn war entsetzlich anstrengend. dabei hatte ich mich - ganz tigresse - so gefreut auf das jahr des tigers und war mit großem mut gestartet.

ab neujahr die neue arbeitsstelle als sekretärin an der hochschule – die ich dann ende juli aufgeben musste, weil ich es schier nicht ausgehalten habe dort und weil es mich so sehr belastet, so sehr krank gemacht hat.

danach sechs wochen reha, um die ich mehr als drei jahre gekämpft und auf die ich mich so sehr gefreut hatte: es war alles falsch. ich kam kranker zurück als ich hingefahren bin und habe seither meine mitte nicht wieder gefunden. i feel so lost. und so durcheinander.

nicht einmal einen abschlussbericht habe ich hingekriegt über diese seltsamen sechs wochen in der ostseeklinik und poste seither nur noch petitessen. so vieles purzelt mir im kopf herum und in der seele. aber nix scheint geordnet rauszuwollen. es ist, als ob ich innerlich ersticke an meinen eigenen gedanken und gefühlen. wir drehen uns im kreis.

ich schleppe mich durch meinen prekären alltag, alles kostet so viel kraft. keine ahnung, wie das jemals wieder besser werden soll. kein mut mehr. keine hoffnung. ich bin schon froh, wenn ich nur meinen haushalt einigermaßen ‚gedingelt‘ kriege.

an manchen tagen ist schon das zähneputzen so dermaßen anstrengend, dass ich mich danach gleich wieder hinlegen möchte. das erlaube ich mir allerdings selten und hänge statt dessen unproduktiv vor dem pc. das sieht wenigstens so aus, als ob ich arbeite.

nur der katzencontent gelingt regelmäßig. könnte nicht mal wer diese seite für einen preis vorschlagen? das äuglein ist ja auch ein mädchen, immerhin. ein sehr flauschiges nämlich.

2011 wird das jahr der katze. so viel steht schon mal fest.


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Freitag, 10. Dezember 2010

karamelengel in freiburg

wenn über nacht alle gullideckel zugeschweisst und absperrgitter quer durch die fußgängerzone der mitteralterlichen altstadt gezogen werden, wenn die wurstbraterInnen auf dem münsterplatz ihre traditionelle rote nur noch an polizistInnen verkaufen, wenn straßenbahnen nicht mehr fahren und das volk nicht mehr durchkommt, dann ist gipfeltreffen in freiburg!

duftende orchidee: ornithorhynchum

es treffen sich die höchsten gewählten volksvertreterInnen des eigenen und des befreundeten nachbarlandes, karamelengel* meets croissant auf dem weihnachtsmarkt der selbsternannten breisgaumetropole – neudeutsch für "mitten in der provinz".

sie heißen angela merkel und nicolas sarkozy. warum sie ausgerechnet in freiburg über ihre wirtschaftliche zusammenarbeit reden müssen, wird nicht mitgeteilt. die beiden allein wären ja noch auszuhalten. aber beide haben ganze säcke voller pickeliger pfefferkuchenmänner im schlepptau.

hoffnung ist angesagt, denn das schmelzhochwasser der dreisam „will düstere woge“* sein und eitle aussenminister einfach fortspülen. mögen sie allesamt auf dem schlüpfrigen kopfsteinpflaster, das über nacht frisch mit schnee bepudert, aber rechtzeitig und mehrmals am frühen morgen und späten vormittag flott wieder sauber gefegt wurde, nicht allzusehr ausrutschen - weder physisch noch diplomatisch.

ich selbst habe von dem sogenannten hohen besuch in der stadt nur den stau mitbekommen, den ich glimpflich umschiffen konnte: alle termine pünktlich absolviert.

aber mittenrein ins getümmel, ständig den pass vorzeigen und womöglich mehrfach durchsuchen lassen, um eine „krücke im faulen arsch“* und andere „klare mängel“* zu besichtigen? das tu ich mir nicht an. deswegen gibt es von mir an dieser stelle auch kein beweis-, sondern ein duftiges blümchenfoto.

heute also weder politik noch prominenz im büro für für besondere maßnahmen.


*
„karamelengel“, „klare mängel“, „will düstere woge“ und “crook in lazy ass“ sind anagramme. bitte selbst auflösen.


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Dienstag, 30. November 2010

no/sun – no/fun – no/vember

der november wäre dann auch mal wieder so gut wie geschafft: mein maus/grau-sigster monat von allen. die welt da draußen hat alles bunte verloren. wo neulich noch mein herbstberg golden leuchtete, deutschgraut es mir heute undurchsichtig schwarzweiß.

paulownia tree in winter

ausgerechnet an einem so farblosen tag liegt ein brief von der rentenversicherung im postkasten. wie es mir denn ergangen sei in und nach der reha von juli bis september? vierzehn seiten fragebogen soll ich ausfüllen, natürlich freiwillig und anonym „unter einbeziehung von bereits über mich vorliegenden daten“. aha.

ausgerechnet von fragebögen habe ich leider die nase voll. erst recht seit meinen sechs wochen klinikaufenthalt im sommer im schönen heiligendamm an der malerischen ostostsee.

dort habe ich nämlich auch zig-seitenweise fragebögen zum ausfüllen gekriegt. kleinst gedruckt. von meiner ärztin war mir versichert worden, dass ich all die vielen fragen nur beantworten solle, damit sie mir besser helfen könne. ich war nämlich skeptisch und hatte bedenken angemeldet, dass die vielen persönlichen daten und aussagen dann unangemessenerweise bei der rentenversicherung landen könnten.

die antwort: wenn ich die fragebögen nicht ausfüllte, würde man mich zwar nicht wegen mangelnder kooperation nach hause schicken, aber man könne dann eben auch nicht so gut auf meine individuellen gesundheitlichen probleme eingehen. aha.

ich wollte geholfen werden und füllte aus so gut ich konnte. natürlich nicht, ohne ein paar antworten auf viel zu private fragen ein bißchen zu frisieren. manche sachen gehen einfach niemanden etwas an und hatten auch mit meiner diagnose nichts zu tun. etwa, ob ich rote unterwäsche bevorzuge oder schwarze oder weiße (diese frage gab es nicht – aber so ähnliche). bei solchen fragen darf man schummeln .

die folge meiner vertrauensseligen kooperation war, dass man mir dann doch nicht so richtig helfen konnte. statt dessen wurde eine große menge willkürlich zusammengetragener und für den erfolg der reha absolut unerheblicher sozialdaten über mich an die rentenversicherung weitergegeben.

zum beispiel hatte ich meiner klinikärztin mal im vertrauen erzählt, dass ich meine jüngere schwester für ein intrigantes biest halte und dass ich es schon als kleines mädchen sehr schwierig fand, mit ihr auszukommen.

jetzt steht genau das wörtlich im abschlussbericht der klinik an die rentenversicherung. juchhei. wenn es denn der gesundheitsfindung dient? stasi-esk! gesünder fühle ich mich dadurch nicht. die diskrepanz zwischen meinem persönlichen erleben der reha und dem, was im abschlussbericht dargestellt wird, ist erheblich. es ist fast, als wäre ich nicht dabei gewesen.

den abschlussbericht übrigens habe ich inzwischen mit mehreren ärztInnen und anderen vertrauensmenschen besprochen. sie fanden die sozialdatensammelwut fragwürdig, die behandlung während der reha beschämend inkompetent und nicht auf der höhe der zeit. keinesfalls „individuell, ganzheitlich, der mensch immer im mittelpunkt“ - wie es im bunten hochglanzprospekt und auf der webseite der klinik hieß.

viel mehr ging es darum, sich ins klinikkonzept einzupassen und den standardisierten ablauf nicht zu stören. das könnte daran liegen, dass hinter der klinik eine gewinnorientierte GmbH steckt. individuelle behandlung bringt natürlich das qualitätsmanagement durcheinander. das ist nicht im sinne der teilhaber.

immerhin waren die mitarbeiterInnen – bis auf wenige ausnahmen – alle sehr freundlich. ich möchte auch niemandem die kompetenz absprechen. wenn mir aber die chefärztin vor allem wegen ihrer peeptoe highheels aus mausgrauem wildleder in erinnerung geblieben ist, dann liegt das sicher nicht nur an meiner selektiven wahrnehmung. die schuhe waren übrigens weder von manolo blahnik noch von chie mihara.

ich solle eine erwerbsunfähigkeitsrente beantragen und eine umschulung machen, hatte sie mir während der knapp zehnminütigen chefarztvisite in der vierten woche empfohlen. damit ich „endlich mal durchstarten“ könne. dabei sah sie mich aufmunternd an, als ob ich debil wäre.

welche informationen braucht die rentenversicherung jetzt noch? die klinik hat ihnen doch schon alles wissenswerte mitgeteilt über mich und noch ein paar wissensunwerte zugaben obendrein.

ich habe den eindruck, die spionieren mich jetzt umgekehrt genau so aus wie vorher die klinik. wie das essen war, lautet eine der fragen. ob viele behandlungen ausfielen? welche behandlungen ich wie oft erhalten hätte? ob ich‘s gut fand? ob‘s geholfen hat?

ich weiß nicht, was ich antworten soll. wie immer, wenn ich standardisierte multiple-choice fragebögen ausfüllen soll, habe ich das gefühl, gar nicht gemeint zu sein. es ist, als ob fragen und antworten für jemand anders gemacht wären.

kaum eine frage, die ich ohne anmerkung und ausführliche erklärung beantworten möchte. sonst wird das wieder missverstanden, so pauschal und beliebig interpretierbar wie die formulierungen sind.

ganz unscheinbar finde ich ziemlich weit hinten im kleingedruckten der fragebogenausfüllanweisung den satz: „aus einer teilnahme oder nichtteilnahme entstehen Ihnen weder vorteile noch nachteile.“ die meinen den fragebogen, nicht die reha. „falls Sie nicht teilnehmen möchten, müssen Sie nichts unternehmen.“

genau das werde ich heute tun. in aller ruhe und ausführlichkeit im letzten novembernebel stochern und „nichts unternehmen“.


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Samstag, 27. November 2010

goldene maßnahme no 2

hin und wieder stolpere ich bei meinen virtuellen streifzügen durchs WeltWeiteWeibernetz über echte kronjuwelen. die berühren mein herz, die helfen mir weiter, die begleiten meinen lebensweg. die tun mir gut, die machen mich manchmal sogar glücklich. denen möchte ich gerne danke sagen.

dafür habe ich die goldene maßnahme erfunden: ob und wie ich sie vergebe, entscheide ich jedes mal aufs neue. bedingungslos. spontan und subjektiv. ich bin jury, ich bestimme adressatin und zeitpunkt. ich halte die laudatio. oder auch nicht. je nach dem ....

mehr als sieben monate sind seit der goldenen maßnahme no 1 an das begabungsblog von nathalie bromberger vergangen. viel gutes habe ich seither gelesen – aber meine ansprüche sind hoch, und echte kronjuwelen sind selten.

doch nun ist es wieder so weit: ich habe eine seite entdeckt, von der ich von anfang an richtig richtig richtig begeistert war - und die schon nach kürzester zeit eine ständige begleiterin in meinem alltag geworden ist.

das büro für besondere maßnahmen proudly presents .... tataaaa .... trommelwirbel .... große fanfare .... tuschschsch

die goldene maßnahme no. 2 ....


für Mondyoga von Sabiene Schmelmer!

sabienes yogaseite ist ein wahrer schatz für mich: seit mehr als 25 jahren übe ich yoga mal mehr, mal weniger. meistens mit kurs, weil ich es zu hause und allein so schwierig finde, mich wirklich zu konzentrieren, mich abzugeben in die übung hinein. die energie ist so anders und viel unterstützender, wenn mehrere übende in einem raum sind. und wenn da eine ist, die mir sagt, was ich wann wie und wie lange machen soll.

mit großer disziplin habe ich es im ersten halbjahr 2010 geschafft, jeden morgen sofort nach dem aufstehen den sonnengruß zu üben. täglich. vor der arbeit. ich war sehr stolz auf mich.

seitdem ich nicht mehr hochschulsekretärin bin und morgens nicht mehr zeitig aus dem haus muss, kriege ich das nicht mehr hin. ich könnte mein yoga ja auch später machen. aber später findet nur selten statt. also quasi nie.

sabiene gibt mir mit ihrem mondyoga neue impulse. fast täglich schlägt sie ein bis zwei übungen (asanas) vor, die zum jeweiligen mondzeichen passen. das passt mir prima und wird auch nicht langweilig!

all ihre übungsanleitungen werden übrigens charmant begleitet von Karlheinz, ihrem holzfigurenmodell, auf den sie nur in ausnahmefällen verzichtet.

alle anregungen und erklärungen sind geprägt von achtsamkeit, sind seriös und liebevoll, warmherzig und klug und sooo kenntnisreich und fundiert, dass ich ihre täglichen vorschläge ohne bedenken akzeptieren und umsetzen kann. ich kann alles ganz mühelos einfach an meinen sonnengruß dranhängen.

das hilft mir, mich zu fokussieren - ich kriege mich gar nicht mehr ein vor freude. und dafür, liebe sabiene, möchte ich dir von herzen danken!


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Samstag, 20. November 2010

glückskind

es gibt so tage, da könnte ich zwitschern vor freude. da passieren in meinem prekären leben dinge, von denen ich nicht mal mehr zu träumen wage. aber plötzlich sind sie echt und wahr.

amsel 

neulich vor einem monat zum beispiel. da bekam das kleine alte auto nach vielen reparaturen gegen teuer geld eine neue TÜV-plakette. gegen sehr teuer geld, das ich im grund gar nicht besitze – und doch irgendwie aufgetrieben habe, weil mir das kleine alte auto so wichtig ist. es ist schwarz.

wenn es im vergangenen jahr eine doppelte abwrackprämie gegeben hätte für autos, die doppelt so alt sind: ich hätte sie vielleicht doch genommen. so aber habe ich diesen schrottwahnsinn nicht mitgemacht. das wäre mir zu billig gewesen. für nur zweieinhalbtausend ocken hätte ich mein kleines schwarzes nicht hergegeben.

die neue TÜV-plakette war gerade mal drei tage alt, da krachte unterm auto der auspuff ab. großer schreck! und große angst, jetzt noch mehr teure reparatur bezahlen zu müssen.

mein büro liegt ein bißchen am berg, die autowerkstatt ist weiter unten im dorf. wenn das auto mal nicht anspringt, kann ich einfach runterrollen. notfalls macht der werkstattmann auch hausbesuche. das ist ein echter schatz.

der werkstattschatz machte große augen, als er den weggebrochenen auspuff an der letzten schelle hängen sah. es war ihm wohl auch peinlich, dass sowohl er als auch der TÜV-man die marode stelle übersehen hatten.

nahm er also das auto sofort auf seine halbautomatische hebebühne, besah den schaden, diagnostizierte, dass er das mal eben schweißen könne und schickte mich auf einen spaziergang in die reben.

als ich nach einer knappen stunde zurück kam, saß der auspuff wieder gerade und hatte die schönste verstärkte und kunsthandwerklich verzierte schweiss- und lötnaht von allen. an der stelle geht der auspuff sicher nie wieder kaputt.

kosten der reparatur? „nix. das schenk ich dir.“ jetzt hat das kleine alte auto einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.

da war ich glückskind vor einem monat, und in dieser woche schon wieder:

auch der klapprechner, auf dem ich die besonderen maßnahmen produziere, ist nicht mehr der jüngste. er ist zwar noch nicht so alt wie das kleine schwarze auto, aber auch schon seit 2003 auf dem markt. kleiner als der große graue kasten davor. und schwarz.

im grunde tut der klapperrechner ganz zuverlässig, was ich will; hat ein starkes 2giga-herz und für meine zwecke ausreichend graue speicherzellen. vor gut zweieinhalb jahren habe ich ihn gebraucht gekauft bei einem rentner in einem der schönen nachbardörfer.

seit einer ganzen weile aber hat das kleine schwarze notebook eine ziemlich lästige eigenart: es geht bei der arbeit einfach aus. ohne vorwarnung. mittendrin. zack! bildschirm schwarz. digitale schlafkrankheit.

wenn ich‘s danach wieder hochfahre, erscheint eine horrormeldung, weiß auf schwarzem bildschirm: ‚bad RTC battery‘. großer schreck, immer wieder!

mit bösen BIOS-batterien habe ich keine erfahrung. immer wieder habe ich den rechner einfach durch mehrfaches ein- und ausschalten ans laufen gekriegt. datum und uhrzeit wieder neu eingestellt. tutto va bene bis zum nächsten mal.

es blieb die angst, dass mein kleines schwarzes notizbuch irgendwann mausetot bleiben könnte nach so einem absturz. und dass trotz bester datensynchronisierung auf externer festplatte die schönsten maßnahmen verloren gehen könnten.

angst auch, weil computerreparatur ja teuer ist, neues notebook gleichzeitig mit neuer TÜV-plakette sowieso jenseits meines prekären budgets. da habe ich ganz schüchtern den notebook-man im anderen dorf kontaktiert, ob er wohl eine idee habe, woran das liegt und ob man da was machen könne.

prompte email zurück „Bitte bringen Sie das Notebook zu mir. Ich werde es Ihnen reparieren. Es ist nur eine Kleinigkeit.“

als ich das laptop hinbrachte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er „das kostet fast nichts.“

als ich das laptop wieder abholte und nach den reparaturkosten fragte, sagte er: „das kostet nichts.“

es war nur eine lötstelle. nebenbei hat der notebookschatz innen und außen alles geputzt, hat katzenhaare und kekskrümel entfernt und sogar die pfeilnachoben-taste repariert, die ich immer mit tesafilm gefixed hatte.

nun hat auch das kleine schwarze notebook einen eingebauten talisman mit schutzengel. ich bin entzückt. meine innere finanzministerin ist es auch.

er wollte wirklich gar kein geld. den mitgebrachten rotwein feinherb aus der winzergenossenschaft gegenüber und das stück blütenkäse aus dem bioladen hingegen nahm er gerne. ich war sehr gerührt.

ich bin sehr gerührt. so viel glückskind!
das es menschen gibt, die nicht nur das geld sehen, die andere werte leben.
das ist gut.
das tut gut.
das stärkt mein herz!


[wer hätte je gedacht, dass ich mal ein loblied auf – wenn auch ausgewählte – männer schreiben würde?! das ist die besonderste maßnahme von allen.]


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Freitag, 12. November 2010

letzte rose im herbst 2010

ende oktober oder anfang november - es ist jedes jahr ähnlich: mit großer wehmut verabschiede ich mich vom rosenduft, der meinen sommer begleitet hat.

Ikebana-Keramik: B. Weiß

in diesem jahr ist friesia die (vermutlich) letzte blühende duftrose von meinen zwölf dornen-feen, die auf dem garagendach wohnen. friesia, die so frisch nach zitronen duftet; die besonders frostharte, unermüdlich blühende, die auch im mai die erste war nach dem winterschlaf.

in der vergangenen woche habe ich diese eine nachzüglerblüte vom strauch geschnitten. innerhalb eines tages ist sie auf meinem schreibtisch verduftet und hat sich fallen lassen. seitdem liegen ihre petalen da herum und trocknen vor sich hin. sonnengelb. ich mag sie gar nicht wegräumen. draußen ist es grau.

herr de saint-exupéry ließ seinen kleinen prinzen sagen: „ce qu'ils (les hommes) cherchent pourrait être trouvé dans une seule rose …“ - „was der mensch sucht, kann er in einer einzigen rose finden.“

das finde ich zwar etwas übertrieben und plakativ, denn es gibt ne menge, was mir fehlen würde, wenn ich im leben nur diese eine rose hätte und keine mietzekatze, zum beispiel. oder all das andere zeug und erst die menschen, die mir wichtig sind. da gibt es durchaus einiges, wonach ich in meiner rose vergeblich suchen könnte.

aber es steckt schon eine menge wunder in jeder einzelnen von ihnen: nicht nur schönheit und duft der blüten. auch das wehrhafte der stacheln, das nährende der hagebutten. dass sie sorgfalt lehrt und verantwortungsgefühl, aufmerksamkeit fordert und pflege. weil sie mir vormacht, wie das geht: pause machen! weil sie hoffnung macht, zuversicht und die gewißheit, dass sie im nächsten sommer wiederkommt.

auf all das möchte ich keinesfalls verzichten - alors je suis responsable de la rose....


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Montag, 8. November 2010

flattr - der flatterknopf

ihr habt ihn bestimmt schon entdeckt, den kleinen grünen button in der linken spalte, unter dem foto vom duftenden rosenblütentee:


rose: fisherman's friend (austin) / rosenblütentee im glas


das büro für besondere maßnahmen verwendet diesen button seit etwa vier monaten. schon längst mal wollte ich ein paar zeilen schreiben über das was und warum und meine erfahrungen damit. heute ist es endlich so weit.

'flattr' ist englisch und bedeutet „schmeicheln“. wer den button klickt, landet im portal von flattr, einem micro-payment service. dort kann jedeR mitmachen für einen monatlichen betrag von mindestens zwei euro, auch wer keine eigene webseite hat. anderen webseiten, die ebenfalls dabei sind, kann man als ausdruck von dank & wohlwollen einen kleinen geldbetrag zukommen lassen, indem man den 'flatterknopf' - so nenn' ich den neudeutsch für mich - auf deren seite anklickt.

hin und wieder benutze ich flattr, um anderen blogs, die ich gut und wichtig und erfreulich finde, ein bißchen anerkennung zu spendieren.

vor allem aber benutze ich es regelmäßig, um mich bei meiner lieblings-tageszeitung für deren unschlagbaren kostenlosen onlinedienst zu bedanken. ein abo der taz könnte ich mir – prekär wie ich derzeit bin - nämlich nicht leisten. trotzdem habe ich sie täglich auf meinem schreibtisch. das finde ich gigantisch generös.

ich selbst habe übrigens via flattr bisher nicht einen einzigen cent bekommen. weder hier im büro für besondere maßnahmen noch drüben im katzencontent. das grämt mich nicht. es bestätigt allerdings eine vermutung, die ich von anfang an hatte:

flattr wird den kleineren blogs nicht viel bringen. statt dessen findet eine art umverteilung statt von vielen ‚kleinen‘ blogbetreiberInnen hin zu großen contentanbietern, bei denen sich dann das geld mehr oder weniger sammelt.

immer und an jedem flatterklick verdient natürlich flattr selbst, nämlich 5% von jedem euro, der zwischen den webseiten hin oder her fließt. am meisten aber verdient das onlinezahlungsportal paypal. die kriegen mindestens 5% von jedem euro, der bei flattr eingezahlt wird.

das wurmt mich ein bißchen. runde 10% vom kuchen nur für die verwaltung sind für meinen geschmack ein bißchen viel. andererseits will so ein portal ja auch gedingelt sein, und das kostet eben.

am meisten wurmt mich natürlich, dass ich nicht selbst auf die geniale idee gekommen bin, mich für das hin- und herschieben von geld bezahlen zu lassen. dann hätte das büro für besondere maßnahmen inzwischen eine luxus-aussicht.

aber was nicht ist, kann ja noch werden:

wer sich also bei mir einschmeicheln möchte oder wer sich von meinen texten und bildern so dermaßen geschmeichelt fühlt, dass sie ganz dringend ein paar cent dafür ausgeben möchte, macht den flattr und klickt sich da durch:

(hier steht seit Dezember 2014 kein Link mehr. Warum nicht? Siehe unten)

dies ist übrigens ein reines erklärstück. keine werbesendung. ich erhalte keinerlei provision. leider.





ps1.

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher folgende schmeicheleinheiten erhalten:
2010 - 0,90 €
2011 - 0,22 € 
2012 - 1,07 €
2013 - 0,33 € 
2014 - 0,12 €
summe einnahmen seit 2010: 2,64 €

das Büro für besondere Maßnahmen hat über Flattr bisher an andere webseiten verschmeichelt:
2010 - 18,00 €
2011 - 22,00 €
2012 - 33,00 € 
2013 - 25,00 €
summe ausgaben seit 2010: 98,00 €

(stand juni 2014)


ps2.
(im Dezember 2014)

Meine Ausgaben im Micro-Payment-Service "flattr" haben in den fünf Jahren meiner Teilnahme die Einnahmen um das fast 40-fache überstiegen. Irgendwann muss man auch den schmeichelhaftesten Realitäten ins Auge sehen – DAS hat sich nicht gelohnt. Zudem hat flattr die Konditionen sehr zu meinen Ungunsten verändert. Daher habe ich das Experiment im Herbst 2014 beendet und (als besondere Maßnehme!) meinen Account bei flattr nicht erneuert. Damit verbunden habe ich natürlich auch alle Links dorthin entfernt. Falls ich einen übersehen habe, dürft Ihr mich gerne darauf hinweisen.
Allen, die mich auf diese Weise unterstützt haben, an dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank!

Auch die Option, mir über paypal etwas zu spendieren, habe ich eingestellt. Trotzdem freue ich mich aufgrund kontinuierlicher Unterkapitalisierung auch weiterhin über jede Unterstützung. Wer mir also unbedingt etwas (finanziell) Gutes tun will, schreibt mir bitte eine eMail, dann finde ich eine Möglichkeit – die allerdings nicht mehr anonym sein wird. 

Merci & 1000Rosendank!

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Montag, 1. November 2010

allerheiligen

mit dem christengott steh‘ ich nicht auf sonderlich gutem fuße. das mag zum einen daherkommen, dass ich von den eltern nicht getauft wurde. der vater evangelisch, die mutter katholisch hatten sie ganz diplomatisch beschlossen, dass ich mir meine religion selbst aussuchen dürfe, sobald ich alt genug dazu sei.

tibetische klangschale / kuan yin / katze speckstein

als ich alt genug war, konnte ich mich nicht entschließen, an einen sogenannten lieben gott der christen zu glauben. erst recht nicht an einen, der so dermaßen jähzornig, cholerisch und unnütz strafend ist, dass er die einzigen beiden menschen aus dem paradies wegschickt, bloß weil sie neugierig waren.

eine so zutiefst unmenschliche religion, die mehr als die hälfte der menschheit der anderen knappen hälfte als unterlegen ansieht, wollte mir nicht ins herz. für – vorsichtig ausgedrückt – ‚frauenunfreundliches‘ verhalten hatte ich schon sehr früh sehr feine antennen.

all diese biblische unlogik jedenfalls von der angeblich jungfräulichen empfängnis und diese himmelschreiende ungerechtigkeit, dass nur männer spaß haben dürfen, während frauen dazu da sind, ihnen die füße zu waschen und zu küssen (stimmt die reihenfolge, wenigstens?) fand ich schlichtweg abstoßend.

so war ich in der schule vom religionsunterricht befreit. weil ich aber unter aufsichtspflicht stand, saß ich dann doch dabei – brauchte mich aber nicht zu beteiligen und konnte ganz unvoreingenommen zuhören. vor allem hatte ich keinerlei druck, irgendetwas glauben zu müssen, nur um eine gute note zu kriegen.

die geschichten aus der bibel fand ich brutal und garstig. am allergarstigsten ist die stelle im kapitel 19 der genesis, wo herr lot göttlichen besuch hat. das war den anderen bewohnern von sodom eine willkommene gelegenheit, sich lüstern vor lots haus zusammenzurotten in der absicht, sich unzüchtig über die gäste herzumachen: „Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren.“ und was macht der herr lot? um seine gäste zu retten, bietet er der geilen bande seine jungfräulichen töchter an: „Aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen! Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch herausbringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an ....“

dafür wird lot dann auch noch vom ‚lieben‘ gott gerettet. ich lernte also aus der bibel: christen finden es nicht sonderlich schlimm, jungfrauen zu vergewaltigen. männer zu vögeln ist viel schlimmer. na vielen dank.

so wurde das also nichts mit mir und dem christengott. und das wird auch nichts mehr. nicht in diesem leben. als christin hätte ich ja sowieso bloß eines. damit hat sich das thema dann auch für meine nächsten leben ohnehin erledigt, weil wiedergeburten aus christlicher sicht nicht vorgesehen sind.

meine reisen in südostasien (hier vor allem nepal), meine philosophischen studien, ein auslandsjahr in japan und – ich werde es nie vergessen! - ein persönliches interview mit seiner heiligkeit dem dalai lama haben mich buddhistin werden lassen.

die buddhistische toleranz kommt mir entgegen: es gibt keine götter, an die ich widerspruchslos glauben soll. falls jemand andere gottheiten anbeten möchte als ich selbst: nur zu - die werden einfach in den kosmos integriert. jedes hat seine aufgabe.

der buddhismus ist eine weltanschauung, eine lebenseinstellung. noch dazu eine, die mit einem einzigen essentiellen satz zum ausdruck gebracht werden kann:

jedes wesen ist auf der welt, um anderen zu helfen; wenn wir anderen – aus welchen gründen auch immer – nicht helfen können, dann sollten wir ihnen zumindest nicht schaden.

sehr einfach. sehr schlicht. und doch gar nicht immer so leicht umzusetzen. ich bin keine von den allerheiligsten.

meine persönliche allerheilige habe ich natürlich auch. natürlich eine frau: die grüne tara. in tibet der weibliche buddha des mitgefühls. in china bekannt als kuan yin. in japan heißt sie kannon.

die grüne tara schützt vor den acht arten der angst und hält den unterschied zwischen den geschlechtern für ein trugbild. als der dalai lama neulich vor ein paar jahren verkündete, dass seine nächste inkarnation auch weiblich sein könne, da hätte ich ihn am liebsten geküsst. leider lagen da schon wieder ein paar tausend kilometer zwischen uns.

die grüne tara begleitet und schützt mein leben, sie ist immer dabei. die grüne kuan yin aus chinesischem porzellan schmückt meine wohnung. sie geht mit auf reisen und begleitet mich auch virtuell als avatar.

auch ihr mantra gehört zu meinem alltag. es ist kurz, ich kann es mir gut merken:

om tare tuttare ture soha
(sehr frei: om grüne tara, du freie frau, die schnell hilft: ehre sei dir)

eine, die es ganz besonders schön chantet, ist die nepalesische nonne (ani) choying drolma. hier zum mitsingen bei youtube.


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Mittwoch, 27. Oktober 2010

ein goldenes gefühl – sicherheit

das leben ist ein ständiger fluss, alles ist in stetigem wandel. manches ändert sich einmal im lauf des lebens, anderes öfter – bisweilen sogar täglich. das macht vielen menschen angst. sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. schlimmer noch: womöglich soll alles so bleiben, wie es schon immer war. dabei vergessen sie, dass auch die dinge und angelegenheiten und vor allem die menschen, wie wir ihnen heute begegnen, nur durch wandel geworden sind.

rettungsring: seebrücke heiligendamm

wandel aber darf in deren augen nicht sein, denn dann könnte womöglich das, was ihnen jetzt lieb und teuer ist, die goldenen schätze ihres lebens, sich ändern, verschwinden, zu etwas für weniger wertvoll gehaltenem werden. dabei ist auch die frage wichtig, was denn wertvoll überhaupt ist. muss es messbar, vergleichbar sein? ist ein lottogewinn wertvoller als das lächeln eines geliebten menschen? wir entscheiden selbst!

gegen das darfnichtsein des wandels gibt es versicherungen, zu kaufen an jeder straßenecke, in jeder form und für alles denkbare, ja sogar undenkbare. ganz schlaue verkaufen versicherungen für die unwandelbarkeit von dingen, die es noch gar nicht gibt. für die sich also erst noch etwas wandeln müsste, damit sie überhaupt entstehen können. welch ein selbstbetrug!

das einzig sichere am wandel ist, dass wir ihn nicht planen können. wenn die angst vor dem wandel zur angst wird, dass die welt sich nicht im geplanten sinne wandele – dann wird das bedürfnis nach sicherheit zur absurdität, die angst vor der unsicherheit wächst ins unermeßliche.

wenn aber nichts sich wandeln darf, dann kann – konsequent logisch gedacht - auch nichts mehr besser werden, sich zum guten wenden. welch eine schreckliche vorstellung, welch ein gefängnis!

allein durch die ängste vor dem wandel wird das goldene gefühl von sicherheit zu einem unerreichbaren ideal. das ist fataler irrtum: denn wir haben jede menge sicherheit im leben, goldene momente im hier und jetzt. genau jetzt ist das, was ich in händen halte oder im kopf habe, mir sicher. und jetzt. und jetzt. nicht gestern, nicht morgen. es ist eine frage der inneren einstellung und der eigenen entscheidung, täglich aufs neue sich im wandel der welten sicher und golden zu fühlen.


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Mittwoch, 20. Oktober 2010

50 jahre

ein halbes jahrhundert. unvorstellbar. noch älter als ich ist dieser alte toaster, der ein hochzeitsgeschenk für die eltern war.

wendetoaster: rowenta, 1960

es handelt sich um einen klappen- oder wendetoaster modell E5214 von rowenta, noch produziert im von robert weintraud 1884 gegründeten stammwerk in offenbach, bevor die firma anfang der 60er jahre von amerikanischen investoren übernommen wurde. der ist also noch richtig gute ‚deutsche wertarbeit‘ sozusagen.

trotzdem hat dieser toaster in der familie meiner kindheit regelmäßig für ärger gesorgt. die brotscheiben darin werden ‚halbautomatisch‘ gewendet, indem man die klappe weit nach unten öffnet. dann dreht sich das brot wie von selbst. aber es gibt weder timer noch abschaltautomatik, die toasts wollen immer beobachtet und im genau abgepassten augenblick gewendet sein.

die mutter war damit oft überfordert, weil sie gleichzeitig noch die eier mit speck zubereiten, kaffee kochen, frühstückstisch decken, den kohleofen einheizen, die lockenwickler aus den eigenen haaren nehmen, uns wecken und den vater aus dem bett locken musste.

immer wieder wurden ihr die toastscheiben kohlpechrabenschwarz. den brotkoks haben wir dann mit einem messer über dem spülstein abgeschrappt. wenn der geruch kippte von duftendem golden toast zum angebrannten brot, wussten wir, dass spätestens da auch mutters sonntagslaune gekippt war.

der alte 'turn-over' ist also weder praktisch noch pflegeleicht, deswegen wurde er irgendwann gegen ein anderes modell ausgetauscht: eines, das die fertig getoasteten scheiben auswirft, sobald sie die gewünschte bräunung haben.

trotzdem liebte ich den rowenta heiß und innig. vielleicht, weil er den eltern nicht gut genug war. da hatten wir etwas gemeinsam. vor allem aber deshalb, weil nicht nur genormte toastscheiben reinpassen, sondern auch mal ein halbes brötchen, auch kanten oder unegal abgeschnittene brotscheiben. weil er mich achtsamkeit lehrt und konzentration.

als ich mit achtzehn jahren in eine eigene wohnung zog, nahm ich den alten toaster mit und wieder in betrieb. er ist mir bis heute treu geblieben.

ich habe ihn aber auch nie verraten. einmal hat die mutter mir einen ihrer ‚praktischen‘ automatik-toaster aus dem ewigen quelle-katalog geschenkt. ich habe die annahme verweigert. die mutter verstand das nicht. die mutter verstand mich nicht.

in den dreißig jahren, die wir miteinander verbracht haben, mein toaster und ich, habe ich oft das chrom poliert, die elektrik ein paar mal repariert, abgebrochene bakelit-teile wieder angeklebt, ihm eine neue schnur spendiert.

das erstaunliche ist nicht, dass ich dieses oder andere geräte – wie die 20-jährige caffettiera zum beispiel - schon so lange in meinem haushalt habe. erschreckend ist vielmehr, dass ich schon so alt bin, dass die dinge so lange bei mir gewesen sein können.

was wusste ich denn mit achtzehn, werwiewo ich mit ende vierzig sein würde? dass dann alles anders wäre, als ich es mir als teenager erträumte – dass ausgerechnet dieser toaster aber unverändert dabei wäre?

zu meiner herkunftsfamilie habe ich ‚aus gründen‘ seit jahren keinen kontakt mehr. trotzdem habe ich natürlich gewisse daten im kopf. die eltern begehen heute goldene hochzeit. ohne den toaster.

wir wünschen - trotz allem - liebe, gesundheit und glück aus der ferne und feiern hier ein eigenes fest: herzlichen glückwunsch zum 50. geburtstag, mein toaster!


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Sonntag, 17. Oktober 2010

rituale no. 2 – la caffettiera

ich schrieb es schon mal zu anfang des jahres, als ich von meinem sonntagsfrühstück berichtete, dass mir rituale - also die kleinen selbstgewählten regelmäßigkeiten im alltag - halt geben.

hat eigentlich irgend eineR von euch gemerkt, dass ich da im februar ein kochrezept verbraten habe? so weit war es gekommen mit mir! ‚damals‘ gehörte ich zur arbeitenden bevölkerung, meine akkus waren ziemlich leer: eier mit speck füllten meine kreativen lücken.

espressokocher: VeV viganò, 1990

zur zeit bin ich wieder freie radikale. das bedeutet: ich produziere drei bis vier texte in der woche, gebe kurse zwei bis drei mal im monat. den rest der zeit bin ich damit beschäftigt, meinen alltag zu organisieren, irgendwie wieder boden unter die füße zu bekommen und diese bodenhaftung dann auch möglichst zu behalten.

rituale sind da ganz besonders wichtig, weil sie mir helfen, struktur in mein leben zu bringen. die bereits erwähnten ‚eier mit speck‘ gibt es bei mir ungefähr einmal in der woche. es gibt auch rituale, die finden täglich statt. ganz regelmäßig, ohne ausnahme.

die rede ist von meinem allerliebsten lieblingsritual. damit beginnt mein tag. ein tag, der so nicht beginnt, ist keiner:

das kaffeekochen. mit dem italienischen espressokocher. seit dreißig jahren geht das schon so. quasi jeden morgen. verschone mich bloß mit filterkaffee!

meine erste caffettiera bekam ich mit achtzehn. von einem italienischen freund aus rom. die war noch aus aluminium, in der typischen achteck-form, per due tazze. bei uns im rheinland kannte man das damals noch nicht. für die ersatzteile fuhr ich ‚mal eben‘ nach roma. den schlüssel für die wohnung in tiburtina hinter der stazione termini besitze ich noch heute.

später wurden meine espressokocherinnen größer. die aktuelle ist aus edelstahl, natürlich aus italien, sechs tassen. sie bedient mich seit zwanzig jahren mehrmals täglich. es ist jeden morgen dasselbe in meiner kleinen zwergenküche, ein fest einstudierter tanz:

caffettiera von der anrichte nehmen. vierteldrehung nach rechts. ober- und unterteil auseinanderschrauben. sieb herausnehmen. kaffeerest vom vortag in den müll schnicken. alle teile kurz abspülen. trocknen. wasser ins unterteil einfüllen. vierteldrehung links. unterteil absetzen. sieb einsetzen. halbe drehung rechts: kaffeedose mit links vom regal nehmen. den kaffeelöffel, der immer obenauf liegt, in die andere hand. halbe drehung zurück nach links, derweil den deckel von der dose abnehmen. drei portionen pulver ins sieb füllen. kaffeelöffel leicht auf den siebrand schlagen, damit letzte pulverkörnchen abfallen. halbe drehung nach rechts. derweil deckel auf die kaffeedose drücken. dose im regal abstellen und löffel obenauf legen. viertel drehung nach links. caffettiera-oberteil von der spüle nehmen. viertel drehung nach links. oberteil aufs unterteil schrauben. gut festzurren. dabei richtigen drehmoment abpassen.

dann wird‘s sportlich: griff nach links oben, leichte körperdehnung: da steht der rote campinggaskocher im regal. der espresso muss aufs feuer. in berlin hatte ich gasherd und passende verkleinerungsringe. hier in dreyeckland südwest habe ich nur eletroherd. schrecklich. damit kann man aufwärmen, aber nicht kochen. erst recht keinen kaffee. etwa alle zehn bis vierzehn tage braucht der kocher eine neue kartusche.

den gaskocher auf die anrichte stellen. caffettiera obenauf mittig ausrichten. anzünden mit streichholz. feuer zu feuer. ende des ersten akts.

es geht gleich weiter mit einer halben drehung und griff nach rechts rückwärts: die stehen die großen milchkaffeeschalen im regal. die lieblingstasse für den tag auswählen, körperdrehung zurück, tasse abstellen. vierteldrehung nach links, kühlschranktüre öffnen, milchtüte aus der tür nehmen, kühlschranktüre schließen. etwas milch in die tasse füllen. dabei zähle ich bis drei. dann ist immer gleich viel milch in der großen tasse. milchtüte zurück in den kühlschrank.

die schöne tasse mit dem schluck milch kommt jetzt für dreißig sekunden in die mikrowelle. dann ist die milch warm, die tasse ebenso. nichts ist schlimmer, als heißen kaffee in eine kalte tasse zu füllen. pfui!

bis der kaffee sich gemacht hat, haben wir eine kurze pause. zeit genug, um das katzenfutter zu richten oder die spülmaschine auszuräumen.

wenn der espresso aus dem röhrchen sprotzelt und faucht – oh wie ich dieses geräusch liebe, und erst den duft dazu! - dann wird die milch mit dem schneebesen schaumig gerührt. hauptsache, die milchhaut ist mikroskopisch klein zerstückselt. die mag ich nämlich nicht.

dann den espresso schwungvoll hinein, möglichst nach latte art ein herzchen in den schaum dekoriert. caffetiera abstellen, den feuerwehrroten gaskocher wieder hoch ins regal mit leichter drehung und dehnung nach links oben. zurück auf den boden, griff ins regal geradeaus hinter dem herd: kleine kakaowolke auf den milchschaum stäuben. fertig.

und dann. dann! jaaaaa!

während ich dies schrieb, habe ich zwei mal kaffee gekocht. es ist aber auch zu schön.


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Mittwoch, 13. Oktober 2010

kaffeehaus

das tal versinkt im herbstnebel, mein büro ist heute völlig aussichtslos. nicht mal mehr die kirche ist noch im dorf.


was bin ich da froh, dass ich - gestern erst! – mir den luxus einer sonnigen kaffeehaussitzung gegönnt habe. für viele menschen ist das nichts besonderes, die machen das jeden tag. früher war das bei mir nicht anders. die lebensumstände haben sich geändert.

wenn eine am prekären rand der gesellschaft lebt, will jedes ‚die wohnung verlassen‘ sehr gut überlegt und geplant sein, denn es ist (fast) immer mit ‚geld ausgeben‘ verbunden: „wenn ich heute da und da hinfahre, reicht das benzin im tank dann in der kommenden woche noch für den arztbesuch in der stadt?“

ich hasse diese erbsenzählergedanken, aber ich muss sie mir machen. auf dem land sind die wege weit, ich habe nicht immer die kraft, alles mit dem fahrrad zu erledigen.

[.... genau an dieser stelle muss ich beim ‚schreiben im nebel‘ jetzt sehr sehr aufpassen, dass mir nicht nur jämmerliche gedanken und „esistallessoanstrengendleerundlieblosinmeinemleben“-sätze in die tastatur wollen. das ist schrecklich! vier mal schon habe ich neu angefangen mit meinem heutigen text]

also noch mal von vorne:

gestern war ein milder sonniger herbsttag. ich war mit dem rad in der großen stadt zu einem arzttermin. frühmorgens losgeradelt bei temperaturen knapp über null (auf den autoscheiben war noch frost), eingepackt in handschuhe, schal und mütze, konnte ich am mittag ohne jacke draußen bei fast 20 grad in der sonne sitzen. wonne!

kaffeehaussitzungen sind für mich selten geworden. ich tue dann so, als wäre ich im urlaub, nehme mein notizbuch und schreibe auf, was ich sehe, was ich denke.... nix literarisches, eher geschriebene skizzen. so, wie andere leute fotografieren oder bilder malen.

das 'schreiben in cafés' begleitet mich seit mehr als dreißig jahren. immer, wenn ich alleine unterwegs bin. viele meiner tagebücher sind an kaffeehaustischen entstanden. wenn ich das heute noch einmal lese, erinnere ich mich an die schönen aussichten von damals. und an das strahlende lächeln charmanter kellner, die mir den milchkaffee servierten, als wäre es der hauptgewinn im lotto.

wenn ich mit begleitung im café sitze, dann gucke ich gern leute und lästere übers volk. das hat mir mein arzt verordnet. ich soll auf keinen fall immer nur probleme wälzen und psychologisieren. „Das ist Gift für die Seele! Setzen Sie sich mit der besten Freundin auf einen Ausflugsdampfer, ziehen sie über die anderen Passagiere her und machen sich einen lustigen Nachmittag!“ das hat der gesagt. damals, in berlin.

ohne begleitung ist das schwer möglich: ich bin zu schüchtern, um laute selbstgespräche zu führen. also schreibe ich alles auf. das ist sehr erholsam für mein herz, ein kurzes ausruhen vom kargen leben im prekariat. tiefes aufatmen von der oft schwierigen organisation des alltags.

kaffeehaussitzungen zählen zu den besonderen maßnahmen. ich versuche, mir das so oft wie möglich zu schenken: der kleine luxus eines milchkaffees auf der sonnenseite gehört zu meinen lebensnotwendigkeiten. auch wenn die aussichten nicht mehr so schön sind und das lächeln der kellner gerade noch für einen trostpreis reicht.


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Donnerstag, 7. Oktober 2010

vertrauenssache

es hat ein bißchen was von schlaraffenland. ich gehe im dorf spazieren oder bin mit dem rad unterwegs im markgräflerland. immer wieder sehe ich da unterwegs ein tischlein-deck-dich - am straßenrand, an der hausecke, vor einer gartenmauer ....

weinbeeren: gutedel

je nach jahreszeit frisch bestückt mit allem, was der private garten gerade so hergibt – und was die gärtnerin im augenblick selbst nicht verwerten kann.

jetzt im herbst sind das weinbeeren, kürbisse, äpfel, nüsse. im frühjahr spargel, erdbeeren oder kirschen. blumen der saison aus dem bauerngarten. im sommer gemüse und kräuter, frisch gekochte marmeladen und gelees, manchmal in abenteuerlichen kombinationen wie zum beispiel birne-rosmarin.

früchte und gemüse: markgräflerland

immer liegt eine preisliste dabei. oder es kleben kleine schilder auf der ware. eine kasse steht auf dem tisch, manchmal eine kaffeedose mit schlitz im deckel oder ein sparschwein. kein mensch weit und breit. das bißchen, was der garten übrig hat, reicht nicht für einen eigenen laden, geschweige denn für den verkauf irgendwo anders.

die ernte teilen: herbst 2010

die dorfbewohner teilen ihre ernte mit den nachbarn. wie ich das liebe! ich nehme, was mir gerade in den speiseplan passt, freue mich riesig über frische ware, zudem meist noch bio – und zähle mein kleingeld passend ab.

dieses vertrauen rührt mich so sehr an, dass ich es mit dem herzen kaum fassen kann. und nie, aber auch wirklich niemals käme ich auf die idee, an einem solchen ort die zeche zu prellen.


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Sonntag, 3. Oktober 2010

beige

„werd‘ bloß nicht beige!“ greinte meine freundin neulich, als ich ihr mein neuestes werk vorführte. nicht, dass ich so eine olle strickliesel wäre. aber manchmal, dann packt es mich: ich muss was mit den eigenen händen machen, weil ich dringend ein vorzeigbares ergebnis brauche, um meine existenz zu spüren.

pulswärmer: silky madil / lenpur

in solchen momenten steige ich in meine kochtöpfe, werfe die nähmaschine an oder hocke mich mit den stricknadeln vor die glotze. keine angst – das büro für besondere maßnahmen wird jetzt nicht zum do-it-yourself blog. ich erkläre auch nicht im détail, wie ich diese zauberhaften pulswärmer aus seidiger bambus-viskose mit einer satin-rosenapplikation auf der herzensseite fabriziert habe. die farbe? helllichtsandeierschale, würde ich mal sagen. aber beige ist das ganz sicher nicht!

die bemerkung meiner freundin jedenfalls brachte mich zum nachdenken und beobachten. tatsächlich habe ich festgestellt: mit steigendem alter nimmt bei gewissen menschen die vorliebe für natur- und erdtöne zu.

beige ist ja nicht nur keine farbe, sondern bisweilen auch synonym für „farblos und langweilig“, bedeutet im übertragenen sinne „freudlos und unflexibel“. in der reha habe ich das ganz klar erlebt. da ertrank ich fast in einem meer von beigen zeitgenossen. undefinierbar unauffällig. dazwischen ich und ein paar andere bunte vögel, die misstrauisch abwertend beäugt wurden.

beige kommt daher mit dem attribut „pflegeleicht“. in allen schattierungen, und spätestens mit den wechseljahren. da schüttelt‘s mich! ich bin weder knitterarm noch faltenfrei! schließlich habe ich mir erst vor kurzem eine neue schwarze lederjacke zugelegt. ich bin doch keine isabell!

tatsache ist, dass ich schon vor einer ganzen weile beschlossen habe, meinen seit mehr als drei jahrzehnten fast durchgängig schwarzen kleiderschrank farblich ein wenig aufzulockern. das ist harte arbeit, weil ich aus alter gewohnheit meistens dann doch wieder mit etwas kleinem schwarzen nach hause komme.

was kombiniert sich gut mit schwarz? richtig. ungefärbte naturmaterialien. erdtöne. sagte die farbberaterin meines vertrauens. au weia. das war ein schock! zum glück steht mir aber auch petrolgrünmeerblau ganz hervorragend. und rot erst! zwischen radikalschwarz und farblosbeige gibt es also eine menge bunter zwischentöne, und ich werde hoffentlich noch lange damit beschäftigt sein, die alle auszukosten.

nebenbei frage ich mich, ob diese beige angelegenheit nicht auch ein eher deutsches „phänomen“ ist. in anderen ländern ist mir das nie aufgefallen, dass die kleidung mit dem alter der trägerInnen farbloser wird. aber vielleicht liegt das auch daran, dass die deutschen oft so graue gesichter haben, verbittert wirken und so wenig lachen. dann ist es ganz egal, welche farben sie tragen – es fühlt sich ‚immer irgendwie beige‘ an.

damit aber liegen die deutschen durchaus im universellen trend. die farbe des gesamten kompletten universums ist nämlich – na was wohl? beige! das haben die sternengucker herausgefunden. astronomen nannten die farbe freundlich „cosmic latte“.

ich fass es nicht! muss ich jetzt doch beige werden? oder bin ich es etwa schon!?

schnell noch ein milchkaffee. einen ganz irdischen, bitte!


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Mittwoch, 29. September 2010

was bleibt

mit dem loslassen bin ich noch längst nicht fertig. das ist für mich ein lebenslanger prozess, alles ist immer im fluss. manchmal gerät er ins stocken. manchmal gibt es ereignisse im innen oder außen, die ihn beschleunigen.

strandgut: sand, granitkiesel, rosa rugosa, haselnüsse, muscheln

die zeit am meer war für mich eine solche gelegenheit. sehr erstaunlich, mit wie wenig zeug ich doch eine ganze weile ganz prima ausgekommen bin. andere hatten weitaus mehr gepäck als ich. in beide richtungen.

natürlich ist auch bei mir einiges dazugekommen. ein neuer sand zum beispiel für meine sandstrandsandsammlung. auch die getrocknete rosenblüte von der promenade bleibt ein weilchen. ebenso die zwei noch nicht eingelösten zaubernüsse, die das rote eichhörnchen im patientengarten mir vor die füße warf.

untrennbar verbunden mit der frage „was lasse ich gehen?“ ist der andere pol: was nehme ich mit? was wird mich noch eine weile begleiten? was ist mir wichtig? was gibt mir halt, im augenblick?

die antwort auf diese fragen ist niemals endgültig. anders als die nach dem loslassen. was ich einmal weggegeben habe, ist für immer fort. bei dingen, die ich jetzt behalte, kann ich mir die gleiche frage in einem monat oder einem jahr noch einmal stellen.

das macht das loslassen für mich schwieriger als das behalten.

außerdem stelle ich fest, dass mit zunehmendem alter meine dinge sich vermehren. ist das so, weil ich jetzt, mit ende vierzig, mehr gelegenheiten gelebt habe, an die ich mich erinnern möchte als - sagen wir mal – mit achtzehn? mit achtzehn zog ich von den eltern fort und nahm fast nichts mit. mein umzugszeug passte damals in zwei pappkartons. inzwischen brauche ich einen mittelgroßen LKW.

warum ist das so viel geworden? habe ich angst, dass meine erinnerung mich vergisst, wenn ich keine beweisstücke mehr in meiner nähe habe? ich gebe zu: ja, das habe ich. manchmal blättere ich alte briefe durch und weiß nicht mehr, wer das überhaupt war, die mir da so liebevoll geschrieben hat. dann erschrecke ich sehr.

seitdem ich finanziell so prekär dastehe, behalte ich mehr als früher, gebe weniger fort. schätze mal, das ist die angst, die dinge nicht mehr einfach so nachkaufen zu können, falls ich sie doch mal wieder brauchen sollte. je weniger geld eine hat, desto mehr gibt sie ja anteilig aus. wenn man tausend euro hat im monat, sind 25 euro für eine handgefertigte schöne milchkaffeetasse aus hauchdünner keramik im verhältnis weniger als wenn man nur 350 hat. das macht die einzelnen dinge wertvoller, auch wenn der preis der gleiche ist.

es ist - merkwürdig genug - auch ein elterlich erlebter alptraum, der mir als kind vererbt wurde. die waren ausgebombt im krieg. nichts mehr gehabt als die kleider am leib. es war schon seltsam genug, als ich mal den wohnungsschlüssel verloren hatte. ich wusste doch, die wohnung war noch da und all mein zeug darin ebenso.

aber die umgekehrte vorstellung: den schlüssel in der tasche zu haben, nach hause zu kommen – und die ganze wohnung und alles zeug darin ist weg und auf immer verloren?!  ich träume das oft, dass ich irgendwo bin, wo eigentlich meine wohnung sein sollte – aber ich bin da ganz verkehrt, gehöre da nicht hin, darf da nicht mehr sein, habe kein zuhause mehr. alles weg. alles sehr feindlich. kein ort mein ort, nirgends nicht.

irgendwie macht‘s auch die einsamkeit, das beziehungsfreie flottieren im kosmos, dass ich mein herz bisweilen mehr an dinge hänge. es ist ja nur ganz selten jemand da, mit der ich solche entzückenden kleinigkeiten wieder wachrufen könnte, wie damals …. „weißt du noch, als wir miteinander auf bali waren, in dem künstlerdorf klungkung, abends auf dem nightmarket, an dem kleinen food-stall die frau mit den schwarzen betel-zähnen, der ihre hühnersuppe, wie lecker die war?!“

als der kokosnussschalensuppenlöffel, den ich mir damals kurz vor oder nach der suppe dort gekauft hatte, kaputt ging – da habe ich rotz und wasser geheult. es ist, als ob es jetzt keinen zeugen mehr gäbe für mein abenteuer.

aus genau diesem grund müssen manche sachen einfach bleiben, bis sie auseinanderfallen. die könnte ich niemals weggeben. weil sie eine geschichte haben, die kein anderer kennt und die nur für mich wichtig ist.

das kleine pressglaskännchen zum beispiel, das seit jahr und tag in allen wohnungen egal wo ich war alle umzüge mitgemacht und überlebt hat, immer mit bestem olivenöl gefüllt in meinem gewürzregal am herd steht und täglich in gebrauch ist, und das, obwohl es eigentlich ein bißchen häßlich ist und als ölkännchen viel zu klein und – was noch schlimmer ist – obwohl es tropft! dieses glaskännchen stand vor mehr als einem vierteljahrhundert an einem geburtstagsmorgen als geschenk mit einer rose drin vor der tür meiner studentenbude. so viel liebe kann ich doch nicht einfach wegwerfen! keine frage: das bleibt.

das weggeben übrigens, fällt mir leichter, wenn ich weiß, dass dinge, die „noch gut“ sind, irgendwo anders weiter benutzt werden. in vielen städten gibt es mittlerweile verschenkmärkte. das sind webseiten für kostenlose kleinanzeigen, wenn man seine sachen kostenlos hergibt. das verringert den sperrmüll einerseits, spart geld und schont die umwelt. schicke sache das.

dann gibt es natürlich noch freecycle – das weltweite verschenkenetzwerk – mit ganz vielen lokal organisierten gruppen auch in deutschland. da habe ich schon einiges hingegeben, leichten herzens – und auch schon das eine oder andere „für umme“ abgestaubt.

da ist dann zwar „die sache“ weg - aber es bleibt ein gutes gefühl, ein ganz aufgeräumtes.


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