Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

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Zum neuen Büro für besondere Maßnahmen // nordost
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Mittwoch, 30. Juni 2010

retro: junineumond 4

bevor mein sommer in brd südwest tatsächlich körpertemperaturen erreicht, mir gehirn und laptop womöglich ganz flüssig werden, hier nun der letzte teil meiner kleinen japanischen love story.


geblieben ist mir außer der sweet memory ein inzwischen völlig abgenudeltes denon tape mit alten aufnahmen von nina simone aus den frühen sechziger jahren (unter anderem einer wunderbaren blues-version von cotton-eyed joe), die wir in jener nacht hörten – und ein unscharfes foto, das meine erinnerung foppt.

[zum nachlesen, was vorher war: teil 1 und teil 2 und teil 3]

junineumond vierter teil:

die rosa plastikschlappen brachten den kaffee. das lenkte sie einen moment lang ab. der kaffee war heiß und stark und gut. sie mußte ihn gerade erst frisch aufgebrüht haben. es war genau das, was sie jetzt brauchte. das dumpfe gefühl in ihrem kopf schwand für eine weile. das gefühl, sich wie in einem surrealistischen film zu bewegen, blieb.

während er seinen reis aß, plauderten sie belanglosigkeiten. nicht viel, nur gerade eben so viel, dass sie den kontakt zueinander nicht verloren. immer wieder pausen, in denen sie durch die fensterscheibe das hektische treiben der geräuschlosen welt da draußen verfolgten. es war wie im kino: stumm­film. lange pausen, wenn sie sich nur ansahen. immer noch hungrig. anders. hauthungrig.

sie bestellten noch einen kaffee. sie ging zur toilette. als sie sich toiletten­papier nahm und die rolle sich in bewegung setzte, war eine spieluhr darin versteckt: „üb’ immer treu und redlichkeit...“ klimperte es blechern. sie grinste. auch das gehörte wohl zum film.

sie ließ sich zeit. aus dem café hörte sie nun klavierspiel. sie wußte, dass er für sie spielte und wurde noch etwas langsamer.

als sie in den gastraum zurückging, war sie erstaunt, wie voll der klang des klavieres war. der ganze raum schien nur noch aus tönen zu bestehen.

er sah zu ihr auf, entzücken in den augen: das klavier war bis zur unkennt­lichkeit verstimmt, und er war begeistert ob der unerwarteten töne, die seine professsionellen hände ihm entlockten. so etwas hatte er noch nicht erlebt. wie ein kind saß er da und lauschte dem, was eigentlich wie sein lieblings­stück von thelonious monk hätte klingen sollen. jede einzelne taste barg eine neue überraschung, er konnte gar nicht genug kriegen.

sie lachte ihn an. setzte sich an den tisch zurück, badete in der eigenartigen musik, sah ihm beim spielen zu. und genoß es.

auch das gehörte zum film: es hätte gar kein gestimmtes, wohltemperiertes klavier sein können. unmöglich. er spielte nur für sie, ein nie zuvor gehörtes konzert, das es so nie wieder geben würde. dafür liebte sie ihn umso mehr!

da bleischwere gefühl kam zurück, ihr körper forderte den ausgelassenen schlaf. sie konnte sich kaum noch bewegen. selbst das heben der kaffee­tasse schien ihr plötzlich unmöglich. seine töne verzauberten und lähmten sie.

die alte frau im blümchenkleid stand jetzt hinter der theke und starrte gebannt auf diesen seltsamen pianisten, der ihr altes totgeglaubtes piano wieder zum leben erweckte. oder war sie es, die ihn hypnotisierte und sein spiel erst möglich machte?

es schien eine ewigkeit zu vergehen, ehe er des spielens müde wurde und freudestrahlend zu ihr zurückkehrte. nicht, ohne sich höflich bei der alten dame mit den grauen ringelsöckchen bedankt zu haben, dass sie ihm das spielen auf ihrem instrument erlaubt hatte. trug sie wirklich lockenwickler im haar?

schweigend leerten sie die kaffeetassen. weiterhin blicke statt berührungen. matte, träge bewegungen. sie mochten nicht mehr bleiben und mochten auch nicht gehen, da sie um die grelle hitze wußten, die draußen wieder über sie herfallen würde. zuviel für müde, sehnsüchtige körper.

es half nichts. sie konnten nicht im café mittagschlaf halten. sie zahlten, und begleitet vom klimpern des wechselgeldes schnarrte die stimme: „bitte kommen sie bald wieder einmal her und spielen sie für mich.“ dabei zwinkerte sie ihn mit beiden augen an. „ja, bitte lassen sie mich bald wieder einmal spielen. es ist ein ganz besonderes klavier.“ er verbeugte sich.

sie verließen die kühle höhle aus rotem plüsch. die welt draußen empfing sie wie eine wand aus lähmender hitze und licht und lärm. schweiß perlte aus allen poren. das war das ende des films. all der zauber des morgens schien im café zurückgeblieben zu sein. allein die müdigkeit blieb ihnen und der schmerz der erbarmungslosen mittagssonne in den ungeschützten augen.

er brachte sie nach hause. vorsichtig schloß sie das hohe gartentor. nur ja keine überflüssige bewegung und kein geräusch zuviel. durch die schmiedeeisernen gitterstäbe hindurch verschränkte er seine hände in die ihren, zog sie zu sich heran zu einem letzten kuß. sie sah ihm nach, wie er durch die schmale gasse davonging. die katze. die große uhr im haus schlug zwölf. high noon.

als sie ein paar tage später noch einmal wie zum abschied die hauptstraße an derselben stelle entlangging, war das café verschwunden.

.... schnörkelgeigenschluchz: the end

abspann: diese körper haben nie zueinander gefunden. wir sind uns noch ein-, zweimal begegnet an diesen letzten junitagen in kyoto. immer öffentlich.

als ich im flieger saß nach hongkong - genau heute vor zwanzig jahren -, da sah ich ihn grinsend auf der rechten tragfläche sitzen. die ganze zeit. er baumelte mit den beinen und zwinkerte mir zu. ganz sicher.


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Montag, 28. Juni 2010

retro: junineumond 3

mir tut nicht nur die pause gut, sondern auch die hitze: ich schwitze gern! welch eine schöne koinzidenz, dass die hiesigen sommertemperaturen immer mehr denen aus der geschichte entsprechen: um die 37 grad waren es an jenem sonntag vor zwanzig jahren, meinem letzten in japan. hier der dritte teil meiner leicht surrealen seifenoper:


wir erinnern uns: unsere heldin ist verkatert [teil 1] und blickt beim aufwachen in ein lächelndes gesicht [teil 2], mit dessen charmantem besitzer sie nun frühstücken wird:
sie hatte keine sonnenbrille, und die gleißende hitze schmerzte in den augen.
er kannte die schleichwege und selbst die kleinsten gassen der umgebung, ihr weg führte sie an mehreren cafés vorbei. sie waren alle geschlossen. welch ein sonntagmorgen. die große odyssee auf der suche nach einer tasse kaffee, durch die hitze, durch das licht.

auf der hauptstraße schließlich fanden sie eins, das geöffnet hatte. sie hatte es noch nie bemerkt, vorher, obwohl sie fast täglich hier entlang gekommen war. all die zeit war es ihr völlig verborgen geblieben, daß es an dieser stelle ein café gab. sie wunderte sich. es hätte ihr doch auffallen müssen. sie kannte doch sonst jedes haus und jedes geschäft in diesem stück der straße.

sie zögerten erst, hineinzugehen. es hatte überhaupt nichts gemeinsam mit der art von café, die sie sonst besuchten. es war nicht gestylt und nicht designed, und mit der dichten, vergilbten raffgardine vor dem fenster wirkte es eher in sich zurückgezogen.

aber immerhin: durch die gardine hindurch konnten sie einen tisch in der fensternische erkennen, und der war frei. sie gingen hinein.

das erste, was ihnen auffiel: die klimaanlage funktionierte. sie waren froh, der grellen hitze entkommen zu sein, und sie sanken in die roten plüsch­sessel, mit dem gesicht zum fenster.

beim eintreten war ihnen von jenseits der theke ein krächzendes „kommen sie nur herein!“ entgegengetönt. doch ihre augen, noch geblendet von der sonne draußen und noch nicht gewöhnt an das halbdunkel hier drinnen, hat­ten nicht erkennen können, wer zu dieser stimme gehörte.

nun kam sie auf sie zu, diese stimme, um ihnen eine fast schon verwitterte, in schnörkeligen schriftzeichen gemalte karte zu bringen.

die stimme gehörte zu einer frau. sie war mindestens anderthalb kopf kleiner als sie selbst, der körper leicht gedrungen, wie zusammengestaucht, und der kopf schien ohne hals direkt auf den schultern zu sitzen. sie trug ein ver­waschenes kittelkleid von irgendwie roter farbe mit streublümchen-muster. darüber eine halbe küchenschürze, die war fleckig und vergraut, ließ aber ebenfalls die ehemalige existenz eines blümchenmusters erkennen. ihre kurzen beine steckten in söckchen von undefinierbar braun-grauer farbe, die sich locker um die fesseln in falten legten. die söckchen wiederum steckten in leuchtend rosa plastikschlappen.

zum ersten mal fragte sie sich, ob es in diesem land wohl auch so etwas wie hexen gäbe. wenn es welche gäbe, dann würden sie sicher so aussehen wie diese caféfrau. heutzutage zumindest.

sie war gar nicht unfreundlich, obwohl sie die einzigen gäste waren und offensichtlich die ruhe ihres sonntagmorgens gestört hatten. höflich nahm sie ihre bestellung entgegen, und während er auf einen gebra­tenen reis wartete - im set mit einer tasse kaffee - und sie auf ihren kaffee ohne gebratenen reis, hatten sie zeit genug, sich im café umzusehen.

überall roter plüsch, verblichen und fadenscheinig. vor den fenstern vergilbte raffgardinen. ein altes klavier an der einen wand. darauf spitzendeckchen und plastikblümchen. sie waren die einzigen gäste. es gab keine musik, das einzige geräusch war das ungeduldige säuseln der klimaanlage. fenster und türen schlossen dicht, so daß der großstadtverkehr draußen tonlos tobte.

sie saßen wie in einer anderen welt, für die menschen, die draußen vorbei­hasteten, unerreichbar. sie sahen sogar bekannte gesichter, die sie durch die scheibe hindurch ansahen und doch nicht wahrnahmen.

sie sahen sich an. und grinsten. hier wäre es kühl genug gewesen. die klimaanlage funktionierte hervorragend. er sah ihr tief in die augen. schöne augen hatte er. sie bemerkte es nicht zum ersten mal: von einem tiefen braun, schräggestellt - keine schlitzaugen. eher wie die einer katze. ruhig und klug. offen und neugierig. nie zuvor war sie in diesem land einem mann mit so offenen augen begegnet.

sie erwiderte seinen blick. wieder grinsten sie. berührungen in der öffentlich­keit waren nicht vorgesehen im land des lächelnden wahnsinns.

jede zelle ihres körpers sehnte sich.
so weit teil 3 meiner japanischen seifenoper.... fortsetzung folgt.
[bitte hier entlang zum 4. teil]


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Freitag, 25. Juni 2010

retro: junineumond 2

meine aktuelle besondere maßnahme besteht darin, mir das aushalten meines blöden bürolebens ein wenig zu erleichtern, indem ich nix neues produziere, sondern euch an meinem "japan-jubiläum" teilhaben lasse.


nun also der zweite teil meiner japanischen seifenoper:
[teil 1 zum nachlesen bitte hier entlang ...]
ihr erinnert euch? sommer in japan 1990, mein abschiedsfest am 23. juni – die nacht verbringe ich beim damals aktuellen subjekt meiner begierde. so ging‘s weiter:
sie hatte einen dicken kopf. kein wunder nach dem vielen alkohol der ver­gangenen nacht. kein wunder vor allem nach dem vielerlei alkohol der ver­gangenen nacht. im grunde haßte sie diese feste, zu denen jeder zu trinken mitbrachte, was ihm gerade einfiel. sie war dann gezwungen, alles mögliche durcheinander zu trinken. nein: sie bevorzugte die wohl organisierten feste, bei denen sie von anfang an bei einer sorte alkohol bleiben konnte.
sie mußte unwillkürlich lachen. es war ihr eigenes fest gewesen.
sie hatte einen schrecklich schlechten geschmack im mund. sie scheute sich geradezu, sich von ihm küssen zu lassen, weil sie sicher war, daß er sie dann abstoßend würde finden müssen - so wie auch sie selbst schlecht schmeckende männermäuler schon immer verabscheut hatte.
verlangen nach einem kaffee.
kaffee?
das kaffeepulver war ausgegangen.
sie mußte schmunzeln über dieses deutsche wort „ausgegangen“: fort­gegangen und noch nicht zurückgekehrt. sie stellte sich marschierendes kaffeepulver vor. ein bild, daß zu ihrem surrealistischen gefühl gut paßte. marschierendes kaffeepulver auf ausgang. irgendwo downtown, vielleicht. unterwegs von einer kneipe zur andern.
dann tee?
er stieg aus dem bett. langsam und mit wunderschönen, katzenhaften bewe­gungen, um heißwasser zu bereiten.
ein kätzischer mann. der abschied würde ihr schwer fallen. warum mußte sie ausgerechnet jetzt auf einen kätzischen mann stoßen, wo sie doch in nur­mehr fünf tagen dieses land, aus dem sie immer nix wie weg hatte wollen, vom ersten tag an schon, nun endgültig verlassen sollte?!
er kam ihr vor wie ein wunderschönes, ein bitteres abschiedsgeschenk. abschied zartbitter. es blieben noch einhundertvierundvierzig stunden. immerhin.
sie rechnete nach. ihre tage waren gerade erst vorbei - und selbst, wenn sie es noch so sehr wollte: sie blieb nicht lange genug, um von ihm schwanger zu werden.
ein seltsamer gedanke, das. daran war sicher nur die große hitze schuld.

es war noch genau ein teebeutel übrig geblieben, den er geschickt durch zwei tassen wandern ließ. ihr gefiel dieser junggesellenhaushalt, die schwe­relosigkeit des gelebten provisoriums. sie hatte männer schon öfter beneidet um ihre sorglosigkeit, mit der sie am morgen danach feststellen konnten, daß der kaffee gerade ausgegangen war. sie selbst hätte sich nichts schlimmeres vorstellen können, als eines morgens aufzuwachen, ohne kaffee im haus zu haben. bei anderen leuten fand sie das dagegen immer romantisch. seltsamerweise. sie, die immer ein ganzes hamsternest voll hatte von kaffeepulver, tee und schokoladenkeksen.

es machte ihr spaß, ihn zu beobachten. manchen menschen gehörte einzig schon für die schönheit ihrer bewegungen der erste preis verliehen. wenn es so etwas gegeben hätte.
der da hätte obendrein noch einen preis verdient für samtweiche seiden­glatte haut. diese zauberhaut war selbst für niveareklame noch viel zu gut.
nachdem sie das hier, nachdem sie den hier erlebt hatte - wie sollte sie jemals wieder den anderen lieben, der dort in dem fernen land, das sie aus längst vergessenen gründen ‘heimat’ nannte, auf sie wartete? lieber wollte sie alleine bleiben für den rest ihres lebens, als sich an dessen nordischer haut weiter wundzuscheuern.

er hatte eine platte aufgelegt. um ihr einen gefallen zu tun vielleicht, und daß sie sich weniger in der ferne fühlen möge, war es das berühmte klavier­konzert, das an ihrem geburtsort aufgenommen worden war. sie war damals gerade dreizehn gewesen, und das wort ‘jazz’ hatte noch nicht zu ihrem fremdwörterschatz gehört.
er brachte ihr den tee ins bett, legte sich wieder daneben. große göttin, war der schön! das war ja wirklich wie im film.
der heiße tee tat ihr gut, vertrieb das kopfweh ein wenig.

er grinste sie an, ziemlich frech: „ich will...“ er suchte nach dem deutschen wort, und als er es dann gefunden hatte und aussprach, klang es, als läge es auf einem silbertablett: „...geschlechtsverkehr!“ etwas überrascht über die unerwartete und in diesem land der versteckten anspielungen ungewohnte direktheit, sah sie ihn ziemlich erstaunt an, und dann mußten beide im sel­ben moment lachen: da war das beiderseitige verlangen - und gleichzeitig diese hitze, die einfach alles unmöglich machte.
so lagen sie noch eine weile beieinander, träumten von berührungen, die nicht stattfanden. waren träge zufrieden.
in solchen augenblicken können einhundertvierundvierzig stunden eine unglaublich lange zeit sein.

sie beschlossen, sich auf die suche zu machen nach einem café fürs früh­stück. während sie sich langsam anzog, dachte sie daran, wie gekonnt er sie erst vor ein paar stunden ausgezogen hatte. die katze.
beim hinausgehen bedachte die vermieterin, die gerade vor dem haus die blumen goß, sie mit einem mißtrauischen blick. das gehörte wohl dazu, zum film.

so weit teil 2 meiner japanischen seifenoper .... fortsetzung folgt.
demnäxt.
[zum dritten teil bitte hier entlang ....]


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Mittwoch, 23. Juni 2010

retro: junineumond 1

vor lauter aushalten fehlt mir zur zeit der literarische dreh. sogar besondere maßnahmen zu schreiben für mein geliebtes büro empfinde ich als zusätzliche belastung. ich erlaube mir daher, euch virtuell an meinem vergangenen leben zu beteiligen:



vor genau zwanzig jahren war ich in japan. nach fast anderthalb jahren im land der aufgehenden sonne war für den 30. juni mein rückflug gebucht über hongkong; am 1. juli 1990 sollte ich landen in frankfurt am main, pünktlich zur deutschen währungsunion. das war ein ziemlicher kulturschock rückwärts.

vorher aber genoss ich meine letzte woche in kyoto. am 23. juni gab ich mein abschiedsfest. kurz danach entstand dieser text:
junineumond

hell war es draußen schon lange. nach der dunkelheit der mondlosen nacht hatten sie es gemeinsam hell werden sehen hinter den bergen im osten der stadt. ehe sie miteinander eingeschlafen waren auf seinem schmalen bett.
sie hatte sich gewundert, wie gut das ging mit ihm. mit anderen männern war das nie gegangen. auf so schmalen betten. war er vielleicht doch mehr als ein „schmales“ abenteuer?

es war heiß. sehr heiß. nackt lagen sie nebeneinander. schwitzend. die feuchtheiße luft legte sich über sie so schwer und atemraubend wie groß­mutters dicke winterbettdecke und machte sie schwitzen. feuchtheiß. der tag würde unerträglich werden.
die hitze allein hätte ihr gar nicht so viel ausgemacht. es war die luftfeuchtig­keit, die die hitze unerträglich machte und selbst die kleinste bewegung mit immer neuen schweißausbrüchen bestrafte.

sie war bleischwer müde und gleichzeitig hellwach. sie mochte dieses glasklare, surrealistische gefühl nach so langen, viel zu kurzen nächten wie der letzten.
wie lange mochten sie geschlafen haben? vier stunden? oder drei? oder vielleicht auch nur zwei? sie konnte es nicht sagen.
das fest war bis kurz nach vier gegangen. daran konnte sie sich noch erin­nern. dann war sie vielleicht um halb fünf bei ihm gewesen. oder etwas früher. dann hatte er ihr einen tee gekocht, sie hatten musik gehört und geredet. sie hatten es draußen hell werden sehen und den vögeln gelauscht, wie sie den morgen begrüßten. den sonntagmorgen.

die uhr zeigte irgendetwas zwischen neun und zehn. so genau vermochte sie das ohne brille nicht zu sehen. es war ihr auch egal. sie hatte ohnehin nicht vor, durch den griff nach der brille einen neuerlichen schweißausbruch zu provozieren.

als sie die augen aufschlug, da hatte er sie angelächelt. sie hatte es schon immer sehr geliebt, beim aufwachen in das lächelnde gesicht eines gelieb­ten menschen zu sehen. passiert war es ihr allerdings höchst selten. entwe­der sie hatten nicht gelächelt, oder sie hatte sie nicht geliebt. so war sie zu dem schluß gekommen, daß es so etwas eigentlich nur im film gibt.
nun hatte er sie tatsächlich angelächelt beim aufwachen. es war wie im film. dafür liebte sie ihn umso mehr.
mit erstaunen stellte sie fest, daß sie die ganze zeit auf seiner schulter schlafend verbracht hatte. auch das war ihr mit anderen männern selten passiert. aber seine war genau richtig gewesen, um ihr müdes haupt darauf zu betten: nicht zu hart, nicht zu muskulös, als daß sie einen steifen nacken gekriegt hätte. und auch nicht zu schmalbrüstig, als daß sie hätte angst haben müssen, ihn zu zerdrücken.
dafür liebt sie ihn gleich noch ein bißchen mehr.
nackt lagen sie nebeneinander auf dem schmalen bett. sahen sich freundlich und träge an, die körper naßglänzend von schweiß. hin und wieder eine hand, die zärtlich über die nassen linien des anderen körpers schwamm.
es war heiß. selbst zum liebe machen war es zu heiß. später sollten sie erfahren, daß es der heißeste tag des jahres war. viel zu heiß für ende juni. sowas kam sonst nur im august vor, nach der regenzeit. dieses jahr aber war alles wie verdreht. eine regenzeit fast ohne regen. statt dessen war der juni ungewöhnlich heiß. feucht war es trotzdem. die luft war wie geschwän­gert von wasser, ohne sich abregnen zu können....

so weit teil 1 meiner japanischen seifenoper .... fortsetzung folgt. demnäxt.
[zum zweiten teil bitte hier entlang ...]


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Samstag, 19. Juni 2010

aushalten

obwohl ich seit fast elf jahren keinen schluck alkohol mehr getrunken habe, merke ich doch immer wieder, dass ich durch und durch ein süchtiger mensch bin.


wenn mir etwas nicht passt, dann gerate ich schnell an meine grenzen und ich weiß nicht, wie ich all das unangenehme unerträgliche auch nur fünf minuten länger aushalten soll.

früher tat es dann oft ein alkoholhaltiges getränk. die methode „jetzt brauch ich erst mal einen cognac“ half schon der achtzehnjährigen über aufregung, enttäuschung, langeweile, schrecken, wut, angst, müdigkeit, ekel oder unwohlsein hinweg und beruhigte meine flatternden nervenenden. zumindest zeitweilig. mehr als zwanzig jahre lang.

heutzutage, fast fünfzig, flattern meine nervenenden nicht weniger als damals. irgend etwas reizt mich immer, und ich sollte mich doch allmählich daran gewöhnt haben. habe ich aber nicht. äußere einflüsse können mich so sehr nerven, dass ich sogar von mir selbst genervt bin.

warum kann ich nicht einfach mal pflegeleicht sein und alles toll finden? kann ich aber scheinbar nicht, und deswegen führt für mich am ungeliebten aushalten kein weg vorbei.

wenn es etwas gäbe, das so wirkt wie alkohol – ohne abhängig zu machen mit der zeit – ich wäre sofort süchtig danach! das gibt es aber nicht, und auch deswegen führt für mich am ungeliebten aushalten kein weg vorbei.

die anonymen alkoholiker bitten in diesem fall den sogenannten lieben gott um ausreichend gelassenheit, dinge auszuhalten, die sie nicht ändern können.

gelassenheit ist eine gute sache. mit gelassenheit allein ist es bei mir aber nicht getan. für mich ist diese ständige aushalterei von irgend etwas unabänderbarem ein wahnsinns-balanceakt, der mich schier übermenschliche kräfte kostet.

schon damals im entzug sagte die mir wohl wollende sozialarbeiterin: „Sie werden viele pausen brauchen. es kann sehr anstrengend sein, etwas nicht zu tun.“ mit „nichts tun“ meinte sie „keinen alkohol trinken“.

also arbeite ich nicht nur an meiner gelassenheit, sondern auch an meiner kraft. kraft zum aushalten.

herablassende vorgesetzte, die in emails die betreffzeile zur befehlszeile umfunktionieren? aushalten.
täglich kopfschmerzen? aushalten.
angst, dass das auto oder sonstewas kaputtgeht und kein geld für eine reparatur da ist? aushalten.
tinnitus ohne pause? aushalten.
finanznöte, weil das amt mal wieder keine kapazitäten hat, anträge zeitnah zu bearbeiten und dann auch noch richtig zu rechnen? aushalten.
die einsamkeit einer freien radikalen? aushalten.
kein tag ohne tränen, seit jahren? aushalten.
entsetzliches akkordeongedudel mit vermietergejaule aus der wohnung unter mir? aushalten.
alpträume nacht für nacht? aushalten.

vor lauter aushalten und ausruhen vom aushalten komm ich dann kaum noch zu was anderem.

derzeit zum beispiel ist das so: ich weiß ja, dass es nur noch fünf wochen sind, dann darf ich aus meinem ungeliebten hochschulbüro wieder ausziehen. trotzdem fallen mir das hingehen, das dortsein von tag zu tag schwerer. aber ich halte aus.

nach vier stunden aushalten dort bin ich so erschöpft, dass ich – kaum daheim – dieselbe zeit an mittagschlaf brauche, um zu mir zurück und zumindest einigermaßen wieder in meine mitte zu finden. so viel kraft hat es mich gekostet. früher mal, da hätte mir der konsum von einem piccolöschen vorgegaukelt, wieder fit zu sein. in meiner trinkerinnenendzeit wäre es dann eher eine magnum gewesen als ein piccolo. aber das ist lange her.

auch früher schon habe ich solche jobs gemacht, nur für geld. da ging das aushalten noch ganz gut. zum einen hat mir damals der alkohol „geholfen“. der andere unterschied zu heute ist, dass diese jobs früher so gut bezahlt waren, dass ich nach zwei monaten aushalten anschließend mein semester damit finanzieren konnte oder eine weltreise.

da war noch hoffnung dabei. ich habe prioritäten gesetzt und verschiedenes ausgehalten, um etwas anderes zu erreichen und in der gewissheit, dass danach etwas besseres kommt.

heutzutage finanziert so eine arbeitsstelle noch nicht einmal mein existenzminimum – geschweige denn könnte ich etwas zurücklegen für ein besseres „danach“. keine hoffnung mehr. das ist das schlimmste.

ob es danach besser wird, wenn ich weiterhin brav aushalte bis zum schluss, nur meiner würde wegen: das kann ich natürlich jetzt noch nicht sagen.

aber eines weiß ich gewiss: es wird anders werden. und nur dann kann es auch besser werden.

also halte ich weiter aus, zähle jetzt die stunden rückwärts und bin schon unter hundert. jeden tag nach dienstschluss wird das maßband ein stück kürzer. der countdown läuft. die hoffnung stirbt zuletzt.


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Sonntag, 13. Juni 2010

zeit der kirschen

jedes jahr im juni treffen die ersten kirschen auf den letzten spargel. das ist eine ganz besondere zeit, die nur eine woche dauert, zehn tage vielleicht. denn der spargel wird hier im markgräflerland traditionell bis mittsommer geerntet. allerlängstens bis zum johannitag. danach nicht mehr, und der spargel „schießt ins kraut“.


die ersten kirschen sind regelmäßig reif am zweiten juniwochenende. trotz des langen winters haben sie das auch in diesem jahr wieder geschafft. nun gibt es eine gute woche lang beides: spargel und kirschen!

das zweite juniwochenende ist auch aus einem anderen grund eines meiner liebsten: der alljährliche keramikmarkt in breisach ist einer der schönsten, die ich kenne: unter großen alten bäumen auf der festwiese, zwischen rheinufer und alter stadtmauer treffen sich hier keramikkünstler von nah und fern.

soo schöne dinge bringen sie mit, dass ich mich gar nicht sattsehen kann. davon ernähre ich mich optisch für eine ganze weile. den kitsch übersehe ich geflissentlich! ich kaufe auch immer was – obwohl ich zu hause schon längst keinen platz mehr habe und meine kostbarkeiten – wie in einem museum – nur abwechselnd ausstellen kann.

für den marktbesuch nehme ich mir immer viel zeit, setze mich auch bisweilen zum plaudern an den stand einer freundin, schaue das volk an und lausche verkaufsgesprächen.

der letzte kunde gestern erwarb zwei sehr schwere und sehr schöne gefäße. er gab sich erst nach kompliziertem, kapriziösen und langwierigen hin und her über ausstattung, rabatt und zugaben zufrieden. dann, im gehen und schon ein paar meter vom stand entfernt, drehte er sich noch einmal um:

„vielen dank. sie haben mir ein sehr schönes erlebnis bereitet.“

meine keramikfreundin und ich, wir sahen uns grinsend an. das hatte geklungen, als ob er sich von einer hure verabschiedet.


ps.
die schöne keramik ist eine arbeit von beate weiß


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Mittwoch, 9. Juni 2010

nachtschaden

wenn die nächte nicht zu kalt sind, schlafe ich bei offener balkontüre. nachts ist mein dorf für gewöhnlich himmlisch friedlich, mal abgesehen von den kirchenglocken alle viertelstunde.


neulich, in der nacht von sonntag auf montag, wurde ich wach von lautem grölen, das - erst unverständlich - näher kam und lauter wurde. normalerweise baue ich solche ‚nächtlichen störgeräusche‘ in meine träume ein, um nicht aufwachen zu müssen.

ich träumte also fußballplatz nach dem spiel und besoffene männer im siegestaumel. mir war nicht wohl im traum, denn ich finde alkoholisierte kerle nicht angenehm. die schlachtrufe wurden immer deutlicher, und es hörte sich so an wie „sieg heil, das ist geil, wir besiegen die juden und andere völker“.

mir wurde bang, ich fühlte mich bedroht und wachte auf mit herzklopfen. der traum war weg – aber das grölen blieb. flaschen klirrten. da zog ein ganzer trupp die nächtliche dorfstraße entlang. laut. ich hatte den text nicht bloß geträumt! dreiviertel drei schlug die turmuhr. ansonsten totenstille.

ich zog mir was über und ging raus auf den balkon. erkennen konnte ich nichts und niemand. licht mochte ich nicht machen vor angst, gesehen zu werden. ich weiß, dass das nicht logisch ist.

meine angst ist niemals logisch, aber sie sitzt tief. bloß nicht auffallen! nichts falsches sagen, nichts falsches tun in der öffentlichkeit – sonst kommen sie und holen dich in der nacht! in meiner erinnerung mischen sich geschichtsfetzen mit den kriegserzählungen der mutter. ich bin das kind einer traumatisierten generation, und ich habe diese angst geerbt.

die mutter war ein teenager damals. süße siebzehn bei kriegsende. sie hat überlebt mit dem was sie am leib hatte, sonst nichts. viel erzählt hat sie nie, vielleicht habe ich auch die falschen fragen gestellt. wir hatten ja ohnehin kein besonders gutes verhältnis zueinander.

in erinnerung geblieben ist mir vor allem ihre schilderung vom tod ihres vaters: mein großvater war zuckerkrank und musste regelmäßig zur behandlung in ein krankenhaus. diabetes war in den 40er jahren des vorigen jahrhunderts weitaus schwieriger zu behandeln als heute.

das hospital war katholisch, wurde von nonnen geführt, und so lange ging wohl immer alles gut. dann wurde das krankenhaus von nazis übernommen. kurz darauf starb ihr vater in der klinik. man habe ihm aus versehen nach der insulinspritze statt zucker eine weitere dosis insulin gegeben. ein bedauerliches mißgeschick.

der verdacht der familie ging dahin, dass die falsche spritze kein versehen war, sondern absicht. nachzuweisen war gar nichts. es bleibt im vagen, verschwommenen. der großvater taugte nicht als soldat und nationalsozialistisches kanonenfutter. er war unheilbar krank.

damals war das eben so. die mutter erzählte diese geschichte immer ganz ungerührt, als ob es gar nicht um ihr eigenes leben ging, sondern um jemand anderen. die gefühle im bunker verschüttet. therapeutische unterstützung kannte nach dem zweiten weltkrieg niemand. nicht aufarbeitung, sondern wiederaufbau hieß die devise.

der großvater mütterlicherseits gehörte damals in die kategorie „nicht lebenswertes leben“. ich hatte immer angst, dass ich auch ‚so eine‘ bin. „wenn du nicht brav bist, dann holen sie dich!“ war ein standardspruch in meiner kindheit. wer hat das gesagt? die mutter? der vater? die großmutter? der stiefgroßvater? ich erinnere nur das gefühl, und diese angst ist mir bis heute geblieben.

ich bin nirgends sicher. nicht einmal im eigenen bett. da erst recht nicht! an eine nacht ohne alpträume kann ich mich gar nicht erinnern. solange das nur träume sind, wenn auch schlechte – komme ich damit schon irgendwie klar.

aber was ist, wenn du wach wirst, und der alptraum geht einfach weiter?! was ist das für eine welt? was ist das für ein dorf, in dem ich hier lebe? wo nachts nazis (oder nazi-ähnliche!?) unbehelligt grölend durch die straßen ziehen?

hab keine angst, mein kind, es ist alles gar nicht so schlimm wie es aussieht. das meiste ist viel schlimmer!

was ist das für ein leben, wenn es sich bei lebendigem leib anfühlt wie ein immer währender alptraum? meine größte hoffnung ist die, eines morgens wachzuwerden, die sonne scheint, neben mir ein friedlich schnarchender geliebter mensch und alles ist gut - all die jahrzehnte von angst und schmerz und einsamkeit und trauer, das war nur ein böser böser traum. so ist das aber nicht. der böse traum geht einfach immer weiter.

ich habe lange nicht wieder einschlafen können am montag morgen.


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Freitag, 4. Juni 2010

keine geisha

kurze maßnahme no 13 führt uns nach japan:

bei youtube habe ich eine kleine videoreihe entdeckt, erst kürzlich hochgeladen - das trifft mich wie der blitz und mitten ins herz: es ist eine sendung des japanischen nationalen fernsehsenders NHK über geiko und maiko in kyoto.



oh wie spannend! habe ich gedacht. denn als studentin war ich ein jahr lang in japan. in kyoto. mehr als zwanzig jahre ist das her. oh süße, bittere erinnerung an eine schwierige und doch sehr besondere, schöne zeit.

also schau ich das video und freue mich sehr, denn es spielt in gion. das traditionellste geishaviertel der stadt. in gion spielt auch dieser spielfilm „die geisha“ mit den vielen schönen bildern (und dem sehr fragwürdigen inhalt).

in gion habe ich als studentin ein jahr lang gejobbt. in einem traditionellen teehaus. das war sehr speziell, denn so ein teehaus ist ein ort, von dem selbst japanerInnen für gewöhnlich nur träumen. da kann eine nicht einfach reingehen wie in eine kneipe. die persönliche empfehlung eines gern gesehenen stammgastes ist notwendig - sonst bleibt die tür verschlossen.

da habe ich gearbeitet. bin aus- und eingegangen. habe mit geiko und maiko und gästen geplaudert und gelacht. und die mit mir. ein jahr lang. als damals erste und einzige ausländerin. für die war ich genauso exotisch wie die für mich. wahrscheinlich hat es dort bis heute keine zweite gaijin gegeben.

ich war keine geisha. geisha sind keine huren, falls das hier irgendjemand denken sollte. in dem film kommt das so rüber. forget it. die maiko haben eine gewerkschaft, und dienstschluss ist um mitternacht.

dieses doku vom nhk: das spielt in genau dem teehaus, wo ich damals gearbeitet habe. das ist die schwester meiner japanischen 'mutter', meine geiko okamisan, die da mit einer verbeugung fröhlich sagt: „okoshiyasu yookosoo – willkommen!“ (im ersten video bei ca. 4‘15“)

sie zeigt uns ihr teehaus, das tsurui: diese lacktische habe ich poliert, auf diesen stühlen gesessen und auf diesen tatami neben den gästen gekniet; aus diesen becherchen getrunken, diese shoji zur seite geschoben; bin fast täglich durch diese hanamikoji-nebengasse gelaufen ....

das ist soooo phren, das jetzt hier in einem video wiederzufinden!
ich glaube, da will ich demnächst mal mehr von erzählen.
das war eine spannende zeit.

hier sind noch teil zwei & drei - alle drei teile anschauen dauert knappe dreißig minuten:
Geisha of Kyoto - Teil 2
Geisha of Kyoto - Teil 3


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