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Mittwoch, 13. April 2011

hohle frau

eine prachtvolle orchidee hängt im büro für besondere maßnahmen im dachschrägenfenster. das ist dasselbe fenster, das mir die immergleiche und doch täglich wechselnde aussicht auf den b-berg bietet.

Coelogyne Cristata

die orchidee ist ziemlich alt. sie hing schon im büro für besondere maßnahmen, als das büro für besondere maßnahmen noch gar nicht so hieß.

als ich das reinweiße wunder damals im orchideenfachgeschäft meines vertrauens entdeckte, bin ich wochenlang um sie herumgeschlichen. immer wieder hingefahren. immer wieder überlegt, ob ich sie kaufe oder nicht. sie war sehr teuer, und eigentlich konnte ich sie mir nicht leisten. aber ich wollte sie. oh ja.

in solchen fällen neige ich zu magischem denken: ich legte eine zwangspause ein, ging eine ganze weile nicht hin. in der hoffnung, dass sie dann verkauft wäre und ich mir das geld sparen könnte. ist sie nach einer woche noch da, dann ist das ein untrügliches zeichen, dass sie zu mir will. dann muss ich sie kaufen, egal was es kostet.

sie war noch da. auch nach zwei wochen noch. sie wollte zu mir. so sollte es sein. ich schob viel geld über den ladentisch. die kasse klingelte. der orchideenmann hat seinen laden inzwischen geschlossen.

damals habe ich sie wegen ihrer besonderen form geliebt und wegen der großen, reinweißen blüten an hängenden rispen. der name „coelogyne“ sagte mir nichts. es stand nur dabei, dass sie im himalaya heimisch ist, in höhen bis 2500 metern. schöne gegend! da war ich schon mal.

sie ernährt mich also nicht nur optisch, sondern stillt auch - ein bißchen - mein nimmersattes fernweh.

in asien entdeckt und nach europa gebracht wurde diese orchideenart in der ersten hälfte des 19. jahrhunderts. sie war sehr beliebt und viel leichter in der wohnung zu halten als heutzutage - weil sie es im winter kühl mag und es im biedermeier noch keine zentralheizung gab.

vor einer weile erfuhr ich, dass ihr name „coelogyne“ griechischen usrpungs ist und „hohle frau“ bedeutet. ich war entsetzt!

es gab zeiten, da wurden ihre blüten in den brautstrauß gepackt. weil sie so jungfräulich weiß sind. verbunden mit dem frommen wunsch, dass die jungfräuliche braut in unschuldigem weiß, die also noch 'hohle' frau doch bitte alsbald gefüllt werden und zahlreiche nachkommen in die welt setzen möge.

ob dieser brauch entstand aufgrund des namens - oder ob die weiße orchidee ihren namen erst später erhielt aufgrund des brautstraußbrauchs, das habe ich nicht herausfinden können.

als ich von der namensdeutung erfuhr, war ich wirklich irritiert. ich befürchtete, dass die coelogyne mir mit all ihrer schönheit vielleicht gar nicht zusteht, weil ich doch niemals eine braut war.

aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar: ich bin genau der prototyp der coelogynenfrau! weil ich keine kinder habe. mein bauch war immer hohl, wenn man von ein paar tennisballgroßen tumoren absieht.

aller voraussicht nach wird das auch so bleiben. ich habe nicht vor, zum medizinischen sonderfall zu werden.

seitdem ich weiß, dass meine coelgyne die blume der hohl gebliebenen frauen ist, verschenke ich ihre ableger an andere frauen, deren kinderpalast immer unbewohnt war. frauen, die niemals einem kind das leben schenken konnten oder - je nach persönlicher einstellung - von der gebärplage lebenslang verschont blieben. sie ist sehr beliebt.

an das leben mit zentralheizung hat sich meine hohle frau inzwischen gewöhnt. was das blühen angeht, ist sie allerdings sehr eigenwillig. das tut sie nicht jedes jahr. manchmal mehr, manchmal nur ganz ganz sparsam. wenn sie blüht, dann im januar/februar: immer um meinen geburtstag herum.

in diesem jahr, in dem ich 49 wurde, blühte sie besonders üppig.

7mal7, das ist eine besondere zahl im leben einer frau. es beginnt der große wechsel. mehr noch als die pubertät ist dieser wechsel so gewaltig, dass er auch so heißt. die reproduktionsfähigkeit geht nicht nur in die pause, sondern ihrem ende entgegen, der hormonladen wird stück für stück geschlossen.

ehrlich gesagt, ich freue mich darüber. am meisten freue ich mich drauf, wenn der monatliche zinnoberfluss endgültig versiegt. er macht sich schon rar, ich bin dankbar und erleichtert.

meine roten tage waren immer schier endlos, sehr stark und mit heftigen schmerzen verbunden. in den betten der welt habe ich blutige spuren hinterlassen. für manche schäme ich mich noch heute.

Odontoglossum

gleich im anschluss an die weiße blüht meine blutrote orchidee. sie heißt odontoglossum. das ist ebenfalls griechisch und bedeutet „zahnzunge“.

das wiederum gefällt mir ausgesprochen gut, und zwar im übertragenen sinne einer „scharfen sprache“, die mit geschliffenen wörtern genau das sagt, was ist.

wenn ich also mal zu einer sage „du hast zähne auf der zunge!“ - dann ist das ein großes kompliment.

falls jetzt einer daherkäme und behaupten wollte, ich hätte nicht nur zähne auf der zunge, sondern auch haare auf den zähnen, so kann ich nur antworten:

„das mag sein. aber die sind immer gut gekämmt.“


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