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Dienstag, 23. August 2011

kurze maßnahme no. XXV

my very first schallplatte ....
.... war diese:

[Wum (Loriot) - Ich wünsch' mir ne kleine Mietzekatze]



damals war ich zehn. der krächzende hund sprach mir aus der seele.
leider haben die eltern weder ihn noch mich ernst genommen.

eine katze durfte ich nie nicht. haustiere waren verboten.
ich musste mich mit wum und wendelin begnügen. naja.
besser als nichts. immerhin konnte ich drüber lachen.
loriot hat also meine kindheit gerettet.
so was fällt mir oft erst ein, wenn es zu spät ist, um persönlich danke zu sagen.
danke loriot!

die platte habe ich nicht mehr.
aber eine wunderbare mietzekatze.


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Sonntag, 21. August 2011

hochbegabt – ganz normal?

eine buchbesprechung

als ich vor knapp fünf jahren endlich den offiziellen iq-test bei mensa in deutschland machte, war ich ziemlich aufgeregt. es dauerte gefühlte monate, bis das ergebnis eintraf: die von mir erzielte sehr hohe hausnummer bestätigte meine heimliche vermutung aus schulmädchenzeiten und überraschte mich nicht wirklich.


das ergebnis schwarz auf weiß zu sehen, von einem psychologen unterschrieben, beruhigte mich ein bißchen. hatte ich meine intelligenz zumindest nicht versoffen in all den jahren.

die beigefügte einladung, dem verein der superschlauen doch bitte beizutreten, schmeichelte mir. ich folgte ihr nicht, weil a) das geld für den jahresbeitrag für hartz-IV-empfängerInnen im regelbedarf nicht vorgesehen ist und b) ich wenig sinn darin sehe, einem verein beizutreten, dessen aufnahmekriterium einzig ein IQ jenseits der 130 ist.

für meinen IQ kann ich nix. ich bilde mir nichts drauf ein. das ist kein 'besser oder schlechter', allenfalls ein wertfreies 'anders': angeboren wie meine grünen augen. ich kann weder das eine noch das andere ändern. höchstens kaschieren. es ist wie es ist. ich gehe damit um.

der brief mit dem ergebnis verschwand in einem ordner. ich hatte immer noch keine ahnung, was es mit der diagnose „hochbegabung“ tatsächlich auf sich hat – mal abgesehen von der tatsache, dass man dann vielleicht schneller rechnen kann.

erst durch mein blog und speziell eine meiner leserinnen entdeckte ich vor rund zwei jahren das thema für mich neu. ich las „Jenseits der Norm – hochbegabt und hochsensibel“ von Andrea Brackmann. das buch war eine offenbarung für mich. eine buchbesprechung habe ich damals im begabungsblog von Nathalie Bromberger veröffentlicht.

der klett-cotta verlag mochte meinen beitrag und war so nett, mir auch das zweite buch von Andrea Brackmann zuzusenden: „Ganz normal hochbegabt – Leben als hochbegabter Erwachsener“. so rasch nach dem ersten gelesen stand da für mich nicht viel neues drin. durch meine anstrengende situation als hochschulsekretärin war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. für die einzelnen schicksale anderer „betroffener“ hatte ich damals weder kopf noch nerven.

als ich mich neulich dabei ertappte, dass ich im zusammenhang mit einer anderen diagnose an die hiesige universitätsklinik schrieb „im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass ich an einer hochbegabung 'leide'“ - habe ich mich an Brackmanns buch wieder erinnert und zog es von ziemlich tief unten aus dem bücherstapel auf meinem nachttisch hervor.

erstens darf es doch nun wirklich nicht sein, dass ich an meiner brillanz leide. zweitens tue ich auch Frau Brackmann damit unrecht und all den autorInnen in ihrem buch, die so offen von den freuden und qualen ihrer eigenen intelligenz berichten.

manchmal brauche ich einfach gleichgesinnte mit ähnlichen erfahrungen, um mich selbst wieder ins lot zu rücken. das ist wie mit der selbsthilfegruppe für trockene alkoholikerInnen. es hilft.

es hilft, darüber zu lesen, dass auch andere 'superhirne' nicht zwangsläufig erfolgreiche überflieger sind. damit hadere ich ja sehr: dass mein potential so brachliegt, weder gefordert noch gefördert (und vor allem: nicht angemessen honoriert) wird. dass ich andererseits ganz oft die schnauze voll habe davon, ständig 'denken' zu müssen und niemals abschalten zu können. bisweilen würde ich am liebsten auf einem niveau von, sagen wir: IQ 78 dahindümpeln. ruhe haben im kopf. nicht ständig alles hinterfragen und auch noch dem letzten i-tüpfelchen auf den grund gehen müssen; statt dessen die welt und das leben nehmen wie es kommt. zwar leicht debil sein, aber zufrieden.

die mit einem hohen IQ einhergehende hohe empfindsamkeit, von der ich niemals pause habe, erklärt auch – zum teil – meinen hohen alkoholkonsum über jahrzehnte hinweg: wenn es mir zu viel wurde, habe ich meine sinne mit alkohol betäubt, die immer grellen wahrnehmungen gedämpft und weichgespült. das erklärt auch, warum es mir jetzt, auch nach jahren ohne droge – in dieser hinsicht schlechter geht als vorher: meine wache belastbarkeit beträgt nur einen bruchteil von der im betäubten zustand. ich 'funktioniere' nicht mehr so 'gut' wie früher; musste lernen und lerne immer noch, meine eigenen grenzen überhaupt erst wahrzunehmen, sehr viel enger zu stecken als ich es mir für mich selbst wünschen würde – und mich damit abzufinden, dass ich meinen eigenen hohen ansprüchen niemals mehr werde gerecht werden können.

Andrea Brackmanns buch hilft mir also sehr, noch einmal aus verschiedenen blickwinkeln beleuchtet zu erfahren, dass hochbegabte z.b. nicht nur 'schneller denken' können, sondern auch ein vielfaches an informationen aufnehmen und dieses viele obendrein auch noch heftiger empfinden: dadurch mehr verarbeiten müssen und in manchen bereichen leichter überfordert und auch oft langsamer sind als 'normal begabte'.

außerdem wäre frau Brackmann nicht sie selbst, wenn sie das runde dutzend sehr berührender lebensgeschichten von hochbegabten erwachsenen einfach nur kommentarlos aneinandergereiht hätte.

während hochbegabte kinder immer häufiger frühzeitig als solche erkannt werden und eine angemessene förderung erhalten, geht man bei erwachsenen scheinbar immer noch davon aus, dass es sich 'irgendwann auswächst'. das tut es jedoch nicht. es bleibt uns erhalten!

ebenfalls im buch zu finden sind daher hinweise zum aktuellen stand der forschung, tipps und anlaufstellen; dazu eine übersicht samt kritischer bemerkungen zu den gängigen IQ-tests und – für mich mit das wichtigste: eine sehr einfühlsame zusammenstellung der wichtigsten merkmale von hochbegabung mit den allerschönsten verhaltensempfehlungen, damit umzugehen, ohne ständig sich selbst zu zerfleischen.

meine lieblingsstelle kommt fast am schluss: die liste der sogenannten 'häßlichen wörter'. dabei handelt es sich um eine beliebig erweiterbare aufzählung von meist 'sozialen' situationen, die für menschen mit hochbegabung oft nur schwer auszuhalten sind. ich zitiere: „Betriebsausflug, Großputz, Stuhlkreis, geselliges Beisammensein, Supermarktmusik, Schützenfest, runde Geburtstage, Höflichkeitsfloskel, Schwimmbad, Großraumbüro ....“

ich empfinde es als sehr wohltuend, mich zu solcherlei nicht mehr zwingen zu müssen, nur weil alle anderen das normal finden; statt dessen nun endlich sagen zu dürfen „nein danke, das ist nichts für mich“ und mich an derlei aktivitäten nur noch zu beteiligen, wenn es überhaupt gar nicht anders geht. oder früher zu gehen, wenn es mir zu viel wird und für danach ausreichend pause zum kräftesammeln einzuplanen.

ebenfalls wohltuend die erkenntnis, dass solcherlei 'hochbegabte empfindlichkeiten' weder durch therapie noch durch mehr selbstdisziplin kurierbar sind. ich bin und bleibe eine empfindliche zicke. das erleben der eigenen hochbegabung und der umgang damit sind täglich neue herausforderungen, vermutlich bis an mein lebensende und ohne pause.

diese aussicht ist nicht gerade beruhigend. aber mit meinem kreativen hochleistungsgehirn dürfte auch das zu schaffen sein.


Andrea Brackmann
Ganz normal hochbegabt
Leben als hochbegabter Erwachsener
Klett-Cotta Leben!
ISBN 978-3608860061
derzeit 14,95 €

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Mittwoch, 10. August 2011

nachtwanderungen II


besondere maßnahme no. XXIV

montag früh, stockfinstere nacht. ich werde jäh aus dem schlaf gerissen: das telefon klingelt. genau drei uhr.

Anonymer Anruf auf Siemens Gigaset C385
schlaftrunken rasen mir die schlimmsten gedanken durch den kopf: jemand gestorben?!! eine katastrophe?! was sonst?!!

bevor ich mich aus den decken geschält habe, aufgestanden und nachtblind bis zum telefon gelangt bin, hört das klingeln auf. die anrufbeantworterin übernimmt.

keine nachricht. man hat wieder aufgelegt. im display wird mir eine unbekannte mobilnummer angezeigt.

ich brummele ungehalten, was das soll, mich mitten in der nacht zu wecken. war wohl wer falsch verbunden und hatte angst, das zuzugeben. blödmann.

trotzdem bin ich beunruhigt. herzrasen. war es doch etwas anderes?

aus der küche hole ich mir ein glas wasser, leere es in einem zug. das beruhigt. ich gieße mir ein zweites ein und stelle es neben das bett.

noch bevor ich wieder unter der decke liege, klingelt das telefon erneut. es ist drei uhr und vier minuten. im display die gleiche, mir unbekannte mobilnummer. ich stehe neben dem telefon. starre aufs display. ich gehe nicht ran. die anrufbeantworterin übernimmt.

herzrasen. ich warte ab, bis die nachrichtentaste leuchtet. diesmal hat derjenige nicht gleich wieder aufgelegt, sondern eine nachricht hinterlassen: „hallo du geile schlampe. du geile schlampe!“

mehr nicht. diese sieben wörter reichen aus, mich den rest der nacht nicht mehr schlafen zu lassen.

ich fühle mich schmutzig. besudelt. beängstigt. eine zähneknirschende wut kocht in mir hoch. was bildet der sich ein?! woher kennt der mich?! kennt der mich überhaupt?! immer dasselbe: scheiß männer.

früher hätte ich in solchen situationen ein bier getrunken. für die nerven, natürlich. wegen der vitamine. rein aus medizinischen gründen. bier beruhigt. hopfen macht schläfrig. oder einen schnaps. oder sieben. auf den schreck. aber alkohol fällt aus. ich habe viel zu viel geschluckt in meinen jungen jahren.

so viel wasser, wie ich bräuchte, um mich wieder runterzupegeln, kann ich gar nicht trinken. das alta trauma ist sofort wieder da. der geschmack von sperma im mund. auch davon viel zu viel geschluckt in jungen jahren.

ich bin wütend. kriege schlimmste rachegelüste, verprügele die matratze. gegen meine folterfantasien sind die horrorgeschichten von stephen king der reinste kindergartenkram. eigentlich ein wunder, dass ich noch niemanden in echt umgebracht habe.

die katze, die bis zum ersten telefonklingeln noch schnurrend in meinem arm lag, verzieht sich irritiert – so weit wie möglich weg von mir.

irgendwann schlafe ich doch wieder ein, wache in der früh auf. die katze ist wieder da.

noch im bademantel, mit dem ersten milchkaffee in der hand, sitze ich vor dem rechner und suche die nummer vom frauennotruf.

möchte wissen, was ich jetzt tun soll. schließlich habe ich seine nummer. die frau vom notruf nimmt mich ernst. kein blöder spruch von wegen „was, mehr hat er nicht gesagt?! kindchen das erleben wir doch alle täglich ....“

sie bietet mir an, sich bei der kripo in der stadt für mich zu erkundigen. weil es selten ist, dass der straftäter die handynummer gleich mitliefert.

kurz darauf ruft sie zurück, ich soll unbedingt anzeige erstatten. nicht in der stadt, sondern bei meiner zuständigen dorfpolizei. ich druckse herum. sie bietet mir an, auch dort anzurufen und nachzufragen, ob es eine beamtin gibt, mit der ich sprechen kann. ich bin dankbar.

ganz bald schon klingelt wieder das telefon: die beamtin der örtlichen polizeistation. ich erzähle alles noch einmal. wir vereinbaren einen termin. damit sie zeit hat und wir eine weile ungestört sind, wenn ich meine aussage mache und anzeige erstatte. sie wird in der zwischenzeit herausfinden, auf wen das handy angemeldet ist.

früher habe ich auf solche terroranrufe einfach nicht reagiert. ich habe die sexualisierte gewalt geschluckt. darüber hinweggesehen. männer sind halt so. mir ist ja nichts passiert. es waren nur worte und eine schlaflose nacht. oder sieben.

die zeiten haben sich geändert. die männer nicht. heute weiß die polizei, dass von worten gewalt ausgeht. dass das eine straftat ist, was mir da nachts passierte. das macht es nicht ungeschehen, aber es beruhigt. ein wenig, zumindest.

ich fühle mich nicht mehr nur hilflos ausgeliefert und wünschte, das wäre in meiner kinder- und jugendzeit auch schon so gewesen, dass man mich ernst genommen und sexuelle gewalt nicht zum kavaliersdelikt erklärt hätte. es hätte vieles freundlicher sein können in meinem leben.

ändern oder ungeschehen machen kann aber auch keine polizei, und sei sie noch so verständnisvoll. wann immer das telefon klingelt, schlägt mir das herz bis zum hals und ich bin froh, dass es das display gibt. unbekannte nummer? gehe ich sowieso nicht ran. nicht erst seit vorgestern.

als ich - mit handydisplay und tonbandaufnahme im gepäck - anzeige erstatte, muss ich begründen, warum ich mit vollem vor- und nachnamen und anschrift im telefonbuch stehe. unterschwellig, ganz leise, der unausgesprochene vorwurf: „da sind sie doch selber schuld ….“

frau allein auf der straße? selbst schuld.
sogar noch einen rock angehabt? die reinste herausforderung!
frau als frau erkennbar im telefonbuch? selbst schuld.
und dann auch noch mit adresse? da brauchen Sie sich nicht zu wundern!

es kotzt mich an!
ich bin nicht schuld, wenn männer ihre grenzen nicht kennen.
keine frau ist schuld, wenn ein kerl seine macht missbraucht.

damit mir nichts passieren kann, soll ich mich unsichtbar machen.
auf der straße. im telefonbuch. wo noch?!
ich weigere mich. ich will gesehen werden. will wahrgenommen und respektiert werden!

der zweite vorschlag:
eine trillerpfeife nebens telefon legen. für den fall, dass er noch mal …. tatsächlich raten in diesem fall sowohl der frauennotruf als auch die polizei zur selbstjustiz.

das halte ich für kein gute methode – selbst wenn er danach zwei tage lang nix hört. aber 'man' könnte mich wegen körperverletzung anzeigen. um dieses risiko einzugehen, ist so ein trillerschaden einfach nicht groß genug. obendrein würde ich mich mit der lauten triller auch noch selbst verletzen. meine armen tinnitusgeplagten ohren.

die anzeige ist jetzt unterwegs an die staatsanwaltschaft. und wird irgendwann ergebnislos eingestellt. das handy ist nicht registriert: eine von abermillionen anonymen prepaidnummern.

ich frage mich:
wozu braucht der staat die speicherung der verbindungsdaten, wenn er sie dann später doch nicht zuordnen kann?

ich frage mich außerdem:
warum werde ich gezwungen, auf meiner homepage all meine koordinaten offen darzulegen – wenn mir gleichzeitig zum selbstschutz geraten wird, mich aus dem telefonbuch doch lieber entfernen zu lassen?

drittens frage ich mich:
wie soll durch die aktuelle politische forderung, im internet nirgends mehr anonym auftreten zu dürfen – so wie ich hier in meinem weblog – auch nur eine einzige straftat verhindert werden? ich befürchte das gegenteil.

sagte eine freundin neulich: "egal in welcher gesellschaft du lebst auf diesem planeten: als frau hast du immer die arschkarte."

ich hätte ihr gern widersprochen.


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