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Sonntag, 20. November 2011

totensonntag

kurze maßnahme no. 25

ein spaziergang im
lichten novemberblaugrau
auf dem großen friedhof der stadt

friedhofsbewässerung

strenge ruhe. die toten werden nicht laut gefeiert.
alles nicht mehr lebendige an seinem platz,
bis in die ewigkeit
kein ruheloses hin und her.
auch lebensbäume, efeu und buchs wo sie hingehören,
unveränderlich immergrün.

aus versehen gelacht. strafende blicke geerntet.

nur die gießkannen
durften sonnengelb leuchtend
einen plätschernden plausch halten.


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Montag, 14. November 2011

männerverträge

in der schule haben wir ungefähr in der sechsten klasse das grundgesetz besprochen. wie wichtig das sei und dass es für alle gilt. besonders artikel 3 hatte es mir angetan. da steht unter anderem:
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
das habe ich damals geglaubt. ich ging davon aus, dass das gerechterweise in alle richtungen gilt. man möge mir meine leichtgläubigkeit verzeihen. ich war ja noch ein kind.

hurenzelt

in der schule wurde ich später gesiezt und mit 'fräulein xx' angesprochen, die wenigen jungen herren aber niemals mit 'herrlein' oder – passender, da ich ja nicht 'damelein' hieß – 'männlein'. die jungs waren ohne umweg über eine verniedlichung gleich 'herr xy'.

das wort 'mobbing' war noch nicht erfunden. aber aus eigener erfahrungn wusste ich schon, wie schlimm es sich anfühlt, ignoriert und nicht für voll genommen zu werden. die eltern beherrschten das perfekt. es war, als käme ich in der familie nicht vor. sie kannten meinen namen nur dann, wenn sie vor anderen über mich herzogen oder wenn ich das missfallen meiner erziehungsberechtigten erregt hatte: mit drohendem unterton.

ansonsten war ich quasi nicht existent und hatte für mich selbst zu sorgen. das tat ich dann auch. ich fühlte mich ungeborgen, hatte oft angst und habe schon als studentin mit den zähnen geknirscht.

ich hatte also früh gelernt: wer für nicht erwähnenswert gehalten und ignoriert wird, wird benachteiligt (gemobbt) und ist nicht gleichberechtigt. ergo: wer frauen aus der sprache ausschließt, steht nicht auf dem boden des grundgesetzes.

ich studierte unter anderen brotlosen geisteswissenschaften auch philosophie und stellte fest: ich komme (fast) nicht vor. wenn der herr philosoph von menschen sprach, meinte er 'männer'. sprach er von frauen, schrieb er das explizit und meistens negativ. auch die herren philosophen bewegten sich also keineswegs immer auf den pfaden des grundgesetzes. sie waren ja auch meist schon viel älter und zu ihrer zeit gab es das noch nicht. trotzdem waren ihre worte oft gesetz und deren verbreitung an philosophischen seminaren wurde mit viel öffentlichem geld gefördert.

das gefiel mir nicht. irgendwann bekam ich annegret stopczyks nachschlagewerk in die finger: „was philosophen über frauen denken“ (Mathes & Seitz, 1980). als ich das buch durchhatte, war mir schlecht: so dermaßen schlecht dachten die kerle zumeist über unsereins. falls mal einer ausnahmsweiswe gut über uns dachte, wurde er gleich von seinen zeitgenossen auf dem scheiterhaufen verbrannt (giordano bruno). wutentbrannt warf ich die kaltschleimigen frösche kant, schopenhauer, nietzsche, heigegger und wie sie alle hießen an die wand. sie verwandelten sich nicht in prinzen, sie hatten ihre daseinsberechtigung verwirkt. zähneknirschend studierte ich dann doch zumindest so lange weiter, bis ich alle voraussetzungen für die zulassung zur abschlussarbeit erfüllte.

was bei den philosophen gang und gäbe war – nämlich dass frauen nicht weiter erwähnenswerte nebengeschöpfe sind – fiel mir mehr und mehr auch in allen möglichen alltagsbereichen auf. ganz besonders ärgert es mich in formularen und verträgen, wenn ich - noch heute! - als mann angesprochen werde und als solcher unterschreiben soll: unter dem strich, auf dem ich meine emma normalmensch verzeichnen soll, stehen leider auch im jahre elf des dritten jahrtausends immer noch und viel zu häufig männliche wörter wie: „Kunde, Antragsteller (arbeitsamt), Rundfunkteilnehmer (GEZ), Kontoinhaber (banken), Versicherungsnehmer (versicherungen, versicherungsmaklerInnen) ….“

„aber nun seien sie doch nicht so zickig,“ heißt es gerne chauvial von oben herab, wenn ich auf die grundgesetzlich garantierte gleichberechtigung verweise und um eine zumindest geschlechtsneutrale formulierung bitte, die ich frohgemut unterzeichnen könnte. „es sind doch der einfacheren lesbarkeit halber immer beide geschlechter gemeint.“

pah. faule ausrede und verlogen obendrein! erst kürzlich (2009) schrieb eine deutsche zeitung (in etwa): „der deutsche durchschnittsbürger .... lebt allein auf 42m² .... hat 1,4 handies .... 0,75 autos .... 0,1 motorrad .... und einen 14,5cm langen penis im erigierten zustand.“ solange solche sätze in deutschen texten stehen dürfen, solange ist das argument 'frauen sind in der männlichen sprachform immer mitgemeint' schlichtweg unzutreffend.

weiterhin: sogar die UNESCO weiß, dass die deutsche sprache zu einer gewissen geschlechter-ungerechtigkeit neigt. sie weiß weiter, dass es ohne die sichtbarmachung von frauen in der sprache keine gleichberechtigung gibt, wie sie im grundgesetz garantiert wird. ihre „Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch“ - datieren aus dem jahr 1993 und sind noch längst nicht überholt, leider.

das habe ich erst neulich wieder festgestellt, als ich – wie bereits berichtet – mit meinen paar kröten zu einer good bank wandern wollte. fast alle formulare, AGB, infos etc. waren in der männlichen form gehalten. pffft. ich schrieb an den kundenservice, dass ich nicht kundin werden wolle, wenn sie frauen nicht als kundinnen wahrnehmen. die GLS antwortete sehr nett, dass sie eigentlich alle texte längst gegendert hätten und sich das nicht erklären könnten. man werde dem sofort nachgehen. schließlich hätten sie eine entsprechende ethik. nur leider leider, die formulare kämen von einem juristischen, sehr 'konservativen' verlag – die könne man nicht ändern. liebe GLS, ich überleg's mir noch!

besonders grimmig aber bin ich derzeit mit einer deutschen versicherung, die extrem hochglanzfreundlich um mich warb und mir in kooperation mit meiner krankenkasse eine ergänzende zahnersatzversicherung verkaufen wollte.

als ich bei der versicherung anrief und freundlich, aber bestimmt darauf hinwies, dass das antragsformular nicht mehr zeitgemäß - da nur für männliche antragsteller - sei, damit frauen diskriminiere und gegen das grundgesetz verstoße, war die antwort des forschen hotline-schnösels etwa so: „da sind Sie zu pingelig. wir reden Sie im briefkopf an mit 'Frau mo jour', wir bieten einen frauentarif - was wollen Sie denn noch? ist Ihnen denn unser gutes preisleistungs-leistungs-verhältnis egal?“

„bei nazis kaufe ich auch nicht, und wenn die noch so billig sind. ich möchte als kundin wahrgenommen werden, und wenn Sie mich als solche nicht respektieren, dann will ich ihre kundin nicht sein.“ - darauf beendete er das gespräch mit dem satz „dann wollen wir Sie als kunde auch nicht haben“ und legte auf.

ich war platt und habe sofort alle anderen verträge bei dieser versicherung gekündigt. tja. dumm gelaufen.

nun überlege ich trotzdem hin und her, ob ich den antrag nicht doch als mann unterschreibe, zähneknirschend. die konditionen sind in der tat ziemlich gut: die zerknirschten zähne würden dann von der versicherung ersetzt.


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Mittwoch, 9. November 2011

begegnungen

notizen aus dem landeskrankenhaus . 3

Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, 
der andre einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch. 
(F. Nietzsche)

das war einer der besseren texte, die in mein poesiealbum geschrieben wurden. er kam von meiner geliebten kunstlehrerin – und begleitet mich bis heute. besonders in therapeutischen situationen kommt er mir in den sinn. meine tage in der klinik waren eine solche - auch wenn ich dort niemals einer therapeutin unter vier augen begegnet bin.


anderer begegnungen hingegen waren viele: mitpatientInnen, pflegepersonal. wer wohnte mit mir im kuckucksnest? solche und solche: wie im richtigen leben. und wie im richtigen leben versucht man, gleichgesinnte mit ähnlicher wellenlänge zu finden – um sicht nicht ständig vorzukommen wie eine wahnsinnige minderheit, die aus nur einer einzigen person besteht: man selbst.

wen mochte ich? wen mochte ich nicht? wem sah ich in die augen? wem hörte ich zu? wem stellte ich fragen? bei wem blieb ich stehen, an wem lief ich vorbei? bei genauerem hinsehen habe ich dabei viel über mich selbst gelernt. aus mir angenehmen begegnungen ebenso wie aus den eher unangenehmen.


mr. wang*
der asiatisch aussehende herr wang fiel mir auf, weil er oft alleine in der stationsküche saß, direkt neben dem radio. er hörte den deutschlandfunk. stundenlang. sein schulterlanges schwarzhaar hatte er im nacken zu einem lockeren pferdeschwanz gebunden. er war sehr für sich, gleichzeitig hellwach. die dunklen augen blitzten mal melancholisch, mal vergnügt. eines morgens hatte er eines der essenstabletts vor sich auf dem küchentisch, darauf ein gutes dutzend verschiedener pilzsorten: „die habe ich alle heute früh im garten ums haus herum gefunden.“ hoch konzentriert forschte er in einem dicken pilzbestimmungsbuch nach der identifikation seiner funde. „ich übe für meine kinder.“ sein fließendes deutsch war akzentfrei. wir sprachen lange und sehr philosophisch, hatten einen wunderbaren austausch – tief und humorvoll. sein schöner mund lachte gern. über unsere diagnosen sprachen wir nicht. er war in der achten wochen dort, kurz vor der entlassung: „ich hätte mir die zeit hier auch sparen können.“ wann immer wir uns in den fluren begegneten oder im aufenthaltsraum, zwinkerten wir uns zu.


frau taxilan*
frau taxilan nannte sich selbst so, weil das 'ihr' medikament war. sie wirkte oft desorientiert und etwas schläfrig. „die geben mir das, damit ich meine gedanken besser sortieren kann. ja. das haben die ärzte so gesagt. die gedanken besser sortieren.“ dabei schaute sie unsicher und kicherte gleichzeitig in die runde. „und was mache ich? ich plappere nur noch unsortiert vor mich hin, der letzte scheiß purzelt mir aus dem mund.“ selbst mutter von drei kindern, wirkte sie seltsam kindlich, wunderschön in ihrer verletzlichkeit. „die sind jetzt allein zu hause, die wollen mich nicht zurück. ich bin ja auch zu nichts nütze.“ ich mochte sie sehr. wann immer möglich, setzte ich mich bei den mahlzeiten in ihre nähe. ihre traurige heiterkeit tröstete mich. ich hätte sie gern in den arm genommen.


frau müllermayerschmitz*
es gibt sie auf jeder station, glaube ich: die altgediente krankenschwester, seit anbeginn in genau dieser klinik beschäftigt. mit allen wasser gewaschen, kompetent, souverän – und mensch geblieben. frau müllermayerschmitz war die geborene pflegerin, der personifizierte krankenengel und sah auch so aus: lange blonde locken, immer ein warmherziges lächeln im gesicht. sie hatte für alles ein ohr, wimmelte einen nie unfreundlich ab. wenn sie doch einmal ein „nein das geht jetzt nicht“ von sich gab, dann klang selbst das wie ein virtuelle kuscheldecke. sie war mitfühlend, ohne selbst mitzuleiden. der fels in der brandung depressiver tränenströme, ihre anwesenheit ein geschenk. sie sagte „wir wollen, dass Sie sich hier wohl fühlen.“ das habe ich ihr aufs wort geglaubt – auch wenn es mir letztlich nicht gelungen ist.


frau zickigzackig*
auch eine frau zickigzackig gibt es wohl im pflegeteam jeder station: für frau zickigzackig sind die patientInnen nicht der inhalt ihrer arbeit, sondern unangenehme störenfriede, die reinste belästigung. sie wirkt überfordert, kennt nur schema F. wehe, die patientin passt da nicht hinein. sie brachte es fertig, mich mitten im abendessen vor versammelter patientInnenschar lautstark und quer durch den saal für etwas runterzuputzen, das gar nicht in meiner verantwortung lag. als ich versuchte, den irrtum aufzuklären, blaffte sie nur „darüber diskutiere ich nicht“, machte auf dem absatz kehrt und stapfte zurück in ihren glaskasten. so etwas lasse ich nicht auf mir sitzen, so lasse ich mich nicht behandeln. mag sein, ich bin depressiv. aber ich bin weder debil noch delinquent. ich war verletzt und wütend, ging ihr nach und wollte die angelegenheit gerne klären. frau zickigzackig blaffte weiter „geht es Ihnen nicht gut? wollen Sie eine tablette?“ ruhiges reden war nicht möglich. ganz egal, ob ich nun einen termin verpasst hatte oder nicht (ich hatte nicht) – der ton macht die musik, und der ihre war nicht angemessen. frau zickigzackig wurde immer patziger: „na gut, wenn sie unbedingt wollen, dann entschuldige ich mich eben.“ auch das ist typisch: frau zickigzackig bittet nicht um entschuldigung, sondern entschuldigt sich gleich selbst. gerne auch mal in verbindung mit dem imperativ: „Sie müssen schon entschuldigen!“ ich muss gar nichts. da beisst sie bei mir auf granit.


signore rossi*
eine letzte freundliche begegnung hatte ich beim verlassen der klinik, das gepäck schon geschultert. der kleine herr rossi sah mich mit großen augen an: „was denn? gehst du schon wieder? du bist doch gerade erst gekommen.“ ja. ich gehe. „das hätte ich mal besser auch gleich am anfang gemacht. ich bin jetzt zwei monate hier, und das hat überhaupt nichts gebracht. heute hatte ich mein abschlussgespräch, nächste woche gehe ich heim. weil ich nicht schlafen konnte, haben sie mir ein medikament gegeben, die ganze zeit. ich habe am anfang drei mal nachgefragt, ob das auch nicht süchtig macht. 'neinnein das macht nicht abhängig, seien Sie ganz beruhigt.' aber heute hat der arzt sich verplappert: 'den entzug von dem schlafmitt... … äääääääääh …. das medikament können sie ja dann zu hause langsam absetzen.' du machst es ganz richtig, wenn du wieder gehst.“ wir wünschten uns gegenseitig glück und alles gute. wir konnten es beide gebrauchen.


*ps
alle namen sind frei erfunden.
die wahren abenteuer sind sowieso alle nur im kopf.


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Sonntag, 6. November 2011

honig sei dank!

kurze maßnahme no. 24

da ich alleine lebe, passiert in meinem alltag nur selten etwas, das ich nicht selbst geplant und vorbereitet habe. noch seltener passiert es, dass sich in meiner wohnung dinge befinden, die ich nicht selbst hereingetragen habe.


genau ein solches ding aber fand sich vor einer woche bei meiner rückkehr aus dem krankenhaus auf meinem großen tafeltisch: ein hübsches kleines päckchen, eingewickelt wie früher in glänzendes braunes packpapier und sorgfältig von hand beschriftet.

was das wohl sein konnte? und von wem? ich kramte in meinem hochkarätigen kombinierkästchen nach möglichkeiten: hatte ich etwas bestellt oder bei ebay ersteigert, das noch nicht angekommen war? auch geburtstag hatte ich nicht, hochzeitstag habe ich keinen und pulitzerpreise kommen nicht mit der post.

ich liebe geheimnisvolle pakete, dann bin ich wie ein kind: ritschratsch runter mit dem papier und reingeguckt!

ein honig war drin, von maltesischen bienchen im thymian gesammelt, den mir eine treue leserin von ihrer ferienreise mitgebracht und quer durch die republik geschickt hat. dazu ein paar schnuckels für den katzebutz und ein handgeschriebener brief.

sehr geehrte Frau Dinktoc, mit diesem geschenk haben Sie mich zu tränen gerührt. zum einen, weil ich honig so sehr liebe. zum anderen, weil es gar nicht anders sein kann, als dass Sie die ganze zeit an mich gedacht haben: vor dem einkauf, beim aussuchen, bezahlen, transportieren, verpacken, zur post bringen. so viel zuwendung! zum dritten, weil ausgerechnet honig so schwer(wiegend) ist im koffer und heikel. nichts ist trauriger als klebrig süße scherben im gepäck.

der honig ist köstlich und kostbar – und stillt meine unterschwellige sehnsucht nach südlicher zuwendung.

ich freue mich sehr und sende ein herzliches DANKE!!! welch eine besondere maßnahme! dafür hätten Sie glatt noch einen preis verdient!

möge das gute, das Sie aussenden, in vielfacher weise zu Ihnen zurückkehren.


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Donnerstag, 3. November 2011

dem kuckucksnest entflogen

notizen aus dem landeskrankenhaus . 2

anhand der überschrift könnt ihr's euch schon denken: ich habe die 'Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie' bereits wieder verlassen.

genau fünf tage lang habe ich es ausgehalten. in dieser zeit häuften sich die „ungereimtheiten“. geduld, wohlwollen und - ja! - auch neugier, die ich am anfang noch hatte, wichen immer mehr einem großen unwohlsein.


was mir im vergangenen jahr in der rehab in heiligendamm zu viel war – nämlich ein programm mit bis zu fünf verschiedenen therapien und terminen pro tag – gab es im landeskrankenhaus zu wenig: null therapie!

nach dem relativ kurzen aufnahmegespräch am ersten tag passierte nichts weiter, mal abgesehen von den gemeinsamen mahlzeiten und der 15-minütigen gruppenkurzvisite. ich hatte keine einzeltherapie, keine gruppentherapie, keine bewegungstherapie, auch keine sonstige 'freizeittherapie' wie kunst oder musik, töpfern oder seidenmalen. eine ganze woche lang. es gab noch nicht einmal ein gespräch darüber, welche art von therapie dort für mich überhaupt in frage kam. änderung der untätigkeit war also nicht in sicht.

ich war mir ganz selbst überlassen. zum glück finde ich es nicht weiter schwierig, mich allein zu beschäftigen und meinen tag möglichst sinnvoll zu verbringen. ich kann lesen, ich kann schreiben, ich kann spazieren gehen.

besonders letzteres tat ich dann auch ausführlich, es war ja schönes wetter. am tag meiner ankunft hatte ich noch hausarrest.

am zweiten tag marschierte ich auf dem klinikgelände, in dem schönen park unter den großen bäumen mit den freundlichen eichhörnchen, immer im ovalen rund. eine runde dauerte fünfzehn minuten. am ende hatte ich einen drehwurm und kannte jedes eichhörnchen mit namen.

am dritten tag marschierte ich vor dem klinikgelände, am bach entlang, immer auf und ab. die sonne schien mir ins gesicht und in den rücken, immer abwechselnd. in den tiefen meines mp3-players entdeckte ich musik, von der ich nicht einmal mehr wusste, dass ich sie jemals gespeichert hatte.

am dritten tag marschierte ich die berge hoch, immer weiter bis zur großen burgruine und wieder zurück. ich sah reiher fliegen und übers grüne feld staksen.

je weiter, länger und freier meine märsche wurden – desto schwieriger fiel es mir, in die enge, gedrückte klinikatmosphäre zurückzukehren. die vielen fremden menschen mit ihren traurigen gesichtern und anstrengenden geschichten überforderten mich.

der umstand, niemals wirklich allein sein zu können und immer unter beobachtung zu stehen, belastete mich von tag zu tag und von nacht zu nacht immer mehr. an runterkommen, an entspannung war nicht zu denken. die kopfschmerzen, der tinnitus und auch meine gereiztheit wurden schlimmer statt besser. ich war kurz davor, wieder rauchen oder trinken zu wollen.

zu zweit im zimmer (und das war schon die luxusvariante) kam ich nicht zur ruhe und schlief schlecht. wenigstens kam mir so ganz deutlich zu bewusstsein, dass ich zu hause wenigstens eines nicht habe: schlafprobleme. ich träume zwar regelmäßig schreckliches, schlafe aber ansonsten gut.

am vierten tag kam ich – oh wunder – in den genuss einer chefarztvisite und war angenehm überrascht. ich hatte fünfzehn minuten zeit, zu erzählen, wie es mir geht. dass ich tag für tag mit dem bleiben kämpfte, weil es nirgends ein echtes ausruhen gab. wir besprachen, dass es für mich sinnvoll sei, nur tagsüber zu kommen und die nächte zu hause zu verbringen, um dort kraft zu tanken und das erlebte verarbeiten zu können. eine variante, mit der ich gut leben konnte.

am nächsten – also meinem fünften - tag bislang therapiefreien aufenthalts sollte ich endlich die für mich zuständige ärztin und therapeutin kennenlernen und mit ihr dann alles besprechen für den status 'tagesklinik'. ich war erleichtert, hielt noch diese eine nacht durch, freute mich aufs wochenende zu hause. noch mehr solcher 'therapiefreier' tagen hielt ich für verschwendung sowohl meiner lebenszeit als auch von krankenkassengeldern.

der schock am nächsten morgen in der kurzvisite: die stationsärztin hatte scheinbar keine ahnung von dem, was in der chefarztvisite besprochen worden war. ich musste darum kämpfen, überhaupt noch einen gesprächstermin am gleichen tag, noch vor dem wochenende bei ihr zu erhalten. sie gestand mir 30 minuten zu.

aber auch in diesen dreißig minuten ging es nicht um meine therapie, sondern darum, dass ihrer meinung nach der status als tagespatientin für mich nicht in frage kam. dazu müsse ich vorher mindestens vier bis fünf wochen stationär behandelt werden. ich hätte es nicht einmal mehr vier bis fünf weitere tage ausgehalten.

ihrer meinung nach hatte ich den chefarzt falsch verstanden. sie rief ihn sogar an, angeblich. während des telefonats schickte sie mich aus dem zimmer.

als ich davon sprach, in der klinik keine ruhe zu finden, warf sie einen blick in meine akte, kriegte ganz große augen und rief entsetzt: „aber Sie nehmen ja gar keine medikamente!“ (und schien zu denken: „na kein wunder, dass die noch so aufmüpfig ist, das müssen wir mal schnell ändern....“)

ich hatte mit einigen mitpatientInnen gesprochen, hatte auch in den kurzvisiten vieles mitgekriegt. scheinbar war ich die einzige, die auf psychopharmaka verzichtete. bei den meisten anderen ging es hauptsächlich darum, ob und wie die medikamente wirken. das fand ich erschreckend.

in diesem augenblick jedenfalls knipste frau doktor ihr süßestes grinsen an und säuselte „versuchen Sie es doch einmal mit Lorazepam, und Sie werden erfahren, wie wohltuend die wirkung der medikamente sein kann ….“ - sie hatte die schachtel schon fast in der hand.

lorazepam. tavor. benzodiazepin. ich hörte imaginäre glocken läuten und sah dunkelrote lichter leuchten: altmodisches medikament zur ruhigstellung aus den 60er jahren des vorigen jahrhunderts. lange halbwertszeit. höchstes suchtpotential. stark sedierend. macht dick, dumm und dumpf.

„das geht mir zu schnell. ich möchte kein medikament nehmen, bevor ich nicht mehr darüber weiß.“ frau doktor sah auf die uhr: „das ist kein problem. ich habe noch zehn minuten zeit, da können wir das ganz ausführlich diskutieren.“

örx. saß ich in der klemme? „ich glaube nicht, dass es ein medikament dafür gibt, dass ich die situation hier besser aushalten kann. selbst wenn, dann scheint es mir nicht sinnvoll, hierzubleiben, wenn ich das nur unter dem einfluss starker medikamente ertrage.“

sie versuchte noch ein wenig, mir ein schlechtes gewissen zu machen und redete auf mich ein, dass ich doch unbedingt hilfe bräuchte, das sehe sie mir doch an – aber dann einigten wir uns darauf, dass ich sofort gehen konnte. ohne medikament, aber auch ohne tagesklinikoption.

o große göttin, was war ich erleichtert! zum ersten mal seit meinem check in anfang der woche konnte ich richtig frei atmen – so bedrückend hatte ich den klinikaufenthalt empfunden, wie eine strafe: da ging es mir schon schlecht, und dann musste ich auch noch ins landeskrankenhaus.

seit dem wochenende bin ich also wieder zu hause: sehr erleichtert, nicht auch noch einen medikamentenentzug machen zu müssen. die tage in dieser klinik werde ich abbuchen auf meinem 'lebenskonto erfahrungen sollseite'.

die depressionen sind natürlich nicht weg. keine wunderheilung. dennoch bin ich erstaunlicher weise sehr viel ruhiger, gelassener als vorher. ich liebe meine wohnung, fühle mich wohl hier und weiß einmal mehr, warum es sich dafür zu kämpfen lohnt.

während der paar tage im LKH habe ich viel seltsames erlebt. außerdem bin ich ganz wunderbaren menschen begegnet (und ein paar doofen …). ich habe gut für mich gesorgt und auf meine innere stimme gehört. das hat scheinbar ein stück weit meine seelischen selbstheilungskräfte aktiviert. es ist, als hätte jemand meinen inneren 'reset-knopf' gedrückt.

das ist gut. wir werden sehen.

fortsetzung folgt ....


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