Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

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Zum neuen Büro für besondere Maßnahmen // nordost
bitte hier entlang - merci bien!

Donnerstag, 27. Dezember 2012

richtigstellung

asperger-autistin on/off

wie so oft in der dunklen zeit „zwischen den jahren“ bin ich auch dieser tage wieder einmal mit „aufräumen“ beschäftigt, innerlich und äußerlich:

was bleibt im alten jahr zurück, was ist neues dazugekommen, was will noch erledigt werden, was kommt mit nach 2013?

Jahresendkitsch mit Kerzen, Gold & Glitzer

etwas neues für mich war der psychiatrische befund im frühling: verdacht auf asperger-syndrom - einer „unheilbaren störung“ im autistischen spektrum.

nach dem gut anderthalbstündigen gespräch mit den zwei ärzten der psychiatrie an der universitätsklinik war mir damals das ergebnis zunächst mündlich mitgeteilt worden - dann war ich mit der diagnose mehr als zwei monate allein.

als der schriftliche bericht zur begründung der verdachtsdiagnose endlich eintraf, war ich ziemlich … genervt. schockiert. verunsichert. wütend. die diagnose berechtigte mich, einen schwerbehinderten-ausweis zu beantragen.

um mir das „asperger-syndrom“ bescheinigen zu können, hatte die herren doktoren ungefähr zwei drittel meiner persönlichkeit abgeschnitten und gar nicht erst berücksichtigt.

so sehr schienen sie sich darüber zu freuen, mich in ihre asperger-schublade stecken zu können, dass sie nur sahen, was sie sehen wollten - und gar nicht merkten, wie ich an allen seiten überhing und die kiste gar nicht richtig zu schließen war!

es war wie in dieser szene im märchen von aschenputtel, wo der fuß unbedingt in den viel zu kleinen schuh hinein soll - dann eben vorne und hinten abgeschnitten und passend gemacht wird. hauptsache, es sieht so aus, als ob - ohne rücksicht auf verletzungen.

meine seele war der blutende fuß, das asperger-syndrom der unpassende schuh. dennoch waren 'mannen' sich so dermaßen einig und sicher, dass ich in den monaten zwischen diagnose und bericht schon gleich mehrere anfragen erhielt, doch bitte an klinischen studien zu autismus im allgemeinen und asperger im besonderen teilzunehmen.

die beschriebenen versuchs-anordnungen erschienen mir allesamt ziemlich ungemütlich. ungeheuerlich fand ich die erwartung, dass ich so ein setting mit innen glipschiger enger badekappe auf meinem lockenkopf (damit die vielen angekabelten elektroden richtig leiten) in einem abgedunkelten engen raum lange zeit auf einen bildschirm starrend mit knopf zum drücken in der hand nicht nur irgendwie aushalten, sondern mich dabei auch noch wohlfühlen sollte. das war eine bedingung für die teilnahme! wellness geht bei mir anders.

von autisten sagt man, dass sie auf die gefühle anderer angeblich keine rücksicht nähmen. aber haben diese neurotypen-psychiater irgendeine ahnung, was sie einem da antun mit ihrer seltsamen forscherei? wo nehmen sie rücksicht auf die gefühle ihrer patientInnen, wenn sie über uns reden statt mit uns?!

immerhin hätte es für jeden forschungstermin eine fahrtkosten-erstattung gegeben und vielleicht ein paar euro extra. letztlich war mir dann meine zeit zu schade und auch die energie, die mich die teilnahme gekostet hätte.

in dem fachärztlichen bericht war 'mann' weder auf meine kreative hochbegabung mit ihren besonderheiten noch auf die multiplen traumata mit ihren folgen näher eingegangen. statt dessen war manches „autistisch umgedeutet“ worden.

fehlender blickkontakt ist zum beispiel so ein „asperger-typisches“ kriterium.

natürlich habe ich die herren angesehen. sogar durchaus freundlich, wohlwollend und aufgeschlossen. aber doch nicht ständig! es gibt nur ärgerliche missverständnisse, wenn eine frau einem fremden mann zu lange in die augen guckt. das habe ich in unzähligen situationen selbst erlebt. meine rein freundlich gemeinten blicke wurden in der vergangenheit von männern allzu oft missverstanden als flirtversuch und „interpretiert“ als einladung zu sexuellen übergriffen. also nein danke. da sind wir vorsichtig geworden, herr doktor.

jahrelang habe ich selbstbehauptungs-kurse besucht, um nicht ständig frauentypisch lächeln zu müssen. keine unterwerfungsgesten mehr, wenn eine kompetent wirken will. großes fazit aus dem arroganz-training! aber wenn ich's anwende, gelte ich als autistin?!

ganz zu schweigen von der situation, allein mit zwei mir fremden männern in einem kleinen geschlossenen raum sitzen zu müssen. der horrortrigger! das ist doch wohl klar, dass eine frau mit schlechten erfahrungen da erst einmal vorsichtig wird und nicht der überschwang in person ist. das war keine erfreuliche situation für mich, die sie mir da bereitet haben, herr doktor.

so und ähnlich konnte ich mehrere „autistisch wirkende“ merkmale erklären in einer „nachexploration“ drei monate nach dem ersten gesprächstermin. der leiter der spezialsprechstunde für das asperger-syndrom war sehr respektvoll, nahm mich ernst und sich viel zeit für dieses zweite gespräch.

was mir bleibt, ist eine „reizfilterstörung“ - der umstand, dass ich nicht dicht machen kann, wenn zu viele reize auf mich einströmen (weil ich dank meiner feinen sinne viel mehr wahrnehme als andere). das ist nicht therapierbar, genauso wenig wie intelligenz. besser, ich stelle mich darauf ein.

was mir ebenfalls bleibt, sind „autistische züge ohne krankheitswert“. kurz: ein paar schrullen, die je nach betrachterIn durchaus liebenswert sein können.

wie sagte doch meine züricher freundin dazu? „nun mach dir deswegen keinen kopf, liebe mo. jeder mensch ist doch irgendwie.“ recht hat sie.

it's not a bug, it's a feature“ - würde die IT-fachfrau dazu sagen.

ich bin nicht behindert, sondern begabt. der hinweis auf meine autistischen züge hilft mir, besser zu verstehen, wer ich bin und warum mir manches schwerer fällt als menschen, die anders fühlen und denken. ich lerne, dies für mich zu akzeptieren und kann es dadurch auch besser nach außen kommunizieren. ich bin froh, dass ich das abklären konnte.

ich bin im vergehenden jahr psychiatern begegnet, männern, die erst recht haben wollten, dann aber doch gar nicht recht hatten und ihre diagnose revidieren konnten. da durfte ich ein vorurteil abbauen. das versöhnt mich durchaus und dafür bin ich dankbar.

nun kann es weiter hell und heiter werden.

Dienstag, 18. Dezember 2012

auf bäume klettern

jahreszitat 2013: habemus motto

es ist soweit! nachdem noch bis kurz vor einsendeschluss des wettbewerbs zahlreiche kommentare eingingen mit vorschlägen für unseren besonderen leitspruch des jahres 2013, saß die jury nun tagelang mit rauchenden köpfen brütend über einer entscheidung.

die preise: exklusive kalender 2013


diese fiel wirklich schwer - aber nun genug der dicken luft, wir können wieder klar sehen und haben den vorschlag von pat zum gewinnner gekürt!

astrid lindgrens weise worte

„es gibt kein verbot für alte weiber, auf bäume zu klettern“

haben uns so gut gefallen, dass wir sie ein ganzes jahr lang um uns haben wollen. herzlichen dank für diese entzückende entdeckung! das zitat stammt übrigens aus dem jahr 1974, als astrid mit ihrer freundin, der bibliothekarin elsa olenius an deren 80. geburtstag ein baumwettklettern veranstaltete. astrid selbst war damals 66 jahre alt.

liebe pat, als dankeschön erhältst du den exklusiven termin-/tagebuch-kalender 2013. herzlichen glückwunsch!


nun zum versprochenen trostpreis!

der/die gewinnerIn wurde per los ermittelt. dazu habe ich alle zitate auf ganz gleich aussehende zettelchen geschrieben und diese ganz identisch gefaltet, so dass äußerlich keinerlei unterschiede zu sehen waren.

dann waltete die chief exeCATive lottofee ihres amtes:

chief exeCATive lottofee


den trostpreis gewonnen hat Anonym mit einem zitat des Erasmus von Rotterdam "Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit." dass das durchaus zum gekürten jahresmotto passt, ist aber nun wirklich reiner zufall. unsere bürokatze schwört, dass sie nicht gelünkert hat!

[liebeR anonymA, leider kenne ich deinen namen nicht! also melde dich bitte schnell, ob du deinen gewinn (einen tollen wandkalender mit zwölf der schönsten fotos aus dem blog) erhalten möchtest oder nicht - damit ich weiß, wohin ich den schicken darf. falls du nicht willst und ich bis morgen abend (mittwoch 19.12.2012 23:59 uhr) deine anschrift nicht kenne, wird der preis anderweitig vergeben. er soll doch noch vor weihnachten bei euch eintreffen!]


und weil da wirklich soooo viel tolle vorschläge zusammengekommen sind, gibt es noch einen sonderpreis, und der geht an …. tataa!

anja - für den vorschlag des zitats von van Gogh "Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen - aber es wachsen keine Blumen auf ihr." das (ich nehme an) niederländische original habe ich zwar nirgends finden können, aber ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass das authentisch von Vincent van Gogh ist. falls jemand die ursprüngliche quelle kennt oder noch herausfindet: ich freue mich über eine nachricht!

liebe anja, als sonderpreis gibt es auch für dich einen terminkalender 2013 mit dem neuen jahresmotto. für täglich mehr blumen im leben!

[liebe pat, liebe anja! bitte lasst mich bitte bis spätestens übermorgen abend (donnerstag, 20.12.2012 23:59 uhr) wissen, wohin die preise flugs am freitag verschickt werden wollen (sonst werden sie anderweitig vergeben, ist ja schließlich termingebundene ware ;-) ]

allen, aber wirklich ALLEN teilnehmerInnen ganz herzlichen dank für die teilnahme und die vorschläge. uns hier hat das viel spaß gemacht!

Sonntag, 16. Dezember 2012

absagen einstecken II

besondere maßnahme no. XXV

wie ihr euch denken könnt, ist die lücke in meinem leben, die im oktober durch die kündigung meiner teilzeitstelle beim verlag entstanden ist, noch längst nicht wieder gefüllt.


daher halte ich augen und ohren offen, schau mich um, versuche neues, gehe auch mal unbekannte wege …. alles wie immer, eigentlich. wenigstens langweile ich mich nicht.

eine bezahlte arbeit (die mir die butter auf die richtige seite vom knäckebrot finanzieren täte) ist dabei zwar bisher noch nicht herausgekommen - aber immerhin neue erfahrungen, was die methoden und üblichkeiten auf dem aktuellen arbeitsmarkt so angeht.

letzte woche schrieb ich eine bewerbung auf eine mini-stellenanzeige im hiesigen kostenlosen lokal-anzeigenblatt: gesucht wurde eine mitarbeiterin für den empfang in einer beratungsstelle auf 400-EUR-basis, „erfahrungen im verwaltungs- und/oder sozialen bereich von vorteil“.

na bitte, das kann ich prima machen, dachte ich: war selbst jahrelang geschäftsführerin und vorstand in einem gemeinnützigen verein im gesundheitsbereich, kann alle office-anwendungen aus dem eff², telefonieren sowieso, je nach bedarf freundlich oder auch mal resolut dreinschaun und habe obendrauf auch noch erfahrungen mit der zu erwartenden klientel - sogar aus eigener erfahrung! es ging nämlich um sucht und drogen. zudem ist mir die leiterin der beratungsstelle persönlich bekannt.

also entwarf ich einen indivuellen bewerbungstext, abgeschickt per email mit aktuellem lebenslauf und dem letzten aussagekräftigen, sehr guten zeugnis im anhang.

und?!
ihr ahnt es schon?!
es kam eine absage, ebenfalls per email, innerhalb von 24 stunden.

den text des dreizeilers lässt man sich am besten gar nicht genüsslich auf der zunge zergehen, sondern spuckt ihn gleich angewidert wieder aus:
…. leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass ihre Angaben nicht völlig unseren Erwartungen entsprechen. Aus diesem Grunde können wir Ihre Bewerbung leider nicht ….

was fehlte denen denn, ich bin doch bestens qualifiziert?! ich war ziemlich wütend, holte zur beruhigung ungefähr sieben mal tief luft und habe dann die derzeitige empfangsdame angerufen. sie sei leider auch nur ausführende und mache, was man ihr aufgetragen habe, und die leitung sei sowieso erst im nächsten jahr wieder zu erreichen.

ahja.
ich bedankte mich artig für die information und riss mich schwer zusammen, nicht meinerseits die absage mit einer absage der anderen art zu beantworten:
leider leider! …. bin ich nicht fähig, Ihre mir unbekannten erwartungen ohne vorherige nähere angaben hellzusehen. ja, im grunde bin ich nicht einmal willens, in einem schlecht bezahlten aushilfsarbeitsverhältnis überhaupt irgend etwas hellzusehen! da Ihre schon im bewerbungsverfahren zutage getretenen überzogenen arbeitgeberseitigen erwartungen an u.a. hellseherische fähigkeiten einer neuen mitarbeiterin nach antritt einer stelle erfahrungsgemäß nicht auf ein erfüllbares maß gesenkt, sondern statt dessen aufrecht erhalten und häufig sogar in unverhältnismäßiger weise noch gesteigert zu werden pflegen, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich mich veranlasst sehe, meine bewerbung zurückzuziehen. bei der weiteren mitarbeitersuche wünsche ich Ihnen viel erfolg ....

das nur mal zwischendurch als nette entspannungsphantasie zur psychologisch sinnvollen verarbeitung seltsam abwertender absageantworten auf ernst gemeinte bewerbungsschreiben, in denen man sich ja für gewöhnlich echt nackig macht.

dabei hatte ich denen noch gar nicht mitgeteilt, dass mein (langjährig postalkoholischer, in einer offiziellen untersuchung nachgewiesener) IQ nur sieben punkte unter dem (gemutmaßten) IQ von albert einstein liegt.



Donnerstag, 13. Dezember 2012

grinselinser

wir machen es selbst!

weil es inzwischen draußen winterweiß und schnatterkalt geworden ist, erscheint es von vorteil, wenn man es sich drinnen warm und gemütlich macht.

dazu passt es ganz wunderbar, den backofen anzuwerfen und etwas leckeres hineinzulegen, was dann nicht nur die küche bestens aufwärmt, sondern außerdem auch noch aromatische duftwolken in der ganzen etage verbreitet und im anschluss ein essbares ergebnis produziert.


bei mir gibt es dann vorzugsweise gebäck, das sich länger hält, denn schließlich lebe ich allein. außerdem soll es sich schlicht und heiter dekorieren lassen. ihr ahnt es schon: ich mag keine gitter, nirgends - nicht einmal auf dem kuchen!

bestens geeignet ist da eine Linzertorte, die eigentlich Linsertorte heißt, weil sie gar nicht aus Linz in Österreich stammen sondern angeblich von einem ansonsten völlig unbekannten herrn namens Linser erfunden worden sein soll. die wikipedia weiß das allerdings auch nicht besser, und da mir in diesem tortenfall die knallhart recherchierten fakten fehlen, werde ich mich in die dortige diskussion nicht weiter einmischen.

mischen werde ich allerdings weiterhin meinen kuchenteig nach einem urgroßmutter-rezept aus baden, was ja früher auch mal zu österreich gehörte und damit quasi ein vorort von linz ist.

wir essen die linzertorte hier in badisch südwest das ganze jahr über, nicht nur zur weihnachtszeit, und zwar am liebsten schon zum frühstück. deswegen sowie aus anderen gründen ist meine variante ohne den andernorts obligatorischen schuss schwarzwälder kirschwasser. wer es nun aber gar nicht lassen kann, der möge den zitronensaft durch geistliches nach geschmack ersetzen.

zutaten für eine runde springform:
  • 125 g Butter
  • 125 g Zucker
  • 125 g Mehl
  • 125 g geriebene Mandeln (oder Walnüsse oder Haselnüsse)
  • 1 Ei
  • 1 EL Kakao
  • ½ TL Zimt
  • 2 zerstoßene Nelken
  • abgeriebene Schale von einer unbehandelten Zitrone
  • 2-3 EL Zitronensaft von ebenselbiger
  • Messerspitze Backpulver
  • Prise Salz
  • Glas Himbeermarmelade zum Füllen (oder rotes Johannisbeergelee, das sieht nicht so pickelig aus)

und so geht’s ….
butter zucker ei zimt nelken salz zitronenabrieb und zitronensaft gut miteinander verrühren, dann gemahlene nüsse einarbeiten. mehl kakao backpulver erst trocken mischen, dann löffelweise zum teig geben. der wird ziemlich fest, gut kneten bis alles glatt verarbeitet ist! den teigball in folie wickeln und mindestens eine halbe bis ganze stunde im kühlschrank ausruhen lassen.

in der zwischenzeit ruhen wir uns ebenfalls aus und trinken eine lecker tass tee oder kaffee (superhausfrauen räumen dieweil die küche auf). danach schalten wir den backofen auf 200° und glühen ihn schon mal vor.

vom gekühlten teig etwa zwei drittel zu einer runden platte ausrollen und in die gefettete springform legen. den kuchenboden an mehreren stellen mit einer gabel einstechen.
zwei drittel vom teigrest zu einer wurst rollen und daraus rundum einen kuchenrand basteln, indem man mit dem daumen gleichmäßige dellen hineindrückt (wer in der schule fürs leben gelernt und gut aufgepasst hat, kann jetzt mal schnell mit π mal daumen den tortenumfang berechnen!).
nun den boden mit der marmelade bestreichen und dann! dann endlich! aus dem letzten rest vom teig eine schicke deko formen und obenauf legen. je nach jahreszeit lasst ihr euch etwas anderes einfallen. bei mir wird es meistens ein grinsesmilie.
weil ich es sooo schön finde, wenn meine torte mich anlacht!

backzeit ist ungefähr 20 minuten bei - wie oben bereits erwähnt - 200° im normalen backofen. 

viel spaß und leckerschmecker!


ps.
achso! wer will könnte ja mal ein foto von ihrer tollen torte bei facebook posten - vielleicht gibt's was zu gewinnen ....


Dienstag, 27. November 2012

jahreszitat 2013

ein wettbewerb.

fünf wochen noch, dann ist schluss mit 2012!

allerbeste zeit, um sich mit einer überschrift für das kommende jahr zu beschäftigen. ihr wisst ja, dass ich mein büro für besondere maßnahmen alljährlich unter ein anderes motto stelle.

in 2012 war's „Jeder Tag ist eine Reise. die Reise selbst ist das Zuhause.“ von Matsuo Basho.

was machen wir mit 2013? was passt als (beg)leitsatz fürs nächste jahr? was trifft die perspektive? oder die quersumme zukünftiger ereignisse?


damit ich mit dieser aufgabe nicht so alleine bin, dachte ich mir: mach mal einen kleinen wettbewerb, dann wird’s lustiger!

gesucht wird also ein besonderer spruch, ein satz, ein zitat für 2013 - würdig des büros für besondere maßnahmen - oder so dermaßen ambitioniert, dass das büro für besondere maßnahmen sich dessen erst im lauf des jahres würdig erweisen wird.

vielleicht ein eigener ausspruch, der selbst eine besondere maßnahme war? oder ein satz, der zu besonderen maßnahmen anstiftet und verleitet? oder ein nicht alltägliches zitat für alle tage?! fraulich darf es gerne sein, sinnlich oder frech. gerne quer gedacht, nachdenklich natürlich auch, in jedem fall aber lebensbejahend …

wer mitmachen will, schreibt ihr/sein lieblingszitat bitte bis zum 16. dezember 2012 24.00 Uhr in einen kommentar unter diesen post, gerne mit einer kleinen begründung ;-)

unter allen vorschlägen wird eine kompetente jury (also ich und vielleicht noch jemand anders) dann das "jahreszitat 2013" auswählen (ganz undemokratisch und ohne vorhersehbare regeln). das ergebnis wird am 18. dezember 2012 in diesem blog verkündet.

zur belohnung für alle teilnehmerInnen erwartet euch meine besondere maßnahme zum jahresende:

1)
wer das gewinner-motto vorschlägt, erhält den exklusiven terminkalender „Büro für besondere Maßnahmen 2013“, versehen mit dem gekrönten jahreszitat und rosenkatzen-logo! (falls mehrere vorschläge für dasselbe zitat eingehen, entscheidet das los). die agenda kommt als spiralgebundenes notizbuch im format 21 x 14 cm, eine woche auf zwei seiten - mit europakarte, weltzeitzonen und ein paar seiten extra für eure notizen.

2)
unter allen anderen teilnehmerInnen verlosen wir als dickes-mitmach-dankeschön! den - nicht weniger exklusiven - wandkalender „Büro für besondere Maßnahmen 2013“ mit dreizehn wunderschönen fotos aus diesem blog - format 28 x 21 cm (aufgeklappt 43 x 28 cm, mit reichlich platz für eigene einträge).

so. nun bitte ich um eure vorschläge! macht schnell, ihr habt nur knapp drei wochen zeit!

ps.
kleingedrucktes:
- der rechtsweg ist ausgeschlossen
- persönlich übermittelte daten werden nur für die verlosung gespeichert und ggf. für den versand des gewinns genutzt. sonst nix. keine werbung oder so'n shice, versprochen!

Mittwoch, 21. November 2012

van gogh blues

…. oder: die angst der kreativen, bedeutungslos zu sein. eine buchbesprechung.
Eric Maisel, The Van Gogh Blues - The creative Person's Path through Depression

wer kreativ ist, neigt zu depressiven krisen. sagt das klischee. je genialer, desto suizidal. zum beispiel vincent van gogh. großartiger künstler, aber versoffen und depressiv. erst ohr ab, dann selbstmord. 


ich kenne das gut. dieses entsetzliche gefühl „das hat doch alles keinen sinn. am liebsten wäre ich tot“ begleitet mich seit meiner schulzeit. phasenweise. mal mehr, mal weniger. ich bin nicht so mutig wie van Gogh. alle ohren sind noch dran.

das klischee hat einen wahren kern. der amerikanische psychotherapeut Eric Maisel spürt dem nach in seinem buch „The Van Gogh Blues“ und versucht, kreativen menschen hilfestellung zu geben auf ihrem pfad durch die depression.

in seiner arbeit und selbst kreativ tätig hat Maisel beobachtet, dass eine depression bei kreativen, bei schöpferischen menschen eine andere qualität hat. mit psychopharmaka sei ihr selten beizukommen, denn sie entstehe nicht (nur) aus einer dysfunktion im neuronalen stoffwechsel.

die ursache der kreativen depression sei vielmehr ein ständiges gefühl ‚kosmischer bedeutungslosigkeit‘: kreative menschen zweifeln, sind auf der suche nach dem sinn. dem sinn des lebens, des universums und vom ganzen rest.

diese sinnsuche ist einerseits motor der eigenen kreativität und damit von wesentlicher bedeutung für die eigene schaffenskraft - andererseits aber auch mögliche ursache für eine ganze reihe von ängsten, die im schöpferischen prozess durchlitten werden, ihn begleiten, behindern oder gar verhindern können.

ganz egal, wie ein mensch seine kreativität zum ausdruck bringt: ob ich male, tanze, schreibe, theater spiele oder regie führe, musik komponiere oder singe oder spiele, mich bildhauerisch betätige – die größte und schwierigste aufgabe ist es laut Maisel, nicht nur meinen werken, sondern auch mir selbst und meinem ganzen leben, tag für tag, eine bedeutung zu geben.

für mich trifft es das auf den punkt:

selbstzweifel und die angst, nicht gut genug zu sein, völlig daneben zu liegen machen mir immer wieder das leben schwer. die aufgabe, nicht nur ansprechende texte zu produzieren, sondern sie auch gleichzeitg selbst für bedeutungsvoll zu halten, MIR bedeutsamkeit zuzugestehen, meinem leben selbst einen sinn zu geben auch unabhängig vom urteil anderer – ist schwierig, erledigt sich nicht von selbst und erst recht nicht von heute auf morgen.

in fünfzehn kapiteln, die wie schritte nacheinander einen gangbaren weg aufzeigen, geht Maisel den durch – vermeintliche – bedeutungslosigkeit verursachten wiederkehrenden sinnkrisen und depressionen auf den grund, zeigt an fallbeispielen aus gegenwart und geschichte, wie sie sich sowohl im alltag als auch im kreativen prozess äußern, wie wir sie zum beispiel durch selbstabwertung selbst kultivieren und ihr gar auf den leim gehen …. und wie wir sie überwinden und uns dafür entscheiden können, in allen bereichen unseres lebens bedeutsam zu sein ebenso wie auch alltäglichen und womöglich sogar ungeliebten selbstverständlichkeiten einen sinn zu geben.

wir sind die kreativen regisseurInnen unseres lebens – Maisel gibt uns mit seinem VanGogh Blues ein geländer an die hand, mit dessen unterstützung wir mutig, geduldig und mit viel liebevoller selbstakzeptanz einen pfad finden können durch den dschungel kreativer sinnkrisen.

zu den schritten auf diesem pfad gehört vor allem die erkenntnis, dass man den sinn des lebens nicht irgendwo oder irgendwie findet, wenn man nur lange genug danach sucht, sondern dass man selbst sinn machen muss – sonst gibt es keinen. wir können uns also in jeder minute, in jeder sekunde unseres lebens neu dafür entscheiden, selbst sinn zu machen oder etwas sinnvoll und bedeutsam sein zu lassen. es ist unsere wahl, unsere chance - und gleichzeitig unsere pflicht, wenn es dauerhaft funktionieren soll.

auf dem weg dahin gilt es zunächst, für sich selbst zu entscheiden, was sinn macht: ganz konkret, damit wir ihm nicht lebenslang frustriert hinterherhechten wie einer fata morgana, die sich immer wieder hinter den horizont verflüchtigt, sobald wir auch nur ansatzweise in ihre nähe kommen. sinn muss machbar sein!

zudem müssen wir uns den existenziellen realitäten stellen: solange die kunst uns nicht ernährt, macht auch ein ungeliebter brotjob sinn, weil er uns in der freizeit die sinnstiftende kreativität ermöglicht.

ebenso gilt es, eigenen ängsten ins auge zu blicken, uns nährend selbst zu unterstützen, uns mit dem eigenen narzissmuss zu konfrontieren, seelische wunden zu heilen, auch beziehungen bedeutung zu geben und – last but not least – in die gänge zu kommen, nicht nachzulassen.

für mich persönlich das spannendste in diesem buch ist der abschnitt, in dem es um das ablösen von selbstgewählten fesseln - „happy bondages“ geht: so nennt Maisel suchtverhalten aller art, das uns den schmerz gespürter oder befürchteter bedeutungslosigkeit vergessen oder aushalten lässt. fünf von bisher sieben in den USA geborenen literaturnobelpreisträgern waren alkoholiker. selten hat jemand den kreislauf der sucht – und wie dadurch die kreativität zerstört wird, besser beschrieben als Eric Maisel:
„Kreative werden leicht süchtig, weil eine Sucht ein zwar ineffektiver, aber verführerischer Weg ist, um mit Bedeutsamkeits- und Sinnkrisen umzugehen … Die harte „kreative“ Arbeit verschleißt einen ebenso wie die harte Arbeit, jede Sekunde, Minute und Stunde mit Bedeutsamkeit zu füllen. Ein Drink scheint zu helfen. Viele Drinks scheinen zu helfen, werden zur zwanghaften Gewohnheit. Die innere Leere geht nicht weg, aber es füllt die Leere, über den nächsten Drink nachzudenken. Trinken füllt die Leere. Das selbst verursachte Durcheinander, die Selbstbeschuldigungen, die Szenen, das Feilschen mit dir selbst, das ganze Drama und all das Aufräumen hinterher füllen die Leere. Der Kampf, die Sucht zu durchbrechen, mag etwas Heldenhaftes haben – aber das Heldentum, das du in deine kreative Arbeit hättest stecken können, steckst du nun in deine Sucht. Die Sucht übernimmt den Platz der kreativen Arbeit; sie wird zum Zentrum deiner Gedanken, zum Zentrum deiner Sehnsucht – das, wovon du träumst und alpträumst. Die Sucht wird dein Sinn.“ (S. 128/129, übertragung dieses abschnitts ins deutsche von mo jour)

ich bin ein süchtiger mensch, das stelle ich immer wieder fest. auch wenn ich seit vielen jahren keinen alkohol mehr trinke, auch wenn ich das rauchen aufgeben habe. immer wieder entdecke ich, dass meine suchtstrukturen sich neue wege bahnen. tagelanges computerspielen zum beispiel. manchmal erschrecke ich darüber. manchmal schaue ich mir auch amüsiert zu und denke: es ist okay, solange es mich weder körperlich noch finanziell ruiniert.

nach einer weile langweilt es mich dann schon selbst, und ich mache mich aufs neue daran, mir und meiner arbeit einen eigenen sinn zu stiften. es muss ja nicht gleich der literaturnobelpreis sein.


Eric Maisel, THE VAN GOGH BLUES, ist erschienen in der New World Library, CA/USA, 2002, erhältlich im buchhandel eures vertrauens (allerdings nur in englischer sprache) und kostet derzeit ungefähr 12 euro. empfohlen vom Büro für besondere Maßnahmen!

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Donnerstag, 25. Oktober 2012

suchmaschinen-wunder

kurze maßnahme no 28

mein „Büro für besondere Maßnahmen“ ist im grunde ein ziemliches nischenprodukt.

kein mainstream, keine werbung, keine gutscheine, (fast) keine verlosungen, nur ausnahmsweise produkttests ...

statt dessen viel herz auf der tastatur, ehrliches frauen-leben, erfundene phantasien, höhen und tiefen, feinsinniges, humorvolles, freud und leid, philosophisches, kulturhaltiges, alltägliches, schönes, häßliches, ja sogar katzencontent - kurz: frauen und gedöns.

von allem etwas, aber für spezialinteressierte und suchmaschinen viel zu breit gefächert - so wie ich eben auch als frau und als mensch bin.


umso erstaunter war ich vorgestern, als die statistik mir anzeigte, dass mein blog bei google auf rang 12 steht, wenn man - irgendwo in der nähe von Hannover - das allerwelts-stichwort „Büro“ ins suchfeld eingibt. yeah!

hier im südwesten der republik sehe ich mich bei google nicht mal unter den ersten fünfhundert der ungefähr 230 millionen ergebnisse, geschweige denn unter den top twenty.

Hannover muss ein ganz besonderer ort sein! denn gugle irrt sich nicht. niemals.


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Montag, 22. Oktober 2012

alles auf anfang

das leben kann so ein luder sein.

gerade erst hatte ich gedacht: „jetzt haste aber ne menge erfahrungen gemacht. gerade die letzte war ja mal wieder eine echte herausforderung, zu buchen auf das lebenskonto 'erfahrungen - sollseite'. nun könnte zur abwechslung einmal etwas kommen, das ich aus dem fundus an bereits gemachten erfahrungen locker bewältigen kann - damit ich ein bißchen luft habe, um mich mit aller kraft in die neue stelle einzuarbeiten, gut fuß zu fassen und souverän zu werden ...!“

blühender glücksklee (oxalis tetraphylla)

aber immer dann kommt das leben, watscht mir ins gesicht und sagt „äätsch-bäätsch! ich habe noch was neues für dich!“ ZACK! 

dieses luder.

keine drei monate war ich im medienkonzern, halbtags, als redaktionsassistenz für drei verschiedene redakteurinnen. im grunde musste ich dreierlei jobs neu lernen, für jede einen, ganz unterschiedliche aufgaben in unterschiedlichen redaktionssystemen und software-backends. vielerlei, alles sehr komplex.

obwohl ich als zeitarbeiterin schon fast ein dreiviertel jahr in einer anderen abteilung gearbeitet hatte, kam ich mir vor wie in einer neuen firma. erfahrene kolleginnen sagten: „da brauchst du mindestens ein jahr, um dich einzuarbeiten.“ eine ganz ehrliche kollegin sagte: „um sich wirklich auszukennen, braucht man zwei jahre.“

sehr viel auf einmal, so schnell wie möglich, oft sekundenschnelles hin- und her-switchen: auf emails und kundenanfragen umgehend reagieren; dazwischen komplexe übersetzungen juristischer texte aus dem deutschen ins englische (zu denen eine befreundete diplomübersetzerin gesagt hatte, dass sie sich das nur zutrauen würde, wenn ein muttersprachlicher arbeitsrechtler das gegenliest); gleichzeitig zweierlei portalsforen auf neue einträge überwachen (und beantworten); stundenlanges akribisches prüfen diffiziler textbausteine in der software (ist die englische übersetzung korrekt, stimmt die zuordnung …); das alles und noch viel mehr - im geräuschpegel von teils laut telefonierendem großraumbüro und baustellenlärm vor dem fenster.

unmöglich, mir alles gleich beim ersten mal zu merken. ich habe kein fotographisches gedächtnis. mein mensataugliches hochleistungshirn im overload. ich schwamm. stück für stück fand ich mich ein, tag für tag schaffte ich mir mehr boden mehr unter die füße.

wenn ich nicht weiterkam, fragte ich die kollegInnen. so war es vereinbart. wenn ich fehler machte, wurde ich darauf hingewiesen, hörte zu, lernte daraus. wie das eben so ist in einer einarbeitung.

in den vierzehntägigen rücksprachen mit der redaktionsleitung bekam ich großes lob für meine übersetzungen. von den beiden anderen erhielt ich kein konkretes feedback. „solange nichts negatives kommt, ist alles gut im fluss.“ - dachte ich und strengte mich weiter an.

umso entsetzter war ich, als die chefin in meiner elften woche am neuen arbeitsplatz die rücksprache eröffnete mit den worten: „ich habe schlechte nachrichten für Sie.“ - ?!?!?! - „Sie wissen sicher schon, worum es geht.“ - ?!?!?! - „wir wollen Ihnen kündigen.“ - ?!?!?! - „wir haben uns die entscheidung nicht leicht gemacht.“ - ?!?!?! - „Sie sind zeitlich zu unflexibel (ich war pro arbeitstag im schnitt fast eine stunde länger da).“ - ?!?!?! - „Sie haben überhaupt kein gespür dafür, wann hier viel zu tun ist.“ - ?!?!?! - „Sie haben zum falschen zeitpunkt einen tag urlaub genommen (das war kein urlaub, sondern - auf den vorschlag der chefin hin - das zeitnahe abgleiten von überstunden und mit allen abgesprochen).“ - ?!?!?! - „Sie sind im allgemeinen den belastungen dieser stelle nicht gewachsen.“ - ?!?!?! - „Sie hätten doch merken müssen, dass schlechte stimmung ist.“

dann legte sie mir die kündigung vor (abgezeichnet von dreierlei geschäftsführungen und abgenickt vom betriebsrat). ich hatte den empfang zu quittieren, meinen schreibtisch sofort zu räumen, die mitarbeiterkarte auf den tisch zu legen und das haus zu verlassen.

oh leben, du luder!

ich war geschockt und bin es noch. offensichtlich hatten die drei „herrinnen“ (o-ton chefin) seit wochen und monaten über mich gesprochen - und nicht ein einziges mal mit mir. ich hatte keine chance, stellung zu nehmen und - was auch immer - zu verändern, verhalten oder arbeitsweisen zu korrigieren und anzupassen. statt dessen haben sie meine - angeblichen - defizite gesammelt und mich ins offene messer laufen lassen.

luder.

ich war nicht gut. ich war ihnen nicht einmal gut genug, dass ich ihnen die zeit wert gewesen wäre, meine angeblich ungenügenden leistungen mit mir zu besprechen. ich war scheinbar sogar so dermaßen schlecht und unerträglich und schädlich fürs geschäft, dass man mich lieber von jetzt auf gleich wegschickt - und dafür in kauf nimmt, trotz arbeit im überfluss die stelle nun wieder mindestens sechs wochen lang unbesetzt zu haben, um anschließend mit einer neuen kollegin und der einarbeitung wieder ganz von vorne zu beginnen.

abgesehen von dem schock über dieses unerwartete ende von etwas, das für mich mit ganz viel zuversicht begonnen hat …; abgesehen von der verzweiflung, jetzt wieder ohne eine regelmäßige arbeit dazustehen und dem hartz4-amt aufs neue vollzeit ausgeliefert zu sein …; abgesehen von der trauer, so von jetzt auf gleich einen wichtig gewordenen teil meines lebensinhalts abgeschnitten zu bekommen …; abgesehen von der großen ratlosigkeit, was die entsetzlich große differenz angeht zwischen eigen- und fremdwahrnehmung …; abgesehen von der verunsicherung, wie ich denn nun in meinem lebenslauf elegant unterbringe, dass ich bereits während der probezeit rausgeworfen wurde …

abgesehen von alledem ... bin ich ganz schön wütend!

denn auch, wenn ich jetzt im augenblick überhaupt noch nicht weiter weiß, folgendes ist schon mal klar:

es ist überhaupt nicht schön, dass ich meine arbeit schon nach so kurzer zeit wieder verloren habe. aber es ist überhaupt nicht schlimm, dass ich diese arbeit nicht mehr habe:

in einer umgebung, wo ich ohne hellseherische fähigkeiten ständig angst haben müsste, das falsche zu tun oder zu sagen, weil jemand anders darauf lauert, mich vorzuführen, könnte ich auf dauer nicht gedeihen.

für einen betrieb, dessen devise (u.a.) lautet „Bei uns fahren alle Vollgas. Immer. Wer nicht immer Vollgas fährt, fährt besser woanders!“, habe ich einfach nicht genug testosteron im blut, liebe ich das achtsame unterwegs-sein viel zu sehr.

wenn ich schon im firmensprech, das den maskulinen singular zur norm erklärt und frauen für nicht weiter der rede wert hält, nicht vorkomme - dann habe ich dort zwar jetzt meinen job, als kluge frau aber ansonsten nichts verloren.

so.
ich bleibe in bewegung.
leben, es darf wieder etwas neues kommen.
du luder!



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Sonntag, 30. September 2012

kriegsenkelin

als ich im juli vom besuch des vaters berichtete, unsere lebenslang schlechte beziehung und seine erlebnisse im zweiten weltkrieg erwähnte und ihn der von mir so genannten „eisernen generation“ zuordnete - da ahnte ich nicht, dass ich ein phänomen beschrieb, das seit einigen jahren einen namen hat.


ich bin tochter von kriegskindern. ich bin kriegsenkelin.

ich bin tochter von menschen, die im zweiten weltkrieg selbst als kind militärischen an- und übergriffen hilflos ausgesetzt waren, die vertreibung und flucht, den verlust von hab&gut und geliebten menschen ohne filter miterlebten; die ihre traumata niemals verarbeiten konnten, alle gefühle in sich verbunkerten, selbst mit überleben beschäftigt waren und von den eigenen kindern bedingungsloses funktionieren nicht nur erwarteten, sondern auch einforderten.

es trifft nicht nur mich, es trifft viele. die rede ist von einer ganzen generation. es geht um menschen, die - in etwa - zwischen ende der 1950er und anfang der 1970er jahre geboren wurden. die „geburtenstarken“ jahrgänge, auch die.

vermutlich bin ich auch noch kriegs-ur-enkelin. denn auch die eltern waren ja kriegsenkel, kinder von menschen, die den ersten weltkrieg als kind erlebt hatten. in der traumaforschung weiß man heute, dass nicht verarbeitete traumata sich an die nächste generation vererben können.

wer ein trauma nicht auflöst, gibt es weiter. passiert das über mehrere generationen hintereinander, kommen immer neue ungelöste traumata hinzu, das trauma potenziert sich. neue kriege entstehen - auf allen ebenen: nicht nur zwischen staaten, sondern zwischen menschen und - schlimmer noch: IN menschen. in mir. in dir.

das gilt für alle kriege, für alle katastrophen, überall auf dem planeten. welch eine erschreckende einsicht. und gleichzeitig: welch eine riesenchance auf heilung, auf ein kleines bißchen weltverbesserung, wenn ich sehe, dass ich meinen teil dazu beitragen kann, indem ich mit meiner eigenen genesung beginne, das eigene trauma auf- und mich erlöse.

eine freundin brachte mich auf die spur, gab mir einen link, einen buchtitel. ich folgte den hinweisen und fand informationen, verständnis, unterstützung. ich fand etwas beruhigung meines inneren aufruhrs, erklärungen für einen teil meines traurigen lebens von kindheit an. ich fand die chance auf kleine heilung und linderung des schmerzes.

es wächst ein neues verstehen der seelischen nöte der eltern - auch wenn ich nicht für alles verständnis habe und sie schon gar nicht aus ihrer verantwortung entlassen kann. es gibt keinerlei entschuldigung dafür, die eigenen kinder zu quälen und zu foltern, niemals.

die einsamkeit bleibt, die emotionale verwahrlosung, die schreckliche hasserfüllte seelische heimatlosigkeit, die unendliche angst des „sich-verloren-fühlens“. die vergangenheit wird ja nicht plötzlich ungeschehen, bloß weil man sie etwas besser versteht. es gibt keine „undo“-taste fürs gelebte leben.

die journalistin Sabine Bode hatte sich zunächst mit Kriegskindern befasst, bevor sie deren kindern, uns kriegsenkeln also, ein eigenes buch widmete. in „Kriegsenkel“ schreibt sie im kapitel „Gespenster aus der Vergangenheit“:

Ich schreibe über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht - deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.

Sie werden in diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und unerklärliche Symptome verursachen könnte.“ *

vater und mutter sind die menschen, die mir in meinem leben am meisten geschadet haben. sie sind jetzt 80 und 85 jahre alt. sie haben nicht mehr viel zeit, um sich aus ihren eigenen verwirrungen zu lösen, und offensichtlich so gar kein interesse daran. was sie eine „wiederannäherung“ nennen, ist für mich eine fortsetzung der qualen meiner kindheit und jugend. ich darf nicht sagen, was ist und was war - sonst gibt es keifen und fauchen, zynische bemerkungen und beleidigten kontaktabbruch. 

statt dessen soll ich sie emotional füttern, hätscheln und päppeln. nur dann bin ich - in ihren augen - die „gute“ tochter. das lügen den eltern zuliebe aber, damit sie sich ihre eigenen lebenslügen nicht eingestehen müssen, halte ich nur schwer aus: sind sie außer blickweite, mache ich fressanfälle, knalle mit dem schädel gegen die wand und zerkratze mir die kopfhaut bis es blutet. nicht wieder zum alkohol, zu nikotin oder anderen drogen zu greifen, fällt mir in solchen zeiten besonders schwer.

zu wissen, dass ich mit dem „phänomen“ nicht alleine bin, lindert den schmerz. im internet und in echt gibt es unterstützung. besonders hilfreich finde ich das „ForumKriegsenkel“ mit vielen informationen, einer aktuellen studie (2012), lebensgeschichten, literaturtipps und links.

hier im blog habe ich ein weiteres 'label' eingetragen, das auf posts verweist, die mit meinem kriegsenkelin-sein zu tun haben - auch wenn ich das wort „kriegsenkel“ nicht immer explizit benutzt habe.

gleichzeitig habe ich damit auch mojour - also mir selbst - ein neues 'label' angehängt: immer unterwegs mit dem ziel, die zu werden und zu sein, die ich wirklich bin, lautet der aktuelle zwischenstand ungefähr so:

frühkindlich multipel sexuell und anders traumatisierte, rezidivierend depressive, kreative, hochsensible hochbegabte, prekär lebende, anonym bloggende journalistin, trockene alkoholikerin, kalte raucherin und kriegsenkelin mit autistischen zügen in den wechseljahren“ .... und noch viel mehr!


* aus: 
Sabine Bode, Kriegsenkel, Klett-Cotta 2009, ISBN 978-3-608-94550-8 (S. 30)


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Sonntag, 26. August 2012

probezeiten

wunder no. 10

nicht nur die probezeit der katze habe ich vor kurzem erfolgreich bestanden und abgeschlossen (sie hat beschlossen, bei mir zu bleiben), sondern auch die ersten sechs monate auf meiner halben zeitarbeitsstelle im verlag habe ich bärinnenstark hinter mich gebracht.

Dolceaqua - Brücke über die Nervia
das war schon anfang mai, als ich aus meinen italienischen zeiten zurückkam. ich war sehr froh, dass ich als redaktionsaushilfe so lange durchgehalten hatte, dass meine kündigungsfrist nun nicht mehr nur zwei, sondern sogar vier wochen betrug.

so viel sicherheit hatte ich fast noch nie zuvor in meinem leben! wir erinnern uns: zu beginn meiner zeitarbeitskarriere im dezember des vergangenen jahres war die kündigungsfrist genau einen tag lang, vierundzwanzig stunden!

immer um zwei monate war mein einsatz verlängert worden, dreimal insgesamt, zum schluss bis ende juli. auch davon erfuhr ich im mai, allerdings mit bitterem beigeschmack. es hatte mir zwar keiner konkret gesagt, aber ich spürte es doch: diese verlängerung war die letzte. die erkrankte kollegin war längst genesen und hatte - unter anderem mit meiner unterstützung - alle rückstände aufgearbeitet. ob meine zeitarbeitsfirma mich danach noch woanders hätte unterbringen können, ist fraglich.

von wegen übernahmeoption! war das doch nur die lockende karotte gewesen, die die zeitarbeitsfirma mir die ganze zeit vor die nase gehalten hatte? mit der in den medien ständig geworben wird? die meist unhaltbare versprechung, dass zeitarbeit wirklich nur 'auf zeit' ist? und ich eselin war brav hinterhergetrottet?!

ja.
und nein.

ja, weil es in der bisherigen abteilung für mich definitiv nicht weiterging.

nein, weil genau zur selben zeit in einer anderen abteilung im haus eine stelle als redaktionsassistenz neu ausgeschrieben wurde: teilzeit, unbefristet. meine große chance!

nach rücksprache mit dem alten team habe ich mich beworben, wurde eingeladen zum vorstellungsgespräch, später ein kennenlernkaffee mit den neuen kollegInnen - und wurde genommen! nicht zuletzt, weil ich bereits im haus gearbeitet hatte und mir vieles bereits vertraut ist; weil die vorgesetzten untereinander geredet haben, was zu bereden war.

als halb-interne quereinsteigerin aus der zeitarbeit hatte ich den entscheidenden vorsprung. für diese chance bin ich allen beteiligten unendlich dankbar!

ich war - einmal im leben! - zur richtigen zeit am richtigen ort! plötzlich ging alles ganz leicht, und deswegen hat nun für mich an anderer stelle eine neue probezeit gerade erst begonnen:

auch wenn ich im selben betrieb bin, so ist in der neuen redaktion doch sehr vieles neu für mich: die inhalte, das team, der umgangston. es ist fast so, als ob ich nun in einer anderen firma arbeite - aber eben nicht ganz.

endlich habe ich auch einen eigenen festen arbeitsplatz (in mehrfacher hinsicht) - und wandere nicht länger von einem schreibtisch zum anderen - wo immer gerade platz ist, weil jemand urlaub macht oder krank ist. statt dessen gibt es sogar ein schild an 'meiner' großraumbürotür, auf dem - alphabetisch eingeordnet - mein name zwischen den anderen steht. ich bin jetzt mittendrin.

leider sind auch hier im 'reichen südwesten' die einstiegslöhne erheblich gesunken. ich verdiene nur noch ein bruchteil von dem, was mir 'früher' im 'armen nordosten' mal gezahlt wurde. deswegen kann ich auf ergänzendes arbeitslosengeld im augenblick noch nicht verzichten. immerhin ist mein gehalt ein bißchen mehr als in der zeitarbeit. das amt kann sich also freuen. ich werde billiger. es fehlt nicht mehr viel.

meine zwanzig stunden wochenarbeitszeit darf ich auf vier tage legen, welch ein luxus! nach einer solchen stelle habe ich mehr als zehn jahre gesucht: eine, die zwar nicht so ganz 'meins' ist - aber einigermaßen erträglich, vielleicht sogar hin und wieder spannend, die mir die basics finanziert, eine durchaus anspruchsvolle herausforderung - aber weder mich noch meine gesundheit überfordert.

sogar meine ärztin hat mir gratuliert. auch sie ist der meinung, dass ich jetzt erst einmal alle kraft auf die erfolgreiche einarbeitung legen und mich nicht zusätzlich belasten sollte (das amt und der vermieter sehen das leider nicht so. aber davon ein andermal - heute ist party!).

das wichtigste ist jetzt, dass ich das halbe jahr probezeit gut bestehe und auch tatsächlich in den unbefristeten vertrag übernommen werde.

es sieht ganz danach aus, als hätte ich einen arbeitsplatz gefunden, an dem ich bleiben kann.
und will.
und soll!

ein wunder!
eine brücke über den reißenden fluß!

damit ist von meinen vielen, mich so unendlich belastenden lebensbaustellen wenigstens bei einer alles bestmöglich auf den weg gebracht und - so hoffe ich - ein heiteres geradeaus in sicht.
ich werde jedenfalls von meiner seite alles dafür tun.


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Sonntag, 22. Juli 2012

vaterschreck

es ist unsere erste begegnung nach mehr als viereinhalb jahren. sein erster besuch in meinem leben seit mehr als dreizehn jahren. meine wohnung hat er dennoch lieber nicht betreten. wir sitzen auf der terrasse einer renommierten konditorei. der dicke alte mann schaufelt schwarzwälder kirschtorte in sich hinein. ich trinke kaffee mit schlagsahne.


der vater wunderte sich: „Ja darfst du denn immer noch keinen Alkohol ….?“ ich bleibe geduldig. „nein, ich bin trockene alkoholikerin. das weiß du doch, dass man da nicht mehr trinken kann.“ - „Ja aber ich dachte, nach ein paar Jahren, wenn man brav war, dann könnte man wieder ….“. sie wollen es nicht wahrhaben, diese eltern. ich bin schließlich ein wunschkind, und ein wunschkind hat den wünschen der eltern zu entsprechen. „alkoholkrank“ stand nicht auf ihrer wunschkindeigenschaftswunschliste, also wird es ignoriert und freunden gegenüber verheimlicht.

dabei war er es, der mit der 13-jährigen zum „bier-trinken-üben“ in die kneipe ging. „Das wird dir nicht gleich beim ersten Mal schmecken, Tochter. Das ist bitter. Du wirst es öfter versuchen müssen.“ ich wollte seine gute tochter sein und überwand die bitterkeit so lange, bis ich ohne nicht mehr sein konnte.

immerhin ist er innerhalb weniger wochen ein zweites mal quer durch die republik gefahren, um mich zu sehen. sein erster versuch war im mai, als ich in italien war. da war er einfach losgefahren, traf mich nicht an, hinterließ anonyme botschaften auf meiner anrufbefürworterin, die mich bei meiner rückkehr in angst und schrecken stürzten.

ich löffle noch etwas sahne vom extraschälchen auf meinen kaffee.

„wieso hast du dich damals nicht angemeldet?“ - „Ich wollte dich überraschen.“ - „hattest du angst, ich würde nein sagen am telefon? hast du gedacht, wenn du mir die pistole auf die brust setzt und gleich vor der tür stehst, könnte ich dich nicht wegschicken?“ - „Ja.“ wenigstens ist er ehrlich.

in mir eine große vielschichtigkeit von gefühlen:

überfälle finde ich brutal und respektlos. das macht mich wütend. aber ich behalte es für mich. weil ich weiß, dass er dann wieder eingeschnappt wäre. das alte muster. es besteht die gefahr, dass er wieder jahrelang nicht mit mir reden würde, so wie beim letzten mal. so viel lebenszeit hat er nicht mehr.

gleichzeitig fühle ich mich schuldig, weil ich bei seinem ersten besuch im mai nicht zu hause war. der kerl arbeitet seit jeher mit emotionaler erpressung. das ist unerträglich.

gleichzeitig bin ich gerührt von seiner anstrengung, sich mir – auf die beste ihm mögliche weise – wieder anzunähern. gerührt auch von seiner unbeholfenheit.

trotzdem: ich kann ihn nicht leiden, finde ihn eklig. dieser mann hat meine kindheit versaut, meine jugend, mein leben. ich hasse ihn. er war zynisch, desinteressiert. sein häufigster satz, seitdem ich ein i-dötzchen war: „da musst du alleine mit klarkommen. da kann ich dir nicht helfen.“

er war nicht da für mich, niemals fühlte ich mich geborgen. meine bedürfnisse hatte ich den seinen unterzuordnen. tat ich es nicht, sorgte er für mein schlechtes gewissen: ich war schuld, wenn es ihm schlecht ging. wenn er da war, lief ich auf zehenspitzen, alle antennen nur darauf ausgerichtet, ihn nur ja nicht zu stören. er hat mich oft dabei erwischt. ich war nicht leise, nicht unsichtbar genug.

das, was ich sagen will, ist zu viel. mit dem löffel versuche ich, die sahnhäubchen in den kaffee zu tunken und unter der oberfläche zu halten.

der vater ist fast achtzig. er gehört wie die mutter zur eisernen generation, die im zweiten weltkrieg kind oder jugendlich war und erlittene verluste niemals richtig betrauern oder erlebte schrecken verarbeiten konnte. sie sind die ewigen opfer, denen es von allen immer am schlechtesten ging: „Also halte den Mund, Kind! Und jammere nicht! Dir geht es doch gut!“

er spricht von seiner schulzeit, die 1939 begann - und wie er damals von lehrern geschlagen wurde. heischt mitleid „Wenigstens das haben wir dir doch erspart.“ wieder habe ich ein schlechtes gewissen, weil ich „nur“ mit angst, kopf- und magenschmerzen in die schule ging. ich bleibe bei mir so gut es geht und sage „du weißt selbst sehr gut, dass man kinder nicht verprügeln muss, um sie zu quälen und zu foltern.“

„Aus der Sicht der Kinder mag manches anders aussehen als aus der Sicht der Eltern. Aber Eltern haben nun mal die Macht, Ihren Kindern gegenüber immer im Recht zu sein.“

dabei schaut er mich durchdringend an, fast triumphierend. ich verstehe: er duldet keinen widerspruch. der vater besteht auf seiner macht. mit großer kraft bleibe ich diplomatisch: „damals hatten kinder noch nicht das recht auf eine gewaltfreie kindheit. das hat sich inzwischen geändert. es gibt jetzt kinderrechte.“

er kotzt mich an in seiner unfehlbaren selbstgerechtigkeit, die zu keinerlei selbstkritik fähig ist.

ich löffle die ungezuckerte schlagsahne, die nicht untertauchen will, in meinen mund, und bin getröstet von ihrer weißen weichheit.

wir kommen nicht zueinander. er wechselt das thema, obwohl wir das vorige noch gar nicht besprochen hatten. zu vieles bleibt ungesagt.

nach fünf kontaktlosen jahren möchte er fakten aus meiner gegenwart. ich berichte von langer erwerbslosigkeit und vom leben mit hartzIV trotz arbeit. er weint, als er mir als gruß von der mutter einen hunderteuroschein in die hand drückt: "Für Blumen."

ich erzähle auch von meiner derzeitigen halbtagsstelle, die mich viel kraft kostet. er verabschiedet sich winkend und ruft mir freundlich hinterher: „Da musst du jetzt alleine durch. Da kann dir keiner helfen.“

damit hat er natürlich recht. genau so ist es. ich hätte gerne einen menschen in meinem leben gehabt, der die bezeichnung „vater“ verdient. da muss ich schon mein leben lang alleine durch.


ps am 1. Oktober 2012:
durch reaktionen auf diesen text bin ich dem begriff "kriegsenkel" begegnet. in "kriegsenkelin" habe ich mehr dazu geschrieben.



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Montag, 25. Juni 2012

geBILDet wider willen

kein offener brief

sehr geehrter herr BILD,
was denken Sie eigentlich, wer Sie sind?! an meinen netten kleinen aufkleber „hier nix einwerfen, was keine echte post ist“ halten sich schon seit jahren sowohl das sübadische wochenblatt als auch die hiesige monopolsonntagspresse.

trotz aufkleber im briefkasten: kostenlose geburtstags-bild

Sie hingegen erdreisten sich, mir den postkasten vollzuscheißen mit einem von Ihnen so genannten „druckerzeugnis“, das weder das minderqualitative papier, auf dem es gedruckt wurde, noch die verflixt nochmal finger- und klamottenfärbende billigdruckerfarbe, mit der es mehr beschmiert denn gezeugt wurde, wert ist – geschweige denn den riesigen logistischen aufwand und die ungeliebte mehrarbeit für zigtausende unschuldige postzustellerInnen ausgerechnet an einem sonnigen mittsommersamstag?!

pfui!

da ich ja schon ahnte, dass die BILDmacher genausowenig lesen wie schreiben können, hatte ich in der nacht zum 23. juni extra noch zu meinem normalen ichwillkeinewerbung-alltagsaufkleber einen zweiten dazu geklebt. bunt, mit fetten buchstaben und dicken balken – in der hoffnung, dass Sie dann gleich wissen, wer bzw. was damit gemeint ist: „ich will am 23. juni 2012 keine kostenlose BILD“.

wie respektlos von Ihnen, meine nette kleine dorfpostbotin mißbräuchlich dahingehend anzuweisen, solcherlei konkrete ansagen diskret zu übergehen und mein leben nichtsdestotrotz mit Ihrem abfallprodukt zu penetrieren.

sehr geehrter herr BILD, ich bin indigniert!

das ist kein feiner stil, den sie da gezeigt haben. was ja aber nichts neues ist und sicher auch beabsichtigt war.

wo ich nun aber ihr druck-erzeugnis, das für jeden drucker ein schlechtes zeugnis wäre, unfreiwillig im hause habe, habe ich mir die mühe gemacht, die sterilen anti-infektions-einweghandschuhe überzustreifen und mal kurz mit spitzen fingerspitzen nachzusehen, wer sich da so alles in ihrer geburtstagsausgabe beschreiben und bewerben und sogar interviewen ließ.

die werde ich natürlich in zukunft alle boykottieren (wenn ich es bisher nicht sowieso schon tat) – und nein! ich werde hier jetzt nicht alle einzeln aufzählen (sind aber zu finden auf den nachdenkseiten), um nicht noch mehr werbung zu machen. schlimm genug, dass ich mich vor lauter ärger hier zeilenweise mit Ihnen beschäftige, herrBILDnochmal! denn auch schlechte publicity ist immerhin publicity, dass wissen wir beide so klar wie dicke zaubertinte, gell?!

wieviel haben Sie denn dafür gezahlt? kaum vorstellbar, dass til schweiger so dermaßen platt war, sich für umme auf einem heile-welt-trotz-trennung-familien-foto herzugeben. schade schade, auf den schweiger-hamburg-tatort hatte ich mich nämlich gefreut. zu früh, wie sich nun herausstellt. dabei ist der junge mann doch in freiburg geboren, was bekanntlich ganz in meiner nähe ist, zeitweilig. da fühlte ich mich immer ein bißchen schweiger-sympathisante. passé, BILDseidank!

so. latex wieder abgestreift, streifenzeitung im sondermüll entsorgt. die war so schäbig, dass ich noch nicht einmal die küchenabfälle darin einwickeln wollte. dafür waren mir meine spargelschalen echt zu schade.

herr BILD, wenn Sie denn jetzt mit 60 bitte recht bald in rente gingen, dann hätten Sie vielleicht auch etwas zeit, doch noch richtig schreiben und lesen zu lernen auf Ihre alten tage. aber fragen Sie bloß nicht mich, ob ich's Ihnen beibringe! ich bin autistin und eigne mich nicht als retterin für verlogene alte papierfetzen.

in realistischer erwartung keiner BILDverbesserung
niemals die Ihre
mo jour



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Montag, 18. Juni 2012

sommernacht

gedankensprünge, heute mal mit soundtrack: luca carboni, mare²

natürlich bin ich längst wieder im alltag angekommen, aber ich gestehe: meine italienreise war ungewöhnlich nachhaltig. auch mehr als einen monat danach trage ich diverse „italienische momente“ noch sehr in meinem herzen.

sogar in diversen synaptischen spalten hüpft es immer wieder auf und ab und singt: „mare mare – ma che voglio di arrivare!“


zum ersten mal in meinem leben hatte ich diese wunderbaren italienischen fensterläden vor den verandatüren. zwei wochen lang, in dunkelgrün: die sorte, bei der man in geschlossenem zustand von innen noch eine art halbfenster nach außen halb hochklappen kann. einen spaltbreit nur. so dass auf keinen fall sonne hereinscheint – die öffnung aber groß genug ist, um hinauszulünkern und nachzusehen, wer da unten so ein palaver macht.

die habe ich sehr geliebt, das macht so sanfte aussichten. die welt da draußen in querscheiben geschnitten, das licht leicht gefiltert und auch lärm milde gedämpft – non me ne frega. die hätte ich hier gerne auch ….

dann wäre der quetschenquälende vermieter nicht ganz so laut, das spießige ambiente im haus nicht ganz so krass ….

heute abend hatte ich den sommerlichen 'dorfhock' in der nachbarschaft schräg gegenüber. alle waren da: blechblasendes rumtata mit polka-rhythmischem synthesizer und weinseliges herrengrölen bei 30 grad. hachz. es muss sehr schön sein, wenn man so etwas schön findet. da könnte man sich so richtig hineinfallen lassen und im übertragenen sinne hineinkuscheln in so viel dörfliche geborgenheit. leider finde ich mich nicht darin wieder: das ist mir nicht italienisch genug.

statt dessen sitze ich allein auf dem nächtlichen balkon, unten zirpen die grillen und klappen die dörfler ihre letzten bierzeltgarnituren zusammen. Ginivra, die katze, kümmert sich hingebungsvoll um motten, käfer und anderes sommernachtsgetier.

ich schreibe im nachtflug, das mag ich sehr. das dorf ist jetzt still, kaum noch irgendwo licht. der ruf eines käuzchens über dem tal, weit hinten im wald. jetzt fehlen nur ein paar glühwürmchen im kartoffelstrauch - die idylle wäre perfekt.

sie ist es nicht: der nachtbus dröhnt unten vorbei. auch ich muss morgen wieder früh raus. ich sitze einfach noch ein weilchen hier und habe es schön, still und warm.

fast mittsommer. schwüle nächte. nichts ist so öde wie ein sommer allein. schon wieder einer. aber es ist wie es ist. ich versuche, es trotzdem zu genießen – und ich genieße es.

so seltsam das vielleicht klingt: ich schwitze gern. zu den schönsten momenten meines lebens gehören die kurzen zeiten des jahres, in denen nicht ein kubikmillimeterchen meines körpers friert. wenn alles gut durchwärmt ist und entspannt. wenn ich keine kleidung brauche, um mich zu wärmen, sondern nur, um mich vor der sonne (und vor neugierigen blicken) zu schützen. am liebsten trage ich dann lange, leichte röcke. einen sarong. mit nichts drunter (das weiß nur ich!). ein lockeres top dazu. gerne aus leinen, seide, fließend und weich. mein sommerluxus, mit einem hauch schüchterner hemmungslosigkeit.

ein bißchen träge lasse ich die schönsten sommernächte meines lebens revue passieren. in allen erinnerungen spielt das meer eine rolle, in manchen auch eine hängematte. und ich stelle fest:

was den dörflern ihr hock, ist mir das meer: ziemlich unverzichtbar. leider ist es von hier aus ziemlich weit weg. meine phantasie schlägt kapriolen und flutet mal eben den rheingraben. das wäre dann so eine art fjord bis in die niederlande. ähem. die müssten wir nur kurzfristig auf stelzen legen. ich will ja niemanden ertränken. der berg gegenüber wäre insel, und in freiburg säßen wir am dreisam-hafen.

sehr schön. das werde ich über nacht mal ein bißchen ausbauen.... schöne träume euch allen – und einen heiteren sommer voller schmetterlinge wo auch immer!


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Sonntag, 3. Juni 2012

deutsche augenblicke

zwei wochen lang habe ich das sanfte klima an der italienischen riviera genossen, ein italienischer moment reihte sich an den anderen. mein leben in einer postkarte - atemraubend schöne aussichten ließen mich tief durchatmen. meine seele war mitten drin ganz weit weg.

dixan: portofino 24ore
dann überfällt es eine schon beim nachhausekommen, den koffer noch in der hand: ein deutschgrauer amtsbrief im kasten, eine anonyme botschaft auf dem AB.

„der alltag hat mich wieder“ - sagen die leute dann gerne, sehr treffend und sehr unschön. das will ich doch gar nicht! ich mag mich nicht vereinnahmen lassen von traurigen pflichten!

es ist eine gratwanderung: meinen pflichten nachzukommen, mich den aufgaben des alltags zu stellen – und mir trotzdem im herzen 'italienische momente' zu bewahren und zu erleben, während ich in echt einen deutschen augenblick nach dem anderen auszuhalten habe.

deutsche augenblicke – die sind nicht gerade berühmt für lebensfreude und leichtigkeit ….

also versuche ich, meiner erinnerung und genussfähigkeit auf die sprünge zu helfen. eine gute methode, millionenfach erprobt und bewährt: man bringt sich was mit, ein souvenir, ein stückchen italienisches dolcefarniente!

die erwachsenen meiner kindheit liebten den bunten, nutzlosen trillefitt, der dann jahrelang mehr oder weniger dekorativ im regal stand, bis er deutschgrau eingestaubt sich dem alltag des ehemaligen urlaubers angepasst hatte: die flamencopuppe aus spanien, den gondoliere aus venedig.

jedem das seine – hauptsache, es funktioniert!

für mich funktionieren als 'erinnerungshelfer' dinge, die sich benutzen oder verbrauchen oder aufessen lassen:

küchenutensilien, oliven und öl, ein schönes kleidungsstück, gerne auch notebooks aus papier (schon mal einen schreibwarenhändlicher nach der kapazität eines notizbuchs gefragt?! wieviel MB hat dieses moleskine?!) ….

in diesem jahr habe ich etwas ganz neues für mich entdeckt: ein geschirrspülmittel! natürlich mit absicht, weil ich doch meinen abwasch so sehr hasse. aber dixan sei dank duftet das waschwasser jetzt nach „portofino um mitternacht“.

nicht, dass ich jemals in Portofino gewesen wäre, schon gar nicht um mitternacht am 'feinen hafen'. ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es dann dort nach spüli riecht. ich würde das auch keinem ort auf der ganzen welt wünschen, nach spüli zu duften – zu welcher tageszeit auch immer.

fragt mich nicht, warum ich mich für 'portofino 24.00 ore' entschieden habe, obwohl es auch die variante 'capri 18.00 uhr' gegeben hätte. wo es doch auch auf Capri so schön sein soll, wegen der der blauen grotte und so. ich habe einfach beide probegeschnuppert, und portofino ist hängengeblieben. es riecht etwas kräuterwürzig mit einem hauch von bootsmotorenöl.

trotzdem: meine hausarbeit macht mir seither ein kleines bißchen mehr spaß. weil ich dann so vor mich hin grinsen kann bei dem gedanken, wie sehr doch die werbung auch bei mir funktioniert: ich habe eine illusion gekauft. auf mein gehirn ist verlass, es macht eine schöne erinnerung daraus:

das erleichtert die sache erheblich und verzaubert meine deutsche haushaltspflicht in einen italienischen augenblick!


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Freitag, 11. Mai 2012

momenti italiani

momenti italiani

„für die italienischen momente im leben“ hat es mal in einer werbung*** geheißen. den namen des produkts erinnere ich nicht. wahrscheinlich hat es für mich nichts mit italien zu tun oder es kommt aus sonstigen gründen nicht vor in meinem leben.

der ausdruck aber ist hängengeblieben, und ich denke oft darüber nach.

sind alle augenblicke, die ich hier in Sanremo verbringe, italienisch schon allein deswegen, weil ich mich auf italienischem hoheitsgebiet befinde? oder braucht es für das augenblicksprädikat „italienisch“ noch etwas anderes? bin ich gar so dermaßen „deutsche“, dass mir echte italienische augenblicke gar nicht möglich sind?

wenn mich jemand (meist eine amtsperson) nach der staatsangehörigkeit fragt, sage ich im allgemeinen: „mein pass ist deutscher.“ und denke mir dazu: „... aber mein herz ist erdling.“ schließlich ist es nicht mein verdienst, dass ich mich ausgerechnet innerhalb der deutschen landesgrenzen dauerhaft und ohne visum aufhalten darf. da bilde ich mir nichts drauf ein.

für den planeten aber, auf dessen oberfläche ich gast bin, fühle ich mich in gewisser weise verantwortlich: ich möchte hier keinen schaden anrichten. das ist das mindeste. zum wohlergehen der erde beitragen können, wäre mir noch lieber.

am liebsten wäre mir, so etwas wie achtsame spuren hinterlassen zu können. so dass frau terra am ende sagt: „vielen dank, dass Sie hier waren, mo jour. bitte beehren Sie uns bald wieder“ und mir freundlich die reinkarnationsfomulare in die hand drückt.

also in etwa so, wie ich das auch hier mit meiner ferienwohnung halte: ich behandle alles mit liebevollem respekt, mache nichts kaputt, lege eher noch etwas dazu und werde auf jeden fall positive energie hinterlassen, so dass die besitzer am ende sagen können: „schön, dass Sie da waren. wir werden uns jederzeit freuen, Sie wieder begrüßen zu dürfen.“

das wäre ein guter „erdlingsmoment“.

zuück zu den italienischen momenten im leben. was macht die aus?

eine gewisse leichtigkeit? sicher. dazu ganz gewiss auch ein augenzwinkerndes „sich selbst nicht zu ernst nehmen.“ ein bißchen 'dolce far niente' – im positiven sinne von „nicht nur stur und verbissen (=deutsch) vor sich hin arbeiten, sondern sich selbst auch pausen zu gönnen und diese dann (ohne schlechtes deutsches gewissen!) zu genießen.

italienische momente können für mich auch solche sein, in denen es mal laut und deutlich wird (palaver palaver porca madonna!); wenn man danach mit einem freundlichen „va fanculo“ und einem schulterzuckenden „che me ne frega“ auseinandergeht. völlig egal, wer recht hatte!

aber es scheint mehr als das zu sein. auch eine gewisse sinnlichkeit gehört für mich dazu, sowie den/die andere/n respektvoll im auge zu behalten.

vielleicht sehe ich das alles gerade viel zu romantisch, schließlich bin ich hier in ferien, ein zahlender gast und gerne gesehen. das ist ja daheim in d-land nicht so. da bin ich dann auch weniger etnspannt.

italienische momente sind auch manchmal ganz konkret:

wenn ich zum beispiel die schwere einkaufstasche trage, plötzlich eine duftwolke von jasmin um die ecke weht und sie mir plötzlich viel leichter vorkommt.

oder wenn ich abends alleine im restaurant sitze, und plötzlich kommt vom nachbartisch eine rose herübergewandert mit einem freundlichen gruß und sonst gar nichts – ohne erwartung einer gegenleistung.

italienische momente sind für mich auch im straßenverkehr, wenn die mopeds mich rechts und links gleichzeitig überholen, sich an mir vorbeischlängeln, mir andere auf meiner fahrbahn entgegenkommen – da komme ich echt an meine grenzen, weil ich den verkehr lieber 'gut geregelt' habe. aber dann geht doch immer alles gut. hauptsache flott und locker durchkommen. wen interessiert da eine doppelte durchgezogene linie?!

oder wenn ich auf dem hier geliehenen fahrrad unterwegs bin: ohne licht weder vorne noch hinten, noch nicht mal katzenaugen, ohne klingel, ohne gangschaltung, laut klappernd als wolle es gleich auseinanderfallen, von zwei bremsen funktioniert nur die eine halbwegs … ähem. von einem offiziellen fahrradverleih! aber dann ist die aussicht so zum durchatmen schön, die meeresbrise so durftig – da stört das olle fahrrad mich gar nicht mehr. täte es mich stören, wenn ich auf dem weg zur arbeit wäre? vermutlich. der weg zur arbeit gehört für gewöhnlich nicht zu den italienischen momenten eines lebens.

ist es ein italienischer moment, wenn ich nachts extra das fenster offen lasse, um das meer rauschen zu hören – aber nicht schlafen kann, weil der kühlschrank im zimmer viel zu laut ist? inzwischen stelle ich ihn nachts ab, den kühlschrank.

wie müssten situationen in meinem alltag sein, damit ich sie zu 'italienischen momenten' erklären kann? sind die zutaten eher äußerlicher art, wie guter duft, angenehme geräusche, ein paar strahlend freundlicher augen? oder ist es eher die innere einstellung, momente welcher art auch immer als italienisch empfinden zu können? hier in bella italia ist ja auch nicht immer alles eitel sonnenschein und pure postkartenidylle.

hat es mit einem verzicht auf einen gewissen teil meines effektiven perfektionismus zu tun? würde ich das wollen?

die frage scheint eher – und das ist sie nach jeder reise, ganz egal wohin: „wie kann es mir gelingen, etwas von der entspannten gelassenheit meiner freizeit in den knallhart zähneknirschenden deutschen alltag hinüberzuretten? so dass ich mehr kraft habe, mich den deutschgrauen brutalitäten zu stellen?“

leider habe ich keine antwort darauf, weil ich mir hier zwei wochen leben mit scheuklappen erlaube und alles unangenehme ausblende so gut es eben geht, um den entsetzlichen druck zu lindern, der mir sonst die luft zum atmen raubt.

eiskalte briefe vom amt auf häßlichem grauen papier im postkasten zu finden, ist eindeutig kein italienischer moment. was könnte man dagegen halten, um traumata zu lindern? ein bißchen gluckern der espressomaschine reicht mir da jedenfalls nicht.

italienische momente im leben – das ist viel mehr, als ein paar azurblaue pixel jemals zum ausdruck bringen könnten. deswegen habe ich 'heute leider kein foto' für euch.



*** 
nachtrag:
das war natürlich der herr angelo, 1993:
ohne diesen charmanten 'errn wären so ein paar körnchen gefriergetrockneten kaffees mit gezuckertem magermilchpulververschnitt niemals zu 'italienischen momenten' aufgestiegen.
'eilige madonna!



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Montag, 7. Mai 2012

lido annunziata

riviera für anfänger #1

wenn man ans meer fährt, freut man sich aufs meer. davon gehe ich mal aus. das meer ist einfach da, gehört irgendwie allen und jeder darf hin und rein. einfach so. 


 einfach so?! überall?! wild und frei?! wie naiv!

von der ostsee weiß ich ja schon, dass es an manchen abschnitten kurtaxe kostet, wenn man die strandpromenade betreten, ja sogar überschreiten und ans, womöglich auch ins wasser will. und wehe, du kannst deinen ausweis nicht vorzeigen, wenn die kontrolle kommt! wenn quallen im wasser sind und du dann doch lieber nicht rein willst, kriegst du dein geld nicht zurück. pech gehabt.

auf der griechischen insel korfu gab es an manchen abschnitten liegestühle mit sonnenschirm zu mieten. der strand wurde von der gemeinde stückweise gegen gebühr bzw. höchstgebot bzw. schmiergeld verpachtet. trotzdem durfte man sein handtuch beliebig irgendwo parken und auch kostenlos baden gehen – nur eben nicht auf einer unbezahlten sonnenliege.

hier an der riviera ist der strand dicht. da gibt es kaum noch ein quadratzentimeterchen, das nicht kommerziell genutzt wird. ausgenommen die drei nassen meter entlang der wasserkante. da habe ich noch einmal glück gehabt! das ist transitzone, spazierengehen dort erlaubt – mein geliebtes wasserplitschen gratis.

die kostenlosen zugänge zum strand aber sind sehr schmal und liegen ziemlich weit auseinander. die muss eine erst finden! man darf da nicht einfach über kostenpflichtiges terrain geradewegs ans meer marschieren. oh no!

zum glück ist noch vorsaison. da ist es nicht ganz so streng - aber die vorbereitungen sind bereits in vollem gange. die riviera macht sich startklar für den sommer und takelt sich auf wie eine gealterte diva:

als erstes wird der damenbart abrasiert, die stoppeln sind häßlich. im falle meines strands bedeutet das: die verrotteten, stinkigen algen und aller anderer strandmüll werden stück für stück zusammengefegt und abtransportiert – oder dem nachbarn hingeschoben.

dann kommt die grundierung. wenn ich bislang immer gedacht habe, dass der sand am sandstrand aus dem meer kommt, so werde ich hier eines besseren belehrt: der sand für den goldgelben rivierastrand kommt aus dem baumarkt, wird hier lasterweise angekarrt und mit dem caterpillar bulldozer fein säuberlich schicht für schicht aufgetragen, geglättet, fixiert. sozusagen die grundlage fürs beach make-up, in einem freundlichen – na, nennen wir die farbe mal – saharabeige. ungefähr einen halben bis einen meter dick – je nach finanzieller lage und renommé der strandbarbetreiber.


eines ist schon mal klar: einen löffel voll sand als souvenir für meine sandstrand-sandsammlung daheim brauche ich von hier gar nicht erst mit nach hause nehmen. den könnte ich auch gleich aus dem bauhaus holen … auch muscheln finden sich hier kaum. die wenigen sehen so perfekt aus, dass ich mich schon frage, ob die von anfang an unter den geläuterten sand gemischt werden zu einem gewissen prozentsatz. könnte ja sein. für die zahlenden strandgäste. souvenir ist souvenir.

zwischendurch der gärende grünalgen-damenbart wird zum ärgernis: er wächst schnell nach, muss täglich entfernt werden. das machen die privaten. an den öffentlichen stellen sammelt sich der gärende schmodder in stinkenden bergen. gerne mal einen meter hoch. da macht das kostenlose baden dann auch keinerlei spaß mehr …

zurück zum beach make up. damit das makellos bleibt wie auf den postkarten, werden flugs überall verbotsschilder aufgestellt: ballspielen verboten, hunde und andere tiere verboten, lagern verboten, lärmen verboten … im übertragenen sinne: unsere diva benutzt einen altmodischen, nicht lange haltbaren lippenstift: küssen verboten – sonst blättert die farbe ab.

der rest der strandtakelage – wie ketten, glitzerfummel, strassgehänge, ringe, haarspangen und so zeug – kommt dann nach und nach in form von neuanstrich der umkleidekabinen, aufstellen erster sonnenliegen an regenfreien tagen, installieren lauter beschallung, erweiterung der speisekarte, reparatur der orgelnden minikinderkarussells, bepflanzen neuer blumenkübel … man kennt das auch von diversen internetgames, wo man immer noch ein upgrade kaufen kann, damit die kundInnen zufriedener sind, geduldiger bleiben und mehr geld ausgeben.

dass unsereins mehr geld ausgibt, ist ja der zweck der ganzen aktion: unsere alternde diva will ein ausverkauftes haus, vertickt ihre karten zu höchstpreisen! wie bei der premiere in der oper sind auch die strandliegen und sonnenschirme unterschiedlich teuer: nicht nur abhängig davon, ob man sie für einen halben oder einen ganzen tag nutzen möchte, sondern je nachdem, ob man auf der loge sitzt oder im orchestergraben.

will sagen: nicht nur im theater, sondern auch am strand kostet die erste reihe mindestens doppelt so viel wie die letzte. denn hinten hört und sieht man fast nix mehr vom meer. dafür hört man dort lauter strandansagen.

genau das bedeutet der titel: ein lido annunziata ist ein angesagter strand. einer, der bewacht wird von jemandem, der das sagen hat. der auch sagt, ob man ins wasser darf oder nicht. vor allem lautet die ansage, was es kostet.

(um ehrlich zu sein: wenn ich für meine täglichen strandspaziergänge zusätzlich bezahlen müsste, dann könnte ich sie mir nicht leisten. leider.)

ich bin sehr sehr froh, dass ich hier zu einer jahreszeit über der strandpromenade logiere, in der außer meeresrauschen tatsächlich kaum etwas zu hören ist. nur ab und zu rumpelt die sandstrandplanierraupe …

bevor sich der vorhang hebt und der große rummel losgeht, bin ich längst wieder weg. aber bis dahin - finde ich es hier wirklich so richtig richtig schön!


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