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Montag, 28. Oktober 2013

Für Laurie Anderson

- Rosenworte zum Montag - 

Wenn eine große Seele den Planeten verlässt, gibt es einen donnernden Nachhall.

Als die Tagesschau gestern abend meldete, dass Lou Reed gestorben ist, hat es eine Weile gedauert, bevor es wirklich in mir ankam, WER da gegangen ist.



Noch mehr aber hat mich beschäftigt, WER da jetzt übrigbleibt: Laurie Anderson ist Lou Reeds Witwe, im Video oben die beiden im Duett aus dem Jahr 1996, erst 2008 hatten sie geheiratet.

Lauries Musik ist ein bißchen verschollen, aber seit Mitte der 80er war sie mir viele Jahre lang Inspiration und Heldin. Ich liebte und liebe ihr verschmittstes Lächeln und das koboldhafte Blitzen in ihren Augen, ihre wunderbare Stimme, die experimentellen Töne, ihre kurzen, schrägen Video-Clips - und diesen Mund! Oder diesen wunderbarschönen Mund!



Die Rosenworte heute:

Paradise is exactly like
where you are right now.
Only much, much better.
Laurie Anderson ("Language is a Virus")

r.i.p. Lou
stay alive, Laurie!
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Mittwoch, 23. Oktober 2013

Minijob

Seitdem im Herbst vor einem Jahr der Medienkonzern meine Halbtagsstelle gekündigt hat, bin ich unverändert auf Arbeitssuche und versuche, mit dem kargen Arbeitslosengeld II irgendwie über die Runden zu kommen.

Zwischen Rheinebene und Schwarzwald

Bisher ist es mir nicht gelungen, im bezahlten Erwerbsarbeitsleben wieder Fuß zu fassen. Zwar hatte ich mehrere Vorstellungsgespräche und war auch bei einer Stelle ganz nah dran. Das ist schon ein Wunder, wenn eine über 50 ist, bestens qualifiziert und etwas mehr Honorar erwartet als den ungesetzlichen Mindestlohn.

Aber für einen Arbeitsvertrag hat es dann doch nicht gereicht.

Nun ist es mir immerhin gelungen, einen Minijob zu ergattern:

Ich darf Anzeigen Korrektur lesen bei einem regionalen Wochenblatt. Stundenweise, auf Abruf.

Das Honorar beträgt 10 Euro die Stunde. Für eine, die mal Kulturredakteurin war bei der ARD, ist das lächerlich. Da habe ich schon als Studentin vor 30 Jahren mehr verdient.

Die Zeiten haben sich geändert.Ich bin schon froh, dass ich das überhaupt machen darf, denn das habe ich nur der Verkettung von ein paar mehr oder weniger großen Zufallen zu verdanken:
Angefangen damit, dass ich die Zeitung überhaupt in meinem Briefkasten hatte. Bis vor kurzem klebte da nämlich noch ein Aufkleber „Keine Werbung bitte (und auch keine kostenlosen Zeitungen)“, weil mich diese Anzeigenblätter so nerven! Jahrelang haben sich die Zusteller daran gehalten.

Der Aufkleber war altersschwach, ich hatte ihn entfernt und noch nicht durch einen neuen ersetzt. Zack! Da war mein ungeliebtes Wochenblatt wieder da. Im Allgemeinen benutze ich es ohnehin nur, um Kartoffelschalen darin einzuwickeln oder den Mülleimer damit auszulegen.

Dass ich das Blatt an jenem Vormittag ausnahmsweise gelesen habe, lag nur daran, dass ich noch eine knappe halbe Stunde Zeit zu überbrücken hatte, bevor ich mich auf den Weg machen wollte, um pünktlich zu einer Frühstücksverabredung in der Stadt zu sein.

Die weiteren günstigen Koinzidenzen waren dann, dass ich a) das „Stellenangebot“ überhaupt entdeckt habe, b) sofort – trotz Feiertag! - dort anrief, dass ich es c) rechtzeitig gelesen habe um d) die erste zu sein, die sich darauf meldete und e) die zuständige Kollegin - wegen Feiertag! - in einer entspannten Atmosphäre am Telefon erwischte, so dass sie f) sich über meinen Anruf freute, g) mir geduldig zuhörte, h) Zeit und Lust hatte, mir ausführlich zu antworten und i) mir sofort einen Termin für ein Kennenlerngespräch vorschlug.

Wie viele Bewerbungen es insgesamt gab, weiß ich nicht. Es müssen sehr viele gewesen sein. Das Telefon klingelte noch, als ich eine Woche später bei ihr im Bewerbungsgespräch saß.

Tags darauf war ich eingeladen zu einem ersten „Probearbeiten“. Auf meine Kosten naürlich, unbezahlt. Einarbeitung wird bei Aushilfsjobs wohl nicht mehr vergütet, diese Zeit muss ich als prekär Beschäftigte meinen Arbeitgebern schenken.

Da bin ich ja schon froh, dass ich nicht noch draufzahlen und vorher eine teure Schulung absolvieren muss, in der mir als bestens qualifizierter journalistischer Fachkraft das Korrektur lesen erst noch auf meine Kosten beigebracht wird.

Immerhin, „auf Probe“ war nur ein Nachmittag, die paar Stunden meiner Lebenszeit schenke ich Euch Arbeitgebern. Ab dem zweiten Arbeitstag schenkt ihr mir ja jetzt Geld für die Zeit, die ich in Euren geheizten Räumen mit Aussicht verbringen und Tippfehler rot ankringeln darf. Ihr hättet mich auch vom Jobcenter geschenkt kriegen können als kostenlose Praktikantin für ein paar Monate. Darauf habt ihr verzichtet. Dafür danke!

Nun fahre ich also zwei Mal die Woche für zwei bis drei Stunden in die benachbarte Kurstadt. Bei trockenem Wetter kann ich die paar Kilometer radeln. Das trägt zu meiner Fitness bei. Quasi ein kostenloser Zusatznutzen zum zu erwartenden finanziellen Rebbach.

Natürlich werde ich als Hartz-4-Empfängerin nicht allen Lohn behalten und sorglos verprassen dürfen. Ich finde das auch völlig in Ordnung, wenn ich den SteuerzahlerInnen so viel wie möglich und nötig zurückgebe von den Geldern, mit denen sie mein Existenminimum so großzügig unterstützen.

Es ist allerdings keineswegs so, dass ich – wie oft angenommen – die ersten 170 Euro behalten darf.

Behalten darf ich nur die ersten 100 Euro. Die gelten als Aufwandsentschädigung für Fahrtkosten, Arbeitskleidung, Arbeitsmaterial, Versicherungen, Bewerbungs- und Kommunikationskosten, Verpflegungsmehraufwand ...

Darüber hinaus gebe ich von jedem Euro Einkommen 80 Prozent ab, darf also nur 20 Eurocent behalten. Das ergibt bei einem Minijob mit einem Monatsverdienst von durchschnittlich maximal 450 Euro maximal 170 Euro im Monat.

So viel werde ich aber gar nicht verdienen. Bei vier bis sechs Wochenstunden komme ich auf höchstens 250 Euro im Monat, von denen ich dann 130 Euro für mich behalten darf. Aber besser als nix. Ich bin ja schon froh, wenn mein Leben ein bißchen weniger schlimm ist. Dass es jemals wieder gut werden könnte, wage ich kaum noch zu hoffen.

Was noch? Ach ja: Theoretisch stehen mir bei meinem Minijob auch Urlaubstage und anteilige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu. Ob ich die auch erhalte, bleibt abzuwarten. Eine schriftliche Vereinbarung habe ich bislang noch nicht gesehen.

Wenn ich den Minijob behalten will, werde ich tunlichst nicht nach weiteren Details fragen und nicht auf die Einhaltung der mir zustehenden Rechte pochen: Es stehende Dutzende weiterer BewerberInnen Schlange, die die Arbeit zu den bestehenden Konditionen mit Handkuss übernehmen würden.

Welcher (Zeitungs-)Verlag leistet sich heute noch eine Korrekturleserin? Da sind zehn Euro die Stunde vergleichsweise viel. Das verdienen oft nicht einmal die freien JournalistInnen. Dass es nur ein Bruchteil ist von dem, was ich früher einmal verdient habe, zählt nicht. Viele 450-Euro-Jobs sind inzwischen ausgelegt als Halbtagsstellen mit einem Stundenlohn von Fünfeuroäpfelputz. Da habe ich es doch gut!

Außerdem ist das Korrekturlesen eine Arbeit, die ich einfach gut kann, bei der ich fast gar nicht in Stress gerate. Im Verlag sitze ich mit den Korrekturstapeln allein in einem ruhigen, gerade nicht genutzten Raum oder in der Küche – ohne Telefon und ohne PC. Das ist geradezu erholsam.

Mit das Schönste: Mein inneres Kind freut sich ein Loch in den Bauch, wenn es mit dem Rotstift lustige Kringel aufs Papier malen darf. Auf Papier! Ganz analog!

Deswegen bin ich jetzt einfach mal dankbar und ignoriere das bisschen zähneknirschende Grummeln im Bauch. Lieber wäre mir natürlich, wenn ich mich von meiner Arbeit auch endlich wieder ernähren könnte - und von den Demütigungen des Jobcenters nicht mehr abhängig wäre.


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Montag, 21. Oktober 2013

Den Regen spüren

- Rosenworte zum Montag - 

Irgendwie wird es nicht richtig hell heute. Wolken ziehen über den Himmel, bringen Regen und manchmal helle Lücken.

Ich mag Tage wie diesen, wenn große Tropfen aufs Dachfenster trommeln. Ich muss nicht großartig raus heute: Habe nur ein Paket zum Hermes gebracht, abends noch ins Yoga.

Beides Ausflüge in andere Orte, die ich mit dem Auto erledige. Hätte das Paket vorhin in den Fahrradkorb gepasst, wäre ich geradelt. Hat es aber nicht. Später war ich froh drum. Denn auf dem Rückweg wäre ich nass geworden.

Charles de Mills (historische Gallica) nach dem Regen

Ob ich den Regen auch hätte spüren können, muss für heute im vagen Konjunktiv bleiben, weil es von vielen Variablen abhängt und meiner jeweiligen Tagesform:

Hätte der Wind mir den Regen ins Gesicht geweht und die Brille blind gemacht? Hätte ich gefroren? Oder hätte ich gleichzeitig einen Regenbogen gesehen? Ein Auge gehabt für regenschwere Rosenblüten? ....

Some people feel the rain. Others just get wet.**
(Bob Marley zugeschriebenes Zitat ungeklärter Herkunft)

Tränen grinsend erinnere ich mich an sommerliche, auch an mitternächtliche Regengüsse, irgendwo draußen und ohne Regenschirm. Innerhalb von Sekunden nass bis auf die Haut, warm war's und .... sexy. Verdammt lang her.


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Manche Menschen spüren den Regen. Andere werden einfach nur nass.
Manche Menschen können den Regen spüren. Andere werden nur nass. Some people feel the rain. Others just get wet. --> http://myzitate.de/stichwoerter.php?q=Regen
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Montag, 14. Oktober 2013

Reisetante

- RosenReiseworte zum Montag - 

Es gibt so Tage, da bin ich einfach nur dankbar, dass ich nicht in einem früheren Jahrhundert lebe und mich (fast gar) nicht an irgendeine ständische oder gesellschaftlich vorgeschriebene Kleiderordnung halten muss.

Ich darf Hosen tragen wann immer ich will, darf laufen und springen, zwei Treppenstufen auf einmal nehmen und Fahrrad fahren und - wenn ich es könnte - breitbeinig auf einem Pferderücken sitzen.

Taggia, Ligurien

Für die Weltreisende Ida Pfeiffer zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das nicht selbstverständlich. Hätte ich als junge Frau schon von ihr gewusst - sie wäre mein großes Vorbild gewesen.

"…wie lächerlich mußte ich in langen Kleidern aussehen, als ich dabei immer noch lief und sprang und mich in allem benahm wie ein Junge."**

Nichts gegen lange Kleider! Aber ich bin sehr froh, dass ich die Wahl habe, ob und wann ich eines anziehe!


**Ida Pfeiffer (geboren am 14. Oktober 1797) über ihre Zeit als Teenager, gefunden in der Datenbank alter Baedeker-Ausgaben.
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Montag, 7. Oktober 2013

Glückseligkeit

- Rosenworte am Montag -

An manchen Tagen muss ich ganz weit zurück gehen in die Ursprünge der Philosophie, um mich des Menschenrechts auf einen eigenen Lebenssinn zu vergewissern und ihn mir wieder neu zu stiften.

Das ist immer dann besonders wichtig, wenn das Jobcenter als Unterstützer meiner prekären Lebensumstände mich - so wie derzeit - unter Ignoranz sämtlicher fachärztlicher Atteste und klinischer Gutachten mal wieder in die Depression "fördert und fordert".

Félicité Parmentier, Belgien 1843

Um intellektuell nicht vollends zu verlottern, habe ich mich ausnahmsweise** mit der Aristoteleschen Glückseligkeit beschäftigt und bin - etwas platt verkürzt - zu folgendem Ergebnis gekommen:

Herr Aristoteles hielt die Glückseligkeit (Eudämonie, aus dem griechischen εὐδαιμονία = einen guten Dämon haben) als "seelisches Glück" für das höchstes Gut und Endziel des menschlichen Handelns.

Das bedeutet, durch gelingende, rechtschaffene Lebensführung und wohlwollendes Schicksal ein seelisches Wohlbefinden zu erreichen inklusive äußerlicher, körperlicher und seelischer Güter.

Den Weg dahin gestaltet jede nach eigener Fa­çon und Möglichkeit mit bestmöglichem Menschenverstand.

Nach dieser erklärenden Präambel nun meine Rosenmontagsworte:

Mögen die Damen und Herren vom Amt 
sich bei der Auslegung der (Hartz4-)Paragraphen 
rechtschaffen wie gute Dämonen verhalten und 
kraft ihres Verstandes zu der Erkenntnis gelangen, 
dass es ihrer persönlichen Glückseligkeit 
überhaupt nicht zuträglich ist, 
wenn sie mir die meine zu verhindern trachten.


PS.
** Aristoteles war der Meinung, die Frau sei ein verfehlter Mann. Deswegen ist er für mich im Allgemeinen keine ernst zu nehmende Autorität und ich bin mir nicht sicher, ob seine Theorie der Glückseligkeit überhaupt auf die weibliche Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land anwendbar ist. Einen Versuch ist es mir dennoch wert - als besondere Maßnahme quasi.


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Sonntag, 6. Oktober 2013

Pflaumenkuchen aus dem Elsass

Noch ist die Jahreszeit der blauen Pflaumen, und was gibt es an einem Sonntagnachmittag schöneres als einen frischen Zwetschgenkuchen mit viel Schlagsahne?!

Das Büro für besondere Maßnahmen hat es ja normalerweise nicht so mit Küchendingen und Hausarbeiten.

Aber „Ausnahmen zersetzen die Regel“, und weil ich seit kurzem stolze Besitzerin einer absolut pflaumensaftauslaufsicheren Glasbackform bin, möchte ich euch an diesem ersten Sonntag im Oktober ausnahmsweise ein Backrezept präsentieren:

La Tarte aux Quetsches Alsacienne

Meine unschlagbare Zwetschgentarte mit Pâte Brisée d'Alsace – schlicht und sensationell lecker!
200 g Dinkel- oder Weizenmehl, 100g süße Butter, ein glückliches Hühner-Ei, ½ Teelöffel Salz und 12 g Zucker (aufgelöst in 40 ml warmem Wasser) zu einer glatten Teigkugel für den Boden kneten und zwei Stunden im Kühlen ruhen lassen. Wer kein Ei mag, lässt es weg und nimmt statt dessen 60 ml Wasser mehr.

Den Teig ausrollen und in eine gefettete Obstkuchenform geben, so dass ein kleiner Rand entsteht; dann mit den in der Zwischenzeit entsteinten und fächerförmig aufgeschnittenen Zwetschgen spiralförmig von außen nach innen belegen.

Im Backofen bei 200° C ca. 45 Minuten backen, wer mag streut danach Puderzucker drüber. Aber bloß kein Zimt!

Die Pâte Brisée Alsacienne ist ein Mürbeteig, der fast ohne Zucker auskommt. Die Tarte aux Quetsches schmeckt daher ebenso als fruchtig-leichtes Abendessen. Ganz ohne Zucker eignet sich das Grundrezept auch für Quiche Lorraine oder Gemüsekuchen.

Das französische Originalrezept fand ich auf einer alten Postkarte aus Colmar, die ich vor mehr als zehn Jahren von einer Freundin bekam. Damals gab es noch kein Postcrossing, und wir beglückten uns regelmäßig mit postalischem Beweismaterial von unseren Ausflügen.


PS.
Falls hier WeightWatchers mitlesen:
Die Tarte als Ganzes hat 44 Punkte. Die Größe der Kuchenstücke bestimmt ihr selbst.


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