Achtung. Achtung. Achtung.
Wir sind umgezogen!

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Zum neuen Büro für besondere Maßnahmen // nordost
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Montag, 22. Dezember 2014

Jahreszitat 2015

Wie jedes Jahr sitze ich auch in diesem Dezember mit dem Kalender und blättere mich durch die vergangenen zwölf Monate.

Was war wichtig? Was habe ich bewegt? Was hat mich bewegt? Welche Richtung möchte ich dem kommenden Jahr geben? Welcher Gedanke wird mich leiten?

In 2014 erlaubte ich mir, in keine Schublade zu passen und trotzdem wunderbar zu sein - und begann das Jahr noch in der Neujahrsnacht mit einem Versprechen an mich selbst:

"Ich muss ans Meer. For good! In diesem Jahr noch mach ich's wahr."

Tsukioka Yoshitoshi,
Abkühlung am Fluss
(Quelle: Wikimedia Commons)

Viele Flüsse, Ströme, kleine Bäche, kleinste Rinnsale sind ins Meer unterwegs, werden irgendwann vereint zum Ozean. Was so ein Wassertropfen kann, das sollte doch auch mir gelingen? Schließlich besteht auch ein Mensch zu 70% Prozent aus Wasser. Noch dazu steht mein Mond in den Fischen.

Vielleicht rührt daher meine Sehnsucht. Ans große Wasser!

Das Schicksal hat mich zur Landratte gemacht. Aber jetzt, mit 50plus, da könnte ich doch den Strömen meiner Sehnsucht folgen, mit ihnen an die See ziehen.

Salzwasser auf meiner Haut! Nicht nur in den seltenen Ferien, nicht immer nur geweint.

Seither bin ich mit Planungen, Vorbereitungen und der Realisierung meines Lebenstraums beschäftigt.

Es ist anstrengend. Es ist aufregend. Veränderungen nicht nur im Außen.

Auch die Veränderungen in meinem Innern sind so dermaßen aufwühlend, dass ich mich hier im Blog seit Monaten nicht „äußern“ konnte. Konnte nicht nach außen tragen, was innen gärt, noch unsortiert ist. Kann es auch jetzt nicht.

Nur so viel:

Ich schwimme. Den Kopf über Wasser. Bewege mich auf mein Ziel zu, mit all meiner Kraft. Manchmal werde ich von kosmischen, oft auch von menschlichen Energien unterstützt – dann ruhe ich ein wenig aus, lasse mich treiben, wieder ein Stück weiter. Die Richtung stimmt. Meerwärts.

Mein Leben lang bin ich einem Irrtum aufgesessen. Der Spontispruch meiner Jugend 

„Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“

- oder, wie Konfuzius sagte 

„Um an die Quelle zu gelangen, muss man gegen den Strom schwimmen“

- der stimmt für mich nicht mehr! Inzwischen kenne ich die Quellen meiner Kraft. Weiß, wo sie liegen und wie ich daraus schöpfen kann. Aber das ist die falsche Richtung für eine, die genug hat von den tröpfelnden Rinnsalen, die sich endlich verströmen will und deren Ziel das große Ganze ist.

Praktischerweise hat Konfuzius auch gleich das Gegenteil von sich selbst behauptet:

„Nur wer mit dem Strom schwimmt, wird das Meer erreichen.“

Wer also ans Meer, wer ins Meer will, die muss mit dem Strom schwimmen. Das ist nicht weniger anstrengend als flussaufwärts. Denn auch meerwärts heißt es, den Kopf oben, den Überblick behalten und nicht in der Masse untergehen, nicht in den Netzen der Schlepper landen.

Sonst ist alles kraftzehrende Schwimmen völlig vergebens. Wer ans Meer will, braucht eine tierische Kondition.

Unterwegs ans Meer meiner Träume bin ich durch Rinnsale, durch Bäche, durch Flüsse geschwommen, beinahe in den Stromschnellen an Felsen zerschellt, bin festgesessen in geschlossenen Schleusen und fast ertrunken im Strom der Erschöpfung.

Es war nicht immer schön, das viele Kopfunter, das lange Strampeln auf dem Trockenen. Auch das dumpfe Dümpeln im trüben Teich, dem ich zu Beginn in grandioser Verirrung ozeanische Ausmaße andichtete. Ich wäre fast darin erstickt.

Aber es war wohl alles wichtig.

Noch bin ich nicht am Ziel, kann das Meer noch nicht sehen. Doch es ist nicht mehr weit. Alles ist im Fluss. Noch ist es anstrengend, und ich robbe bisweilen mit letzter Kraft. Aber ich bin gut unterwegs, und ein Ende dieser beschwerlichen Reise ist in Sicht. Ein paar große beängstigende Anstrengungen noch, dann …

Ein Aufatmen, ein frischer Wind um die Nase, ein neuer Horizont vor Augen – bald!

Mittlerweile bin ich mit allen Wassern nicht nur gewaschen. Deswegen soll mein Motto für das Jahr 2015 auch etwas mit dem Meer zu tun haben. Ich habe verschiedene Textstellen gefunden:
  1. Das Meer verweigert auch den kleinsten Flüssen nicht den Zutritt. Daher seine Tiefe. (aus Japan)
  2. „Einmal ans Meer gelangt, sprichst du nicht mehr von Nebenflüssen.“ (aus Persien, von Sufi-Meister Hakim Sanai, 12. Jhdt.)
  3. „Wer die schiere Weite des Meeres erfahren hat, dem gefällt kein anderes Gewässer mehr.“(aus China)
Alle Varianten sind scheinbar ähnlich, haben für mich aber in Nuancen unterschiedliche, fast gegensätzliche Bedeutungen.

Im japanischen Sprichwort und in der chinesischen Version steckt das hierarchiefreie Nebeneinander von verschiedenen Aspekten mit unterschiedlichen Qualitäten. Auch Kleines ist unverzichtbar, weil Großes sonst nicht möglich wäre. Weil auch die kleinen Gewässer als Wegweiser, Richtungsgeber und Bestandteil des Ganzen wichtig sind. Kein quantitatives Mehr oder Weniger, kein wertendes Besser oder Schlechter – einfach ein qualitatives Anders, ein gleichberechtigtes 'sowohl als auch'. Das mag ich.

Das arabische „nicht mehr sprechen von“ mag bedeuten, angesichts des ozeanisch überwältigenden großen Ganzen, den lästigen Kleinkram, der unterwegs so bedeutungsschwer war, nun anders einzuordnen, für weniger wichtig zu halten und die Mühsale des Wegs vergessen zu können, wenn man am 'höchsten' Ziel angelangt ist. Das finde ich in Ordnung, alles zu seiner Zeit.

Es könnte aber auch bedeuten, die kleinen Flüsse für unwichtig zu erklären, sie einem höheren Ziel zu 'opfern'. Den plätschernden Schwätzern keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, wenn „das einzig Wahre“ gefunden ist. Das ist diskriminierend. Das mag ich nicht so. Denn auch der Weg ist das Ziel.

Mir gefällt eine weitere chinesische Variante am besten, weil sie alle Deutungen in sich birgt, eine wertfreie Mischung der anderen Zitate ist:

„Wer einmal das Meer gesehen hat, 
betrachtet die kleinen Flüsse mit anderen Augen.“

Wer das Große kennt, für den haben Kleinigkeiten eine andere Bedeutung. Die Erfahrung macht den Unterschied.

Zum großen Wasser will ich hin. Den Spätsommer und den Herbst meines Lebens verbringen. Bei Vollmond auf dem Steg am Wasser sitzen, die Füße im salzigen Nass erfrischen. Ob mich die kleinen Wässerchen dann noch werden trüben können, das wollen wir doch mal sehen.

Damit ist mein Jahreszitat für 2015 gekürt und erklärt.

Die kommenden zwölf Monate werden zeigen, was an Deutungsmöglichkeiten und Bedeutungen sonst noch darin steckt.
Vielleicht habt IHR ja auch noch eine Idee? Lasst es mich wissen!

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Sonntag, 26. Oktober 2014

Sommerzeit – Winterzeit

Es ist jedes Jahr die gleiche Prozedur:

Nicht nur am ersten Sonntag nach dem Frühlingsanfang im März stellt sich am frühen Morgen nicht wie sonst als erstes die Frage, ob eine ihr Frühstücksei heute lieber gekocht oder zur Abwechslung mal Sunny-Side-Up möchte.

Winterzeit-Berg

Statt dessen ein kurzsichtiger, noch ein wenig nachtblinder Blick zur Uhr an der Wand: „Muss ich die Uhr nun eine Stunde vor oder eine Stunde zurückstellen?“ 

Genau so lautete auch heute Morgen – am letzten Sonntag im Oktober – die bange Frage.

Glücklich ans Spiegeleier braten macht sich nun diejenige, deren Uhr funkferngesteuert sich in tiefschlafender Nacht um drei Uhr wie von Geisterhand geschoben von selbst auf zwei Uhr zurückgedreht hat.

Auch alle, die schon vor dem Frühstückstablett das Tablet oder ihr Smartphone auf dem Nachttisch liegen haben, wissen aufwandsfrei Bescheid: Die Technik erledigt das Umstellen der Zeit von alleine. Wer es nicht weiß, merkt noch nicht einmal etwas davon und braucht keinerlei Gedanken daran zu verschwenden, wie man das Sommer- oder Winterzeitliche nun am besten segnet.

Statt dessen freuen die unwissend Glückseligen sich dotterweich auf ein glücklich freilaufendes Hühnerei mit handgezupftem Jahrgangsmeersalz.

Ich hingegen kriege vor der zweiten Tasse Kaffee sowieso keinen Bissen runter. Das ist gut so, denn auf diese Weise habe ich ausreichend Zeit, mich bei jeder meiner ungefähr acht Uhren ausführlich mit dem Phänomen der Zeitumstellung zu beschäftigen.

Vor oder zurück? Zurück oder vor?

Eigentlich sollte man das wissen. Weihnachten ist ja auch jedes Jahr am selben Tag. Wieso also ist das mit der einen Stunde Zeitunterschied so schwierig?

Schließlich wurde die Sommerzeit bei uns schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder eingeführt. Vor mehr als 40 Jahren also. Das sind mehr als zwei Drittel meines Lebens! Die Mehrheit der Deutschen ist so jung, dass sie es überhaupt nicht anders kennt.

Und trotzdem muss es regelmäßig alle Jahre wieder in allen Medien aufs Neue ausführlich erklärt werden. Sogar zwei Mal im Jahr: Am ersten Wochenende nach Frühlingsanfang wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt – und am letzten Wochenende im Oktober um eine Stunde zurückgedreht.

Für mich hat sich da eine kleine Eselsbrücke als sehr hilfreich erwiesen:

Die Sommerzeit wurde nach der Ölkrise von 1973 eingeführt. Damals gab es im November und Dezember sogar autofreie Sonntage, und auf den Autobahnen konnten wir an diesen Tagen Rollschuh laufen oder Fahrrad fahren!

Es ging ums Energie sparen. angeblich. Morgens ist es im Sommer sowieso schon so früh hell, dass man sein Frühstücksei auch ohne elektrisches Licht gebacken kriegt – selbst wenn man eine Stunde früher aufsteht.

Deswegen wird uns mit der Umstellung auf die Sommerzeit sozusagen eine Stunde Lebenszeit geklaut: Nämlich genau die sechzig Minuten zwischen zwei und drei Uhr früh. Die erleben wir in dieser Nacht gar nicht, weil es sie nicht gibt.

Man könnte auch sagen, dass wir diese Stunde nur „ausleihen“ – denn bei der Umstellung auf die „Winterzeit“ erhalten wir genau diese sechzig Minuten zwischen zwei und drei Uhr zurück und erleben sie dann Ende Oktober – also in der vergangenen Nacht – gleich zwei Mal.

Man könnte sich auch fragen: Zeit ist Geld, und wenn ich eine Stunde meiner nächtlichen LebensZeit für ein halbes Jahr ausleihe, wie sieht es dann mit den Zinsen aus?

Nun, was die Zeitzinsen angeht, so fühle ich mich reich beschenkt:

Ich bin ein Wesen, das eher abends lebt und sich tagtäglich freut, wenn es abends eine Stunde länger hell ist.

Jeden Frühlingssommertag, sieben Monate lang, konnte ich die Welt abends eine Stunde länger sehen und meine (meist Frei-) Zeit genießen; konnte noch bei Tageslicht spazieren gehen oder im Garten werkeln, am See sitzen oder mit der/dem Liebsten in den Sonnenuntergang reiten.

Dafür gebe ich doch gern eine Stunde aus der Frühlings-Tagundnachtgleiche her, wenn es im Anschluss mehr als zweihundert Mal die gleiche Zeit in Lichtzinsen gibt. Das nenne ich mal einen Deal!

Umso trauriger bin ich Jahr für Jahr Ende Oktober, wenn ich dann zwar meine im Frühjahr verliehene Lebenszeitstunde zurück bekomme und eine Nacht lang eine Stunde länger schlafen darf – ansonsten aber der deutschgraue Winterherbst mit einem Schlag pünktlich zum Fünf-Uhr-Tee auf stockdunkel schaltet.

Spätestens dann, wenn mit der Winterzeit auch die Witterung auf deutschgrau umschaltet und kaum noch über drei Grad Nieselregen hinauskommt, möchte ich mir am liebsten den Bauch mit buntem Herbstlaub füllen und mich in den Winterschlaf begeben.

Daraus würde ich erst zur nächsten Zeitumstellung erwachen, wenn es wieder heißt: Eine Stunde der Nacht abgeben. Ausgeschlafen genug wäre ich dann ja wohl.

Da ich als Mensch für diese Art der Realitätsflucht aber genetisch nicht eingerichtet bin, hilft nur eines:

Genau hinsehen, welche meiner acht Uhren sich in der Nacht schon automatisch angepasst haben. Den Rest eine Stunde vorstellen. Oder zurückdrehen.

Und dann die Sonntagseier braten. Die gibt es während der Winterzeit immer mit Speck, nach alter rheinländischer Tradition.

Schließlich bedarf es einer tierischen Kondition, um die kommenden dunklen fünf Monate lebendig und locker zu überstehen.

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Sonntag, 19. Oktober 2014

Wellengang

Mein Leben lang schon habe ich mich nach dem Meer gesehnt, mit allen Sinnen. Ich sehne mich nach der See, nach den Geräuschen und Gerüchen von Wasser und Wellen. Nach dem Gefühl von Salzwasser auf der Haut und Sand zwischen den Zehen.

Ostsee bei Warnemünde

Ich weiß nicht, ob irgend jemand diese Sehnsucht in all ihrer Heftigkeit nachvollziehen kann. Sie ist so dermaßen groß, dass ich das Wort „sehnen“ in Gedanken immer mit Doppel-E schreibe und ohne H: see-nen. Ich sehne mich nicht nur, ich seene mich an die See.

Das See-seenen ist stärker als die Sehnsucht nach anderen Orten. Die See gibt mir eine innere Ruhe wie nichts sonst auf der Welt. Die Seensucht nach der See ist bisweilen sogar stärker als die Sehnsucht nach Menschen, Tieren oder anderem für mein Wohlergehen Wichtigem.

Sobald ich die Wellen höre, sobald ich das Salz rieche, sobald ich an der Wasserkante stehe – dann geht es mir gut. Oder zumindest besser.

Mein Puls verlangsamt, der Atem beruhigt sich und wird tiefer, ich kriege wieder Luft, meine Augen ruhen entspannt im fernen Horizont  und sogar der Tinnitus scheint zu verstummen im Rollen der Wassermassen.

Eine Reise, die mich nicht auch ans Meer führt, fühlt sich nicht wie Urlaub an, entspannt mich nicht wirklich. Diese große Wirkung kann ich weder rational begründen noch logisch erklären. Ich spüre sie einfach – auch wenn es dafür kein Messgerät gibt.

Die Seensucht nach dem Meer ist in mir. Immer. Und die Wirkung setzt ein, sobald ich an der Wasserkante stehe. Immer.

Vielleicht liegt es daran, dass mein Horoskop den Krebs im Aszendenten hat. Das vorsichtige Wassertier, das Konfrontationen scheut und sich den Dingen eher schüchtern von der Seite nähert statt frontal darauf zu zu steuern. Und sich ins Wasser flüchtet, wenn es gefährlich wird.

Vielleicht liegt es auch an etwas ganz anderem. Was im Grunde aber egal ist.

Wichtig ist für mich vor allem, dass ich weiß, was mir gut tut.

Besonders gut tut mir ein ausgedehnter Wellengang.

So nenne ich meine Spaziergänge und Wanderungen am Strand, immer an der Wasserkante entlang. Am liebsten mit nackten Füßen, wenn die Temperaturen von Luft und Wasser es zulassen. Dann plitsche ich mit den Fußsohlen in die Wellen, die sanft am Strandsand lecken, bevor sie sich wieder zurückziehen oder versickern.

Diese Wellengänge können meine Konzentration vollständig in Anspruch nehmen. Wasser, Wind, Horizont, Sand, Steine, Buhnen, Boote, Segelschiffe, Seetang, Möwen, Muscheln, meine Füße halb im Wasser, Schritt für Schritt ... Nichts kann mich dann ablenken, meine Gedanken sind fokussiert, der Geist wird ruhig.

Es ist eine Art Meditation. Es ist MEINE Art der Meditation, die mir hilft wie keine andere, in meine Mitte zu finden, selbst wenn die Welt um mich herum in Stücke fällt.

Ausatmen. Einatmen. Sein. Jetzt.
Es wird Zeit.

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Montag, 28. Juli 2014

Rose Sélavy

- Rosenworte am Montag -

Als Künstler fasziniert er mich seit meiner Studienzeit: Marcel Duchamp (*28. Juli 1887), voll feiner Ironie in seinen Werken, hintergründig und aufmüpfig, intelligent und immer mit mindestens einem Augenzwinkern, dada und surreal. Eine seiner wichtigsten Arbeiten nannte er selbst "Das unbekannte Meisterwerk".

Duftendes Leben, Liebe, Rose

Rose Sélavy war eines seiner Pseudonyme, dem er später - wegen der klareren Aussprache - noch ein kleines "r" voransetzte:

rRose Sélavy - Eros, c'est la vie, a rose ... Die Liebe - das ist das Leben. Dazu ließ er sich von Freund Man Ray in Frauenkleidern fotografieren.

Mit Wortspielen solcher Art gab Duchamp der Kunstwelt Rätsel auf und verwirrte sein Publikum, indem er u.a. den Zufall konservierte und wiederholbar machte in seinen "Norm-Stoppagen", die heute zur Sammlung des MoMA Ney York gehören.

Kunst kommt nicht immer von Können. Wobei Können in Verbindung mit Kunst sicher nicht von Schaden ist. Können allein reicht aber bei weitem nicht aus, damit so etwas wie Kunst entsteht.

Marcel Duchamp hat aufgeräumt mit dem Mythos, dass Kunst immer nur gut sein muss. Statt dessen hielt er Kunst für "die einzige Tätigkeitsform, durch die der Mensch als Mensch sich als wahres Individuum manifestiert".
"Ich möchte ganz einfach sagen, daß Kunst gut, schlecht oder indifferent sein kann, aber daß wir sie, gleich mit welchem Beiwort, Kunst nennen müssen: schlechte Kunst ist immer noch Kunst, wie ein schlechtes Gefühl doch ein Gefühl ist."
Hier entlang geht es zu einem Interview der BBC mit Marcel Duchamp, entstanden in seinem Todesjahr 1968. Ironisch und heiter wirkt der Künstler über seinen Tod hinaus. Auf seinem Grabstein in Rouen steht:
"D'ailleurs, c'est toujours les autres qui meurent"
(Übrigens, es sind immer die anderen, die sterben.)

Wer tiefer eintauchen möchte in die Welten des Marcel Duchamp, dem empfehle ich die Bücher von Thomas Zaunschirm, der es in seiner Zeit als Gastprofessor in Freiburg verstanden hat wie kein anderer, Kunst spannender als jeden Krimi zu vermitteln.
(Damals, in den 80er Jahren, als mein Leben noch Inhalte hatte ...)

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Donnerstag, 24. Juli 2014

Loveparade 2010

Vier Jahre ist das heute her: Zuerst hörte ich die News im Radio, dann sah ich sie im Fernsehen, im Internet: Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg. Viele Tote, noch viel mehr Verletzte.

Auch heute kein Ausweg:
Der Pfad ins Licht endet an einem Zaun.

Es war ein Samstag. Nur wenige Tage vorher war ich – wieder einmal – arbeitslos geworden und war beschäftigt mit den letzten Vorbereitungen für einen bevorstehenden Klinikaufenthalt. Sechs Wochen sollte ich an die Ostsee fahren. Wegen Tinnitus und Kopfschmerzen, wegen Depressionen, wegen Burnout, wegen posttraumatischer Belastungsstörung. Ich hatte darum gekämpft, freute mich sogar darauf und konnte noch nicht ahnen, dass es mir hinterher schlechter gehen würde als vorher.

Ich hörte beim Kofferpacken die Nachrichten und konnte doch nicht verstehen, was und wie passiert war. Loveparade. Hm. In Duisburg? Hm.

Anfang der 1990er Jahre hatte ich die Anfänge der Loveparade in Berlin auf dem Kurfürstendamm miterlebt – dieses kleine liebenswerte Spektakel.

In den späteren, etablierten Jahren der Loveparade habe ich die kommerzialisierte Massenveranstaltung gemieden bzw. weiträumig umfahren. Das interessierte mich nicht. Es war nicht meine Musik. Es war zu laut, zu viele Menschen auf einen Haufen, zu heiß.

Regelmäßig am Sonntagmorgen danach fuhr ich mit dem Rad durch meinen geliebten Tiergarten und war entsetzt über den Gestank nach Fäkalien und Alkoholika, die Massen an Müll und untoten durchgeknallten Partyleichen, die zerstörten Wiesen, Beete, Bäume, Hecken.

Am Schlimmsten aber war mir die Totenstille. Kein einziger Vogel war zu hören – als seien sie allesamt tödlich getroffen durch das Dröhnen der Bässe von den Bäumen gefallen.

Jahr für Jahr musste der Tiergarten quasi neu angelegt werden. Ich habe die Loveparade jener Jahre gehasst – und war froh, als sie in Berlin nicht mehr stattfinden durfte.

Meine Meinung dazu war schlicht: Wer den Dreck macht, soll ihn auch wegräumen bzw. die Kosten übernehmen für dessen Beseitigung und die Wiederherstellung der Schäden. Wer Party will, muss auch die Konsequenzen tragen und darf das Ganze nicht verlogen als „Friedensdemo“ deklarieren, um Geld zu sparen.

Aber nun Duisburg. Wie kam die Loveparade da plötzlich hin? Das war völlig an mir vorbeigegangen, war mir so schnurzepiep wie Babynahrung: Zwar irgendwo vorhanden und für manche anderen Menschen vielleicht wichtig, berührte mein Leben aber nicht.

Ich sah Duisburg vor Augen. Düsterstes Duisburg meiner traurigen Kindheit. Dunkelschwarz rußverschmutzt und regennassgrau. Die schlimmsten Zeiten, die bösesten Verletzungen hatte ich in Duisburg erlebt. Flashback.

Die Treppe, die für manche Rettung und
für andere eine tödliche Falle war

Den Karl-Lehr-Tunnel erinnerte ich. Der war schon immer finster. Lang und düster. Voller Gefahren. Laut und ohne Zuflucht. Dunkle Straße. Unheimlich. Kaum Licht. Zu viele Autos, die gnadenlos vorbeirumpelten.

Warum waren da jetzt Menschenmassen, um Musik zu hören und zu feiern? Unvorstellbar. Das passte einfach nicht zusammen. Der Karl-Lehr-Tunnel war in der Erinnerung meines inneren Kindes ein Ort, an dem das Wort „Sommerparty“ nicht stattfand, keinen Platz hatte – und ist es bis heute.

Ich sah die Berichte im Fernsehen, fand Berichte und Videos von Augenzeugen im Internet. Am eindrücklichsten, am verstörendsten waren die Filme von "Pizzamanne". Es war schrecklich, nahm mich mit, ich sah es mir trotzdem immer wieder an.

Auch noch, als ich schon längst in der Klinik war. Es schien meine eigenen Katastrophen zu relativieren, wenn ich mit den Opfern der Duisburger Loveparade fühlte und litt, mit den Überlebenden, den Familienangehörigen und Freunden.

Gleichzeitig gab es mir das Gefühl, mit meinem endlosen Schmerz, für den es in meinem Leben sonst weder Ort noch Zeit noch Raum gibt, nicht ganz alleine zu sein.

Es ist ein Paradox, und so schrecklich das klingen mag: In dieser Zeit war ich eine Trittbrettfahrerin des Schmerzes.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir auf die Schliche kam. Es ist eine Methode, die ich nicht nur dieses eine Mal angewendet habe. Es scheint fast so, als würde der eigene Schmerz nicht ausreichen, um angenommen und betrauert zu werden. Als würde man einen Verstärker brauchen. Eine Art von offiziell anerkannter Wunde, weil man mit dem eigenen Schmerz niemandem mehr kommen darf, nirgendwo ernst genommen und erst recht nicht getröstet wird.

Im vergangenen Februar hatte ich die Gelegenheit, mir die Gedenkstätte für den 24. Juli 2010 in Duisburg einmal anzusehen. Ich war lange dort und habe versucht, mir die Situation damals vorzustellen. Es ist mir nicht ansatzweise gelungen.

Gleichzeitig hatte ich das Bedürfnis, mich an diesem Ort bei den Opfern zu entschuldigen. Weil ich mir ihren Schmerz zu eigen gemacht habe. Unberechtigterweise.

Bis heute verstehe ich nicht, dass die Hauptverantwortlichen keine Verantwortung für das große Unglück übernommmen haben:

Veranstalter Schaller, der mit der Loveparade sein Geld verdient hat. Und Bürgermeister Sauerland, der die Loveparade unbedingt in seiner Stadt haben wollte. Mag sein, juristisch ist ihnen nicht beizukommen. Aber darum geht es nicht. Moralisch, menschlich haben in meinen Augen beide versagt. Durch ihr ignorantes Schweigen, ihr feiges Abtauchen und rückgratloses Wegducken haben sie alles nur noch schlimmer gemacht.

Natürlich bin ich nicht in der Position, zu richten. Es geht auch nicht um Rache oder Wiedergutmachung für etwas, das niemals wiedergutzumachen ist. Mit den Folgen ihrer Un-Taten müssen die beiden Herren alleine fertig werden.

Letzter Trost: Die Teddy-Zwillinge

Als ich im Februar dort war, hat es geregnet. Es war so grau, wie Duisburg eben grau sein kann. Ich hatte mein inneres Kind an der Hand, sie stand lange vor den Teddybären und den Blumen. Dann sah sie mich an und sagte „Hier war das nicht. Komm ich zeig's dir.“ Dann sind wir zum Bahnhof gelaufen und nach Ruhrort gefahren.

So habe ich es wieder auseinandersortiert: Den eigenen alten Schmerz habe ich mit dem Kind angesehen, an den anderen Orten. Dazu – vielleicht – ein andermal mehr.

Den aktuellen Schmerz darüber, dass in unserer Zeit Vergnügungs- und Profitgier auf Kosten von Menschenleben stattfinden, den habe ich in der Lücke im Karl-Lehr-Tunnel betrauert. Den überlebenden AugenzeugInnen, den überlebenden Verwandten und FreundInnen der Opfer gilt mein ganzer Respekt sowie großer Dank dafür, dass sie diesen Ort des Gedenkens gegen viele Widerstände geschaffen haben.

Es ist ein wichtiger Platz geworden von großer Symbolkraft, die weit über die einzelnen Schicksale aller, die von der Katastrophe Loveparade 2010 betroffen waren und sind, hinausreicht.

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Montag, 7. Juli 2014

BfbM – ein halbes Jahrzehnt

­Heute vor fünf Jahren habe ich dieses Blog eröffnet, nannte es forsch „Büro für besondere Maßnahmen“ und versprach meinem damals noch nicht vorhandenem Publikum jede Menge 'Unfug en gros & en détail'.

Zum Teil habe ich das erfüllt und Euch an allerlei mehr oder weniger besonderen Maßnahmen teilhaben lassen.

Jubiläums-Berg

Was ich damals nicht hatte, war ein ausgearbeitetes Konzept, und das gibt es bis heute nicht. Ich schreibe einfach drauflos, was mir durch den Kopf geht und aus den Fingern in die Tastatur purzelt.

Mal aus dem Alltag, mal Erfundenes, mal eine Rubrik wie die Rosenworte oder die kurzen Maßnahmen. Ich fange etwas an, fange noch etwas anderes an, höre das eine oder andere auf, setze wieder ein – und auf diese Weise ist das Büro für besondere Maßnahmen über die Jahre wie ein aus Texten und Bildern gewebter Teppich zu einem Spiegelbild meiner Seele und meines Lebens geworden.

Mein Leben ist eben auch so: Nicht planbar. Immer wieder Rückschläge, immer wieder aufstehen, neue Versuche und Experimente, mich neu zu erfinden und irgendwie auf dieser Welt einen Platz für mich zu schaffen, an dem ich mich wohlfühle und bleiben möchte.

Ich bin und bleibe mein eigenes Überrschungspaket – ganz so, wie ich es damals im ersten Beitrag angekündig hatte.  Ich hoffe, ihr nehmt mir das nicht übel.

Nun fällt der 5. Geburtstag meines Blogs – nette Koinzidenz! – auf den 10. Geburtstag des Mietvertrags für meine Wohnung.

Als ich vor einem Jahrzehnt in dieses helle, luftige Dachgeschoss mit der grandiosen, fast täglich sich ändernden Aussicht auf den B-Berg (meinen „Büro-Berg“) einzog, stand ein gigantischer Blauglockenbaum direkt vor meinem Balkon, nur dreieinhalb Meter vom Haus entfernt.

Das Gute daran: Der Specht wohnte darin und kam immer zum Klopfen, zusammen mit vielen anderen Vogeltieren und Insekten. Außerdem hat der Baum mit den großen herzförmigen Blättern das halbe Dach beschattet und meiner Wohnung an heißen Sommertagen zu einem angenehmen Klima verholfen.

Das weniger Gute an dem Baum war: Er verstellte mir die Aussicht und machte die Wohnung dunkler. Meinen Südbalkon beschattete er gar so vollkommen, dass dort nicht einmal Nachtschattengewächse gedeihen wollten.

Aber nicht nur sein Schatten war gigantisch, sondern auch seine Wurzeln. Sie hatten im Lauf der Jahrzehnte das Fundament des Wohnhauses gesprengt. Mehr als 20 cm breite Lücken klafften zwischen den Grundmauern.

Deswegen wurde der majestätische Baum vor zweieinhalb Jahren Stück für Stück abgesägt und abgetragen – nicht einfach nur gefällt, denn dabei hätte er Haus und Garten stark beschädigen können.

Seither habe ich mehr Licht im Büro für besondere Maßnahmen. Das ist schön. Endlich gedeihen auch mediterrane Kräuter wie Thymian und Salbei auf dem Balkon. Es freut mich, dass ich hier oben endlich auch Wohlriechendes in meiner Nase habe – denn der Gestank der dieselgetriebenen Weinbergs-Trecker, die täglich laut und ungezählt unter meinem Balkon den Hügel hinauf in die Reben brettern, ist erheblich.

Nie zuvor habe ich in so lauter und bedrohlicher Atmosphäre gewohnt wie hier auf dem angeblich so idyllischen Dorfe. Dagegen war es in meiner Berliner Wohnung, gleich um die Ecke vom belebten Kurfürstendamm, geradezu totenstill.

Sogar Rosen blühen inzwischen auf meinem Schattenbalkon, drei Stück, in Kübeln. Sie duften! So lange ich hier noch ausharre, will ich es wenigstens schön haben vor Augen und in meiner Nase.

Gleichzeitig reduziere ich meine anderen Habseligkeiten, lasse nicht nur eigenes Körpergewicht sondern auch angesammelten Ballast los, mache mich so leicht wie möglich und suche nach einer neuen Wohnung, die nicht nur mir und der Katze ein Zuhause bietet, sondern auch mindestens einer meiner drei dornigen Begleiterinnen.

Denn nicht nur Blog-Geburtstag und Mietvertrag fallen zusammen, auch mein ungeliebter Vermieter hat ein gigantisches Gefühl für Timing:

Auf den Tag genau zehn Jahre nach meinem Einzug hier legte er mir die Wohnungskündigung in den Briefkasten. Er hat sich einen Eigenbedarf aus den Rippen geleiert, um mich endgültig und beschleunigt loszuwerden.

Seine Enkelkinder sollen hier im Haus übernachten, wenn sie aus der Ferne zu Besuch kommen. Meinetwegen, dann brauchen sie wenigstens nicht mehr an seiner Wohnungstür herumhängen, die armen Würmer. In seiner 140-m²-Butze in der Bel-Etage geht das natürlich nicht, zu eng! Deswegen kündigt er mir, obwohl die dritte Wohnung im Haus wegen einer kürzeren Kündigungsfrist viel schneller zu haben wäre und obendrein im Erdgeschoss liegt, mit Terrasse und Gartenzugang - was für Kleinkinder ja gewiss günstiger wäre als ein Feriendomizil unterm Dach …

Ihr erinnert Euch? Der Quetschenquäler hasst mich, weil ich nicht bereit bin, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in meine Wohnung zu lassen, wenn er sich nicht vorher angekündigt hat. Er hasst mich noch mehr, weil ich mich von ihm weder anbrüllen noch herumkommandieren lasse. Er hasst mich ohne Unterlass, weil ich es nicht in Ordnung finde, wenn er mir ohne Vorwarnung für Stunden das Telefon abstellt und die Internetleitung kappt, weil er 'mal eben kurz' was reparieren muss. Er brüllt mich an und knallt mit den Türen, hat mich im Keller schon mit dem Messer in der Hand bedroht, ein ander Mal auf der Treppe angerempelt und fast zu Fall gebracht.

Sein „Eigenbedarf“ ist natürlich vorgeschoben, um mich loszuwerden. Mit anwaltlicher Unterstützung kann und werde ich dagegen vorgehen – falls ich wirklich keine andere Wohnung finde und mehr Zeit brauche … Denn die Atmosphäre hier macht mich schon lange krank, ich muss und will hier sowieso raus, samt Katze und Kräutern und Duftrose – und irgendwie kriege ich das schon hin. Trotz allem. Trotz posttraumatischer Belastungs- und "halbautistischer" Reizfilterstörung, trotz Depressionen, trotz Erwerbslosigkeit und kontinuierlicher Unterkapitalisierung.

Mein Leben hier im Haus der katholischen Spießer ist schon viel zu lange viel zu sehr vergiftet und viel zu belastend für mich. Seit Jahren werde ich gemobbt, nicht gegrüßt, böse angesehen, ignoriert, beschimpft, beleidigt, respektlos behandelt. Diese Vermieter sind Krafträuber erster Güte.

Ich suche schon lange eine andere Wohnung (muss ja auch, von Amts wegen) und setze seit Jahren alle mir möglichen und verfügbaren Hebel in Bewegung, auch wenn die mir unendlich klein und unzureichend erscheinen, wenn Angst und Alpträume mich nicht schlafen lassen, in Hass und blutiger Selbstverletzung enden. Es wird, es muss mir gelingen, für mich endlich einen Platz zu finden, an dem ich in Frieden leben kann.

Der Umzug selbst wird eine gigantische "Besondere Maßnahme" werden. Irgendwie werde ich es überleben. Wie alles andere auch.

Das bin ich mir und diesem Blog schuldig. Bis es so weit ist, bitte ich um Verständnis, wenn ich hier weiterhin etwas „auf Sparflamme“ köchle. Ich habe so viel zu sagen und zu erzählen, aber es ist meist so belastend für mich, dass mir die Kraft zum Aufschreiben fehlt.

Vorerst freut Euch bitte weiterhin über mehr oder weniger kurze Rosenworte und den harmlosen Katzen-Kontent "nebenan" bei Ginivra.

Auf die nächsten fünf Jahre!

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Freitag, 20. Juni 2014

Weltmusik für die Weltmeisterschaft

Als ehemalige freie Mitarbeiterin verschiedener Weltmusikredaktionen nehme ich die Fifa Fußball Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien zum Anlass, in die Archive zu steigen und die Spiele des Tages jeweils mit passender Musik zu begleiten - täglich bis zum Finale am 13. Juli 2014.

Papaya Salad w/ Coconut Milk & Lime Juice

Jeden Tag präsentiere ich dem geneigten Publikum mehrere Musik-Tipps: Für jedes Spiel, jedes Land - mal neue, mal klassische, mal traditionelle Musik, möglichst abseits der Mainstream-Routen.

Bekanntes wiederhören - auch in unerwarteter Weise, Neues entdecken: Ich hoffe, es ist für viele von Euch etwas dabei. Bei gleicher Qualifikation wird die Musik von Frauen bevorzugt. Ich bin absolut parteiisch!

Das Ganze findet statt auf der Facebook-Seite des Büro für besondere Maßnahmen und ist garantiert (fast) fußballfrei. Es ist so eingestellt, dass ihr es sehen könnt, ohne bei Facebook angemeldet oder eingeloggt zu sein. (Diesen Hinweis poste ich hier nur einmal - die Musiktipps findet Ihr "aus organisatorsichen Gründen" ausschließlich auf Facebook).

Schaut doch mal rüber! Und abonniert die Facebook-Seite ... Ich freue mich über jeden Besuch und danke für Euer Interesse!

Schönste Sommergrüße aus der temporären Musikredaktion für besondere Maßnahmen!

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Mittwoch, 18. Juni 2014

Betriebsfeier III

- Teil 3 der Fortsetzungsgeschichte von Freitag dem Dreizehnten -

Die Betriebsfeier, von der ich bereits in Teil 1 und Teil 2 berichtete, hatte sich vom vorfreudig erwarteten "Lecker-miteinander-essen-gehen" zum Do-it-yourself-Event entwickelt.

Was einem vor Weihnachten blüht (Amaryllis)

Im Bus verschaukelt durch den Nebel, im Supermarkt das Drei-Gänge-Menü selbst kochen und plötzlich kommt auch noch der Chefredakteur samt Kameraufrau aufmarschiert, um alles auf Video zu dokumentieren ...

Die Betriebsfeier III

Schnell entschlossen wie selten in meinem Leben legte ich die professionelle Küchenschürze auf den Edelstahltresen und flüchtete Rich­tung Kundentoiletten, um erst einmal in Ruhe ein paar Augenblicke lang darüber nachzudenken, was eine angemessene Reaktion in dieser grotesken Lage sein könnte.

Einerseits war ich energetisch ob der mir fremden und unangenehmen Situation total überfordert, andererseits war ich hungrig und unterzuckert, drittens war ich entsetzt und schockiert. So hatte ich mir eine Weih­nachtsfeier nun wirklich nicht vorgestellt. Es war kurz vor halb neun. Das gemeinsame Abendes­sen war noch lange nicht in Sicht!

Obendrein hatte ich auf der Menükarte entdeckt, dass für mindestens zwei der drei Gänge Alkoholhaltiges auf der Zutatenliste stand. Das war unter Umständen lebensgefährlich für mich. Ich hatte mich bei den KollegInnen noch nicht geoutet. Sollte ich um die alkoholisierten Bestandteile herum Slalom essen? Würde man mir eine Extrawurst braten? Oder dürfte ich mir auch die selbst zubereiten in der Schauküche, allein - dafür aber vor Publikum und festgehalten von der Kamera? Eine Schreckensphantasie, wo doch schon die Realität gerade so unerfreulich war.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich bereits vor vielen Jahren beschlossen habe, in meiner Freizeit nichts mehr zu tun, dass mir keine Freude bereitet?

Erleichtert erinnerte ich mich an meine eigene Faustregel für gesellschaft­liche Verpflichtungen, auf denen ich aus irgendwelchen Gründen mein Gesicht zeigen und ein Minimum an Zeit anwesend zu sein habe: Eine Stunde lang muss ich mindestens aushalten. Nach spätestens anderthalb Stunden aber darf ich den Schauplatz des Grauens ohne schlechtes Gewissen verlassen!

Die Zeit war um. Ich zog den Cashmere-Pulli glatt, rückte die Perlenkette zurecht und marschierte die Treppen hinauf in den mittlerweile erleuch­teten Speisesaal. Kahl, kalt und leer war er immer noch. Zur Verstärkung der deutschen Ungemütlichkeit dudelten sogenannte Weihnachtslieder aus den Lautsprechern.

Ich fand eine Kollegin, die mit Stapeln von Servietten bewaffnet leicht unschlüssig zwischen wenig einladenden Tischreihen stand, teilte ihr kurz und knapp mit, dass es mir wirklich leid tue, aber diese Art von Veranstaltung mit Schau­kochen und unerlaubten Videoaufnahmen sei wirklich nichts für mich. Dann suchte ich meinen Mantel aus den Garderobenschränken und rannte. Ja, ich rannte! Die Treppe hinunter so schnell ich nur konnte, dann raus durch die Glastüre. Erleichtertes Aufatmen.

Mein Auto war zum Glück ganz in der Nähe geparkt und trotz anhalten­den Nebels schnell zu finden – wir waren ja mit dem Bus wieder am Aus­gangspunkt gelandet.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich das ziellose Umherkutschiertwerden von Menschengruppen mit aufgeheizten Dieselbussen durch neblige Landschaften in der Dunkelheit für einen ziemlich sinnfreien Zeitfresser und eine grandiose Energieverschwendung halte?

Bevor ich mich auf den Heimweg machte, erstand ich noch schnell im benachbarten Supermarkt der Konkurrenz ein großes Steak, und dann ging alles ganz flott:

Ab nach Hause, das Steak in die Pfanne, ZwiebelnPfefferSalzSenf dazu – mein leckeres Abendessen war fertig um 21 Uhr 15. Damit war ich noch eine dreiviertel Stunde schneller als meine KollegInnen bei der Betriebsfeier, die - wie ich ein paar Tage später erfuhr – um 22 Uhr noch immer auf die Vorspei­se warteten.

Aber da war ich bereits satt und hatte schon fast das Nachthemd an. Auf diese Weise kam mein Freitag der Dreizehnte dann doch noch ganz friedlich zu einem gemütlichen Ende.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich nicht sonderlich abergläubisch bin und vor Freitagen, die auf einen Dreizehnten fallen, fast gar keine Angst habe? Donnerstag der Zwölfte kann viel schlimmer sein!

Lecker sei's gewesen und es habe Spaß gemacht, zuzusehen und einmal mitzuerleben, wie ein Abendessen für eine so große Gruppe entsteht. Oha! Meine Chefin war tapfer, als wir uns ein paar Tage später wieder begegneten. Sie hatte aber durchaus Verständnis dafür, dass ich auf halber Strecke quasi von der Truppe desertiert war.

Zur Ehrenrettung des Betriebs möchte ich noch anmerken, dass meine Flucht nie wieder erwähnt wurde und auch kein k.o.-Kriterium für eine weitere Beschäftigung darstellte. Meinen Mini-Job dort habe ich trotzdem noch. Inzwischen gab es sogar eine kleine Gehaltserhöhung.

In Zukunft werde ich bei Betriebsfeiern doch lieber wieder vorsichtiger sein mit einer Zusage. Ich werde da manchmal schnell zur Außenseiterin, weil ich es ohne Alkohol nur schwer aushalte, hungrig und mit weißer Papiermütze auf dem Kopf in Supermarktküchen Salat zu waschen, während konsumgeile Menschenmengen mich begaffen, Jinglebells dröhnen und nebenbei der Chef mit seiner Kamera draufhält. Aber das erwähnte ich ja bereits.

Ihr seht also:

Im Grunde ist nix passiert, obwohl diese Geschichte sich an einem Freitag, den Dreizehnten zutrug. Keine wurde krank, niemand ist verhungert und alle sind - meines Wissens - bis heute gesund und munter.

Früher, als ich noch Alkohol trank, hätte ich diesen Abend wahrscheinlich auch ganz lustig gefunden. Den Hunger hätte ich mit Sekt besänftigt und alle Unwohl-Gefühle in Wein ertränkt. Nur um dazuzugehören, um nicht aufzufallen, damit die anderen mich gern haben. 

Mich mögen, das tun sie mittlerweile trotzdem, auch wenn ich für mein eigenes Wohlergehen sorge so gut wie möglich. Nicht nur an Freitagen, und nicht nur an Dreizehnten.

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Montag, 16. Juni 2014

Betriebsfeier II

- Teil 2 der Fortsetzungsgeschichte von Freitag dem Dreizehnten -

An einem Freitag, den Dreizehnten ist alles möglich, wie an jedem anderen Tag im Leben.
Meine bislang skurrilste Betriebsfeier erlebte ich an einem solchen, letztes Jahr im Dezember nach Sonnenuntergang.

B-Berg ohne Nebel

Die Belegschaft hatte sich abends um 19 Uhr vor der Firma versammelt, mit einem gecharterten Linienbus wurden wir eine gute halbe Stunde lang durch die neblige Dunkelheit ins Ungewisse chauffiert – um genau 150 m weiter wieder auszusteigen vor dem örtlichen Delikatessen-Dealer - über den Dienstboteneingang die enge Hintertreppe hinaufgelotst, stehen frierend und wartend im nur halb beleuchteten Vorraum und haben überhaupt keine Ahnung, was das alles soll:

Essen wir im Supermarkt?!

Die Betriebsfeier II

Man nahm uns Mäntel und Jacken ab, drückte jedem ein Glas Sekt in die Hand. Dass es Menschen gibt, die keinen Alkohol zu sich nehmen, ist im Bewusstsein der Landbevölkerung mitten im Weinanbaugebiet noch nicht so tief verankert. Trotzdem erhielt ich auf Nachfrage und nach einer angemessenen Wartezeit ein Glas Orangensaft.

Die Supermarktangestellten im Sondereinsatz servierten uns abwech­selnd Käse mit Weintrauben und Mini-Bruschette. Der Käse, den ich zunächst für schnöden Gouda hielt, entpuppte sich als köstlich: Es war ein höhlengereifter Appenzeller oder Greyerzer aus den tiefsten hohen Alpen, monateland geduldig gewendet und massiert mit handgezupftem Jahr­gangsmeersalz. Die Bruschette schmeckten einen Tick zu sehr nach Essig und einer Überdosis Knoblauch. Die Trauben waren Trauben.

Über den Käse kam ich mit der Dame vom Supermarkt-Service ins Plaudern. Sie war die Fachfrau von der Käsetheke, die alle 350 Sorten mit Vornamen und familiärem Migrations-Hintergrund persönlich kannte.

Für unser Abendessen war sie nach einer langen Tagschicht, die bereits um sieben Uhr in der Früh begonnen hatte, zusätzlich im Einsatz. Sie hoffte auf ein Ende des Abends möglichst vor Mitternacht, damit sie bis zum nächsten Arbeitsbeginn um sieben Uhr in der Früh wieder einigermaßen fit sein konnte.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Veranstaltungen, die allein aufgrund der zeitlichen und finanziellen Ausbeutung meiner Mitmenschen möglich sind, nur sehr schwer genießen kann? Tatsächlich schmeckte der Käse ein wenig schal, nachdem ich erfahren hatte, dass die Servicefrau für unser Weihnachtsvergnügen ihre wohlverdiente Nachtruhe opferte.

Wir standen, alle hungrig, und hielten uns an den Gläsern fest, während Geschäftsleitung und Chefredaktion kleine Reden hielten: Dass alles toll gelaufen sei im zu Ende gehenden Jahr, dass der Gewinn aber leider nicht ausgereicht habe, um uns alle zum Essen einzuladen und auch noch die Köche zu bezahlen.

Man habe sich entscheiden müssen zwischen Einkau­fen bei Aldi und alle bekochen lassen oder Besseres kaufen bei Edeka – wo Lebensmsittel bekanntlich geliebt werden – und selber kochen. Da sei die Wahl auf Letzteres gefallen. Man möge nun bitte vier Teams bilden: Je eines fürs Tischdecken & Deko­rieren, für Vorspeise, Hauptgang und Dessert.

Ich hielt das erst für einen Witz – aber die Geschäftsleitung meinte es ernst. Nun konnte man auch den unbeleuchteten Speisesaal hinter der halb ge­öffneten Türe erkennen: Da war alles kalt und kahl und leer. Es war schon nach Acht.

Der Chefredakteur fügte hinzu, dass es gelungen sei, die Kosten für die gemeinsame wohlverdiente Betriebsfeier noch weiter zu drücken, indem man sich bereit erklärt habe, das ganze Event auf Video zu dokumentieren und die Ergebnisse dem Supermarkt für Werbezwecke zur Verfügung zu stellen.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich es nicht sonderlich schätze, gefilmt zu werden – erst recht nicht ohne meine vorherige Einwilligung? Selbst wenn man in einem Medienbetrieb arbeitet, heißt das noch lange nicht, dass jedes Meeting auf Youtube oder sonstewo öffentlich gemacht werden darf. Ich bestehe auf mein Recht am eigenen Bild.

Ich landete im Team Numero zwo und wurde von meinen Kolleginnen getrennt: Vorspeise! Der Chef der Fischtheke, seines Namens ehemaliger 4-Sterne-Fischkoch, nahm uns – einen irritierten Trupp von sechs bis acht mir fremden Menschen – in seine chauviale Obhut und marschierte die Treppen hinunter in den Markt. Wir trotteten hinterher und landeten zwischen Bäckerei und Imbiss-Station in der Schauküche. Es war viertel nach Acht. Längst Essenszeit.

Ich konnte es einfach nicht fassen. Meinten die das wirklich ernst?! Ich ging immer noch von einer leicht misslungenen Verarsche aus und wagte zu hoffen, dass man uns allenfalls Tabletts voll fertiger Speisen in die Hände drücken und zum Servieren wieder nach oben schicken würde. Ich hatte Hunger.

Aber nix da! Wir sollten bei laufendem Supermarktbetrieb in der für alle KundInnen einsehbaren Schauküche die Vorspeise selbst zubereiten. Grinsend lief das Konsumvolk an uns vorbei und blieb gerne auch mal neugierig stehen. Wie peinlich! Es war voll. Es war laut. Nicht nur das typische Supermarktsgedudel wurmte meine Ohren. Wie unange­nehm!

Der freundliche Fischkoch war durchaus besorgt um unser Wohlergehen und hatte seinen Einsatz perfekt vorbereitet: Flugs erhielten wir alle eine dunkelblaue Küchenschürze mit Latz. Umbinden! Na gut. Das ging so gerade noch. Schließlich hatte ich zur Feier des Tages meinen schönsten Cashmere-Pulli angezogen. Den wollte ich nicht mit Fett bekleckern.

Aber dann! Auch noch eine weiße Kochmütze aus Papier. So eine ganz alberne bauschig-bauchige wie wir sie aus der Mayonnaise-Werbung kennen: „Hier kommt der Genuss!“ – nur ohne Beleuchtung. Nein. Ich verweigerte!

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Hüte und Mützen aller Art auf meinem Kopf nur schwer ertrage – mit Ausnahme meiner klassischen Zeitungsjungen-Schiebermütze an Bad-Hair-Days? Ich hatte doch nicht extra meine Locken extra kringelig frisiert, um sie mir nun in der Küche mit einem albernen Papierhut wieder plattzudrücken!

Zum Trost wurden auch gleich wieder mehrere Flaschen Sekt oder Wein geöffnet und ausgeschenkt. Für mich wurde auf meine freundliche Bitte hin ein Glas Wasser ziemlich umständlich in einer langwierigen Prozedur von ziemlich weit her geholt und mir mit etwas schrägem Blick kredenzt. Die Gedanken hinter diesem Blick konnte ich nur vermuten: „Was für eine Spaßbremse!“ oder etwas ähnlich Charmantes.

Gleichzeitig mit dem Alkohol hatten alle einen Ausdruck des Rezepts erhalten: Irgendein Fischfilet gebraten und gerollt auf-an-um Salat mit Irgendwas. In der Küchenecke sah ich Kisten voll mit mattem Feldsalat und traurigen Radieschen. Das sollten wir zuerst einmal Putzen!

Zum Glück findet sich in fast jeder Gruppe ein Frauchen, das beim Stich­wort „Putzen“ eilfertigst bei der Sache ist und auch dann noch Spaß an der Drecksarbeit hat, wenn mir schon längst der Appetit verdorben ist.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Haus- und Küchenarbeit hasse?! Ich koche für mein Leben gern. Aber alles, wobei ich meine Hände in Wasser tauchen muss, macht mir schlechte Laune.

Fisch putzen, zerlegen und braten gehört jedoch auch nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Erst recht nicht, wenn ich mit knurren­dem Magen in der Schauküche eines Supermarkts stehe.

Die ersten SalatputzerInnen waren also schon eifrig am Werk, da sah ich aus dem Augenwinkel mit einem perfide triumphierenden Greinen den Chefredakteur samt Kamerafrau nahen. Jetzt nicht auch das noch! Ich war fassungslos. Es war kurz vor halb neun. Mir war fast schlecht vor Hunger.

Cut.
Sollten wir nun nicht nur hungern vor laufender Kamera, sondern auch noch kochen? Die Geschäftsleitung hatte wohl eindeutig zu viele Koch-Shows im Privatfernsehen geguckt. Wann wird es endlich etwas zu essen geben? Wird es überhaupt etwas zu essen geben?

Fortsetzung folgt: zum dritten Teil bitte hier klicken.
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Freitag, 13. Juni 2014

Freitag der Dreizehnte

- eine Fortsetzungsgeschichte, garantiert ohne Fußball! -

„Freitag, der Dreizehnte“ - das ist für mich kein Datum, das mir Angst und Schrecken macht. Erst recht nicht, wenn gleichzeitig auch noch Vollmond ist. Ich habe schon „Donnerstage, den Zwölften“ erlebt, die weitaus Schlimmer waren.

Dennoch ist es natürlich immer eine nette Koinzidenz, wenn an diesen „besonderen“ Tagen auch etwas „besonderes“ passiert. So wie die Betriebsfeier vor genau einem halben Jahr. 

B-Berg bei Vollmond
mit kühlen Nebelschwaden



Aus der aktuellen, schwülen Sommerhitze dürft Ihr Euch dafür zurückversetzen in den mild-kühlen Dezember 2013, der hier im Dreyeckland besonders grau und neblig war.

Die Betriebsfeier I

Es begab sich im vergangenen Jahr, Mitte Dezember. Den ganzen Tag über hatte Nebel im Tal gehangen so dicht, dass wir nicht einmal mehr eine Kirche im Dorf hatten.

Dieser Freitag war für mich ein freier Tag. Ich erledigte meinen Haushalt, sortierte allerlei Papier und aß wenig, denn für den Abend war ich einge­laden: Weihnachtsfeier bei meinem neuen Arbeitgeber.

Erst seit zwei Monaten gehörte ich zum Team und freute mich auf die Gelegenheit, einmal alle beieinander zu sehen und vor allem darauf, meine direkten KollegInnen und Vorgesetzten auch privat ein wenig kennenzulernen. Dafür war im Arbeitsalltag bisher kaum Zeit gewesen.

Die Fotos an der Pinwand in der Betriebsküche stammten von voran­gegangenen Betriebsfeiern und ließen auf eine feier- und trinkfreudige Truppe schließen. Mir wurde ein bißchen mulmig.

Menschenansammlungen überfordern mich schnell, noch dazu viele neue Gesichter - und das alles in einer fremden Umgebung, auf die ich mich nicht einmal einstellen konnte: Der Ort der Veranstaltung blieb geheim und sollte für alle eine Überraschung sein. Treffpunkt war in der Firma um 19 Uhr.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Betriebsfeiern und andere Gruppenveranstaltungen sonst möglichst meide? Wenn eine beim stei­genden Pegel an Alkoholisierung nicht mithalten kann, wird sie schnell zur Außenseiterin.

Um mich ein wenig abzusichern, hatte ich am Tag zuvor die Kollegin gefragt, was mich denn anlässlich einer Weihnachtsfeier so erwarten würde - und entschlossen hinzugefügt, dass ich auf keinen Fall bereit sei, irgendwelche rot-weißen Coca-Cola-Kostüme zu tragen, Gedichte aufzu­sagen oder Weihnachtslieder-Karaoke zu singen. Neinnein, so etwas habe es noch nicht gegeben. Vermutlich würde man gemeinsam irgendwo in der Nähe zum Abendessen gehen.

Ich war halbwegs beruhigt, machte mich Diva mit Perlenkette, fuhr durch den immer noch dichten Nebel in die Nachbarstadt. Als ich das Auto am Firmengebäude abstellte, staunte ich nicht schlecht.

Vor dem Portal stand ein riesengroßer Bus des örtlichen Reiseveran­stalters. Leider kein bequemer Luxusliner, sondern die eher ungemütliche Holzklasse, wie sie auch auf Linienfahrten im Nahverkehr eingesetzt wird. Trotzdem: Der war für uns. Interessant! dachte ich. Wir machen sicher einen Ausflug in die Umgebung und gehen Essen an einem ungewöhnlichen Ort, wo ich noch nie war! Wie umsichtig und umweltfreundlich, uns nicht alle einzeln mit dem eigenen, privaten Pkw anreisen zu lassen!

Bis alle eingestiegen waren, das dauerte. Es wurde noch gewartet auf zwei KollegInnen, die letztlich doch nicht kamen. Dann endlich, durch den Nebel! Wir schaukelten in dem ungemütlichen Bus genau die Straßen entlang, die ich gerade erst hergefahren war.

Es ging also nicht aufs Land, sondern Richtung Stadt? Die Spannung stieg, die Vermutungen brodelten: Ins Colombi? Ein geheimnis­volles Dunkeldinner? Ein gemeinser Theaterbesuch? Oder doch ein Sternerestaurant irgendwo auf dem Blauen?

Nach rund sechs Kilometern – wir passierten gerade meinen Wohnort – hieß es, die verspäteten KollegInnen seien nun doch noch bei der Firma eingetroffen und warteten dort. Man werde zurückfahren und sie ein­sammeln.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mir vom Busfahren leicht übel wird? Das war schon als Kind so und hat sich bis heute trotz vieler Bus- Konfrontationstherapien nicht gebessert.

Also kehrten wir bei nächster Gelegenheit um, fuhren auf einer parallel verlaufenden Landstraße zurück. Durch den Nebel. Die ganze Truppe war zusehends irritiert. Am meisten irritiert aber war die Assistenz der Geschäftsführung, die den ganzen Abend zwar ebenso geheim, aber doch ganz anders geplant hatte.

Nach einer guten halben Stunde Nebeltour im unbequemen Schaukelbus landeten wir also wieder in unserer Ausgangsstraße. Hielten jedoch nicht vor dem Firmensitz, sondern vor dem Edeka schräg gegenüber. Aussteigen! Ratlose Gesichter. Was jetzt? Gemeinsames Einkaufen? Es war vor Acht, der Supermarkt noch geöffnet.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Supermärkte wegen des lauten Gefiepes an den Kassen möglichst meide? Meine empfindlichen Ohren kriegen davon Gehörgangskrebs.

Nicht vorne herein, nein! An der Hintertür wurden wir empfangen und ins obere Stockwerk geleitet. Es stockte auf der Treppe, dicht gedrängt standen wir in einem kleinen Foyer, vorne sah ich jemanden mit der Videokamera hantieren.

Cut.
Eine hungrige Stunde lang warten und durch den Nebel fahren, um genau 150 Meter weiter wieder auszusteigen.
Wozu das alles?!
Wird es jetzt endlich etwas zu essen geben?


Eine Fortsetzungsgeschichte gab es vor ein paar Jahren schon einmal. Das erlaube ich mir immer dann, wenn ein Text entstanden ist, den ich für zu lang halte, um ihn „am Stück“ im Blog zu veröffentlichen.

Vielleicht mögt Ihr bis zur nächsten Folge der „Betriebsfeier“ ja den japanischen „Junineumond“ anschauen, eine Memoire aus meiner Zeit als Studentin in Japan. Die Geschichte spielt im sommerlich heißen Kyoto, vor ziemlich genau 24 Jahren.

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Montag, 19. Mai 2014

Freundschaft

- Rosenworte zum Montag - 

(Heute mit Soundtrack zum Text als YouTube-Link. 
Bitte erst anklicken und dann weiterlesen:
oder auch: "Blütenblätter des Nachts auf dem Fluss im Mondlicht"
Traditional aus China - meisterlich gespielt auf der GuZheng, der chinesischen Zither)

Ich habe eine Freundin im fernen China. Als sie damals - vor fast vier Jahren - in die nördliche Ferne des Ostens ging, nahm ich ihre Katze in Pflege - bis auch die "nach China" ging.

Duftende Schönheit aus dem Dorfe

Die Freundin kommt ein, zwei Mal im Jahr kurz nach Deutschland. Manchmal sehen wir uns dann. Manchmal weiß ich auch gar nichts davon, weil sie sich nicht meldet. Denn alle wollen sie sehen und sie hat gar nicht genug Zeit, hetzt nur von einem Termin zum anderen.

Das freut mich.

Versteht mich nicht falsch, ich vermisse sie schmerzlich. Vor allem vermisse ich ihre klugen, blitzenden Augen. Ihre tiefgründigen Fragen. Ihre witzigen Erzählungen. Ihren Respekt. Ihre Sicht der Dinge.

Ich vermisse sie täglich. Jeden Tag aufs Neue.

Aber ich freue mich unendlich darüber, weil ich ihr so wichtig bin, dass sie eine Begegnung mit mir nicht als hektischen Pflichttermin zum Abhaken auf der ToDo-Liste zwischen andere quetscht.

Wenn wir uns sehen, bringt sie viel Zeit mit, und wir sind beide ganz und gar beieinander. Mindestens einen halben bis dreiviertel Tag lang. Inklusive mindestens einer gemeinsamen Mahlzeit.

Ungefähr fünf bis sechs ungestörte Stunden brauchen wir, um uns gegenseitig auch nur ansatzweise auf den Stand der Dinge zu bringen. Bis wir wieder wissen, ob und wie die andere sich verändert hat, wer da jetzt gegenüber sitzt. Dann reden wir, wir weinen und lachen - und ich bin unendlich dankbar für das, was wir miteinander haben. Selbst wenn das vielleicht nur noch alle zwei Jahre stattfindet. Niemals bin ich böse oder enttäuscht um das, was ich vielleicht gerne hätte, aber nicht kriegen kann.

 Auch das ist Freundschaft:

Freundschaft nach chinesischer Art: 
Klar und durchscheinend wie eine Tasse Tee, 
so dass man den Grund schauen kann.

Im Herzen ist die Freundin mir ganz nah und klar. Immer. Ganz egal, wie lange oder wie weit sie fort ist.

Happy B-Day!

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Montag, 12. Mai 2014

Lieblingsgeräusch

- Rosenworte zum Montag -

Den empfindsam Hörenden ist nur weniges angenehm. All der maschinelle Lärm da draußen, und selbst das "Musik" genannte Tönen ist oft mehr Ärgernis als Labsal.

Irgend jemand rümpft immer die Ohren! Meistens bin ich die erste.

Die Grille im Rosenbett

Es gibt nicht viele Geräusche, die mir immer willkommen sind.

Eines davon ist das Lied der Grille. Ihr Zirpen ist für mich unwiderruflich verknüpft mit der Erinnerung an heitere Inselsommer, sanftes Meeresrauschen, den Duft wilder Kräuter, tiefes Auf- und Durchatmen.

Mein Gehirn mit seinen vielen Erinnerungen ist ein seltsames Ding:

Schon der Gesang einer einzigen frühen Grille vermittelt mir die Illusion sommerlicher Sorglosigkeit und hilft, die Unterträglichkeiten des aktuellen Alltags leichter auszuhalten.

Das sind anderthalb Zentimeter grüner Lebendigkeit, denen ich für ihre Existenz unendlich dankbar bin. In meinen Rosen dürfen sie gerne wohnen.

Jederzeit!


PS.
Das Zirpen der Feldgrille und viele andere tolle Naturtöne wie zum Beispiel das Zwitschern der Nachtigall gibt es gegen eine kleine Spende als Klingel- und SMS-Ton für Handy und Smartphone auf den Tierstimmenseiten nature-rings.de des NABU.


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Freitag, 9. Mai 2014

Heimatlos

Wenn ich aus den Fenstern meiner Dachwohnung schaue, sehe ich blühende Landschaften. Rundum. Derzeit blühen die Reben. Eher unscheinbar und grün, aber sie blühn. Quadratkilometerweise. In den Haus- und Gemüsegärten des Dorfes, in den Balkonkästen und Terrassenkübeln blüht alles, was die Natur hergibt. Rosen und Akelei, Iris und Flieder, Ringelblumen und Männertreu, Geranien, Schöllkraut und Kartoffelstrauch. Schön. Und bunt.

Jesus - der genagelte Mann

Ich lebe in einem optischen Paradies. Als ich vor mehr als zehn Jahren aus der Großstadt hierher aufs Land zog, war es genau das, was ich haben wollte. Die vogelzwitschernde Blümchenidylle.

In Berlin war mir alles zu viel gewesen: Zu viele Menschen. Zu viele Autos. Zu viele Häuser. Zu viel schlechte Luft und zu viel schlechte Stimmung. Zu viel Armut und zu viel Hundekot auf den Straßen. Die kontinuierliche Überflutung an Sinneseindrücken, die allgegenwärtige Zu-viel-isation überforderte mich. In all dem Überfluss war ich schon längst nicht mehr zu Hause.

Zudem hatte ich ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich war unzulänglich, den Anforderungen der Millionenstadt nicht gewachsen. Viel zu groß war das kulturelle Angebot. Selbst wenn ich jeden Abend ins Theater, ins Kino, ins Konzert gegangen wäre – einmal vorausgesetzt, ich hätte die persönlichen und finanziellen Möglichkeiten dazu gehabt – so hätte ich doch für jede besuchte Vorstellung mindestens zwei Dutzend andere nicht erleben können.

Ich war vierzig. Ich hatte den Dalai Lama interviewt und zweierlei Teuf(f)el. Viel mehr würde nicht kommen. Da konnte ich auch Holz aufsammeln im Wald. Hauptsache, der Job hielt mich einigermaßen über Wasser und die KollegInnen wären nett. Ich packte meine Lebens-Mittel-Krise und die zwei Katzen in einen Korb und zog in den Süden, in ein Zweieinhalbtausend-Seelen-Winzerdorf.

Wie war ich froh, angekommen zu sein! Ich wollte endlich sesshaft werden und erkundigte mich sogar, ob ich katholisch werden muss, um auf dem Gemeindefriedhof begraben werden zu dürfen.

„Hier ist es so schön ruhig, es gibt noch nicht einmal eine Ampel“, schwärmte ich einer Freundin vor.
Sie runzelte die Stirn und fragte freundlich zurück: „Wie kommst du denn dann über die Straße?“ 
„Ich gehe einfach immer im Kreis“, antwortete ich ebenso so freundlich. Dann grinsten wir uns an und brachen beide in schallendes Gelächter aus.

Das Lachen sollte mir bald vergehen. Der ampelfreie Frieden wurde zur tödlichen Friedhofsruhe. Weil die Idylle nur optisch ist. Die reine Fassade.

Es gibt nichts im Außen, das einen ablenkt. Nur Lärm und Gestank von Weinbergstrekkern, Heimwerkerterroristen, Rasenmähern und Laubgebläsen. Weil es auch abends nichts zu tun gibt, werden schon pünktlich zur Tagesschau die Gehsteige fein säuberlich gekehrt und nach oben gefaltet. Das Leben hat hier wenig Platz. 

Weil draußen nichts los ist, über das die Menschen lachen oder zumindest lästern könnten, sitzen sie hinter ihren Fassaden und belauern sich gegenseitig. Ich habe hier noch niemals jemanden herzlich lachen hören. In all den Jahren nicht. Höchstens mal ein verkrampftes, schadenfrohes Wiehern war zu vernehmen oder ein verkniffenes Grinsen aus lippenlosem Mund zu beobachten.

Wehe, ich mache mal einen Scherz oder habe meinen Spaß einfach so – das wird sofort misstrauisch beargwöhnt. Als ob man neidisch wäre und mir mein Lachen nicht gönnt.

Das ist schrecklich. Ich lebe in einem klimatischen Paradies. Fruchtbarer Boden weit und breit. Keine Naturkatastrophen. Man könnte hier einfach glücklich sein.

Aber nein. Irgendwie lassen sie einen nicht. Die Menschen in ihrem totalitären Glauben sind schlimmer als jeder Vulkanausbruch, jedes Erdbeben es jemals sein könnten. Überall hängen sie einen zu Tode leidenden Mann am Balkenkreuz auf, seine Schmerzen sind unübersehbar. Alle paar hundert Meter hängt einer in den Reben oder sonstewo. Und stirbt!

Hängt es damit zusammen, dass mir hier das Lachen im Halse stecken bleibt? Weil es sich nicht schickt, im allgegenwärtigen Angesicht von Leid und gewaltsamen Tod fröhlich und unbeschwert zu sein? Darüber wachen sie. Schmallipppig und freudlos. Bloß nicht zu laut gelacht. Höchstens mal wohlerzogen gelächelt. Gute Laune? Durch verkrampftes Grinsen zu Tode dressiert. Es ist schlimmer als auf einer Beerdigung.

Sind die Menschen, die diesen Toten immer wieder neu ans Kreuz nageln, nicht mindestens genau so brutal wie diejenigen, die ihn vor bald zweieinhalb Jahrtausenden in echt haben sterben lassen? Was ist das für eine Gesellschaft, in der die Lebendigen wegen der längst Toten leiden müssen und nicht einmal mehr lachen dürfen?

Was habe ich mit den Ungerechtigkeiten der Geschichte zu tun?

Ich habe nicht nur meine Anpassungsfähigkeit an das katholische Spießertum überschätzt, sondern auch meinen Anpassungswillen. Denn dass auch mir selbst hier das Lachen vergehen würde, dass mir gar die Lebensfreude abhanden käme im Lauf der Jahre, damit hatte ich nicht gerechnet.

Weil das so ist, laufe ich große Gefahr, selbst zur biestigen, verkniffenen und verbissenen Alten zu werden. Das will ich natürlich nicht. Weil ich das nicht bin. Weil ich mich so nicht einmal mehr in mir selbst noch zu Hause fühle.

Ich muss fort. Woanders hin. Hier bin ich nicht zu Hause, hier stehen nur meine Möbel. Meine Seele ist verschollen im optischen Paradies.

„Zu Hause“ fühle ich mich nur, wenn ich auch lachen darf. So richtig: mit zurückgelegtem Kopf und von ganz tief unten aus dem Bauch heraus. Schallend.

Heimat ist kein Ort. 

Heimat ist da, wo ich die sein darf, die ich bin. Lebendig, mutig, neugierig, klug, zuversichtlich – und lachend.

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Montag, 5. Mai 2014

Chanel No. 5

Eine Duftmischung von Rosen, Jasmin und einem "Aldehyd-Akkord" verzaubert seit bald 100 Jahren nicht nur französische Nasen.

Es war 1921, am 5. Tag des 5. Monats, als Madame Coco Chanel der Weltöffentlichkeit ihr Parfum No. 5 präsentierte, das bis heute als erfolgreichster Damenduft aller Zeiten gilt. Noch zu ihren Lebzeiten soll es der Modemacherin mehr als 15 Millionen Dollar allein an Lizenzgebühren eingebracht haben.

Veronique B. - Aufbruch ins neue Rosenjahr

Nun muss ich wohl zu meiner Schande gestehen, dass ich die No. 5 von Chanel nicht mag. "Schade um die schönen Rosen", denke ich jedes Mal, wenn mir ein Hauch davon in die Nase weht.

Den ersten Hauch echten Rosendufts, den genieße ich nun schon seit Tagen, ungewöhnlich früh in diesem Jahr. Meine schöne Veronika auf dem südlichen Schattenbalkon treibt dutzende Knospen, die ersten sind kurz vor dem Aufbruch ... Ihr Duft ist Verheißung und Versprechen zugleich:

... und plötzlich weißt du:
Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen,
und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.
(Meister Eckhart, 1260 - 1328)

Die Rosen werden sich frei entfalten, sie werden duften und leuchten. Wollen wir es ihnen gleichtun!

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Freitag, 2. Mai 2014

Große Frauen - Lesefreude 2014 verschenkt!

Am 23. April 2014, dem "Welttag des Buches und des Urheberrechts" habe ich mich an der Aktion "Blogger schenken Lesefreude" beteiligt und das Buch "Große Frauen" von Irma Hildebrandt zur Verlosung ausgeschrieben.


Elf Leserinnen haben sich beteiligt und gültige Kommentare hinterlassen.

Die Gewinnerin habe ich mit Hilfe von random.org ermittelt:

Verlosung bunt gemischt mit random.org

Liebe Christiane von mylittleworldofbooks, herzlichen Glückwunsch! Bitte teile mir deine Anschrift mit, dann geht das Buch alsbald auf die Reise.

Dir und allen anderen vielen Dank fürs Mitmachen und für Eure Anregungen! Ich freue mich, wenn Ihr auch in Zukunft ab und zu mal vorbeischaut hier im Büro für besondere Maßnahmen. Es gibt zwar nicht jedes Mal etwas zu gewinnen, aber immer wieder etwas zu entdecken.

PS @lle:
Wer in den Kommentaren unter der Verlosung eine E-Mail im Klartext hinterlassen hat und nicht möchte, dass die dort noch länger steht, darf sich gerne an mich wenden, und ich nehme das dann raus. Versprochen!

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Montag, 28. April 2014

Rosa Manus

- Rosenworte zum Montag - 

Jedes Mal, wenn ich an einem Montag die Quellen durchforste nach einer Frau, der ich meine "Rosenworte" widmen könnte, bin ich entsetzt, wie wenige Frauen der Geschichte bekannt sind.

Rote Rosen im April - für Rosa

Männer! Immer nur Männer! Seitenweise! Jahrtausendelang! Als ob Frauen nie gelebt hätten. Als ob Frauen niemals etwas Bemerkenswertes getan oder Berichtenswertes erreicht hätten. In all den Jahrhunderten nicht. Es ist empörend, wie sehr unsere Frauenleben und fraulichen Lebenswelten  von der Männerwelt da draußen ignoriert werden. Immer noch. Immer wieder! Nicht nur in Lexika, in den Nachrichten. Auch in der Wikipedia will es nicht besser werden.

Umso mehr freut es mich, dass ich eine Frau entdecken konnte, deren Name nicht nur Rosa ist: Die niederländische Feministin Rosette Susanna Manus, geboren 1881 in Amsterdam.

Sie war Stimme und Organisatorin der Frauenbewegung vor dem zweiten Weltkrieg. Sie kämpfte für das Frauenwahlrecht. Sie machte sich stark gegen das Berufsverbot für verheiratete Frauen. Sie war Aktivistin und Initiatorin verschiedener Organisationen:

1935 gründete sie in Amsterdam das „Internationale Archiv für die Frauenbewegung“ (IAV Internationaal Archief voor de Vrouwenbeweging, heute Aletta Instituut voor Emancipatie en Vrouwengeschiedenis).

Rosa Manus war Jüdin, und sie war politisch. Das wurde ihr im von den Nazis besetzten Amsterdam zum Verhängnis: Im August 1941 wurde sie wegen ihrer „pazifistischen und internationalen Neigungen“ verhaftet und später deportiert.

Rosa Manus starb am 28. April 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück (evtl. auch in Auschwitz).

Mehr über Rosa Manus im Jewish Women's Archive.

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