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Sonntag, 26. Oktober 2014

Sommerzeit – Winterzeit

Es ist jedes Jahr die gleiche Prozedur:

Nicht nur am ersten Sonntag nach dem Frühlingsanfang im März stellt sich am frühen Morgen nicht wie sonst als erstes die Frage, ob eine ihr Frühstücksei heute lieber gekocht oder zur Abwechslung mal Sunny-Side-Up möchte.

Winterzeit-Berg

Statt dessen ein kurzsichtiger, noch ein wenig nachtblinder Blick zur Uhr an der Wand: „Muss ich die Uhr nun eine Stunde vor oder eine Stunde zurückstellen?“ 

Genau so lautete auch heute Morgen – am letzten Sonntag im Oktober – die bange Frage.

Glücklich ans Spiegeleier braten macht sich nun diejenige, deren Uhr funkferngesteuert sich in tiefschlafender Nacht um drei Uhr wie von Geisterhand geschoben von selbst auf zwei Uhr zurückgedreht hat.

Auch alle, die schon vor dem Frühstückstablett das Tablet oder ihr Smartphone auf dem Nachttisch liegen haben, wissen aufwandsfrei Bescheid: Die Technik erledigt das Umstellen der Zeit von alleine. Wer es nicht weiß, merkt noch nicht einmal etwas davon und braucht keinerlei Gedanken daran zu verschwenden, wie man das Sommer- oder Winterzeitliche nun am besten segnet.

Statt dessen freuen die unwissend Glückseligen sich dotterweich auf ein glücklich freilaufendes Hühnerei mit handgezupftem Jahrgangsmeersalz.

Ich hingegen kriege vor der zweiten Tasse Kaffee sowieso keinen Bissen runter. Das ist gut so, denn auf diese Weise habe ich ausreichend Zeit, mich bei jeder meiner ungefähr acht Uhren ausführlich mit dem Phänomen der Zeitumstellung zu beschäftigen.

Vor oder zurück? Zurück oder vor?

Eigentlich sollte man das wissen. Weihnachten ist ja auch jedes Jahr am selben Tag. Wieso also ist das mit der einen Stunde Zeitunterschied so schwierig?

Schließlich wurde die Sommerzeit bei uns schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wieder eingeführt. Vor mehr als 40 Jahren also. Das sind mehr als zwei Drittel meines Lebens! Die Mehrheit der Deutschen ist so jung, dass sie es überhaupt nicht anders kennt.

Und trotzdem muss es regelmäßig alle Jahre wieder in allen Medien aufs Neue ausführlich erklärt werden. Sogar zwei Mal im Jahr: Am ersten Wochenende nach Frühlingsanfang wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt – und am letzten Wochenende im Oktober um eine Stunde zurückgedreht.

Für mich hat sich da eine kleine Eselsbrücke als sehr hilfreich erwiesen:

Die Sommerzeit wurde nach der Ölkrise von 1973 eingeführt. Damals gab es im November und Dezember sogar autofreie Sonntage, und auf den Autobahnen konnten wir an diesen Tagen Rollschuh laufen oder Fahrrad fahren!

Es ging ums Energie sparen. angeblich. Morgens ist es im Sommer sowieso schon so früh hell, dass man sein Frühstücksei auch ohne elektrisches Licht gebacken kriegt – selbst wenn man eine Stunde früher aufsteht.

Deswegen wird uns mit der Umstellung auf die Sommerzeit sozusagen eine Stunde Lebenszeit geklaut: Nämlich genau die sechzig Minuten zwischen zwei und drei Uhr früh. Die erleben wir in dieser Nacht gar nicht, weil es sie nicht gibt.

Man könnte auch sagen, dass wir diese Stunde nur „ausleihen“ – denn bei der Umstellung auf die „Winterzeit“ erhalten wir genau diese sechzig Minuten zwischen zwei und drei Uhr zurück und erleben sie dann Ende Oktober – also in der vergangenen Nacht – gleich zwei Mal.

Man könnte sich auch fragen: Zeit ist Geld, und wenn ich eine Stunde meiner nächtlichen LebensZeit für ein halbes Jahr ausleihe, wie sieht es dann mit den Zinsen aus?

Nun, was die Zeitzinsen angeht, so fühle ich mich reich beschenkt:

Ich bin ein Wesen, das eher abends lebt und sich tagtäglich freut, wenn es abends eine Stunde länger hell ist.

Jeden Frühlingssommertag, sieben Monate lang, konnte ich die Welt abends eine Stunde länger sehen und meine (meist Frei-) Zeit genießen; konnte noch bei Tageslicht spazieren gehen oder im Garten werkeln, am See sitzen oder mit der/dem Liebsten in den Sonnenuntergang reiten.

Dafür gebe ich doch gern eine Stunde aus der Frühlings-Tagundnachtgleiche her, wenn es im Anschluss mehr als zweihundert Mal die gleiche Zeit in Lichtzinsen gibt. Das nenne ich mal einen Deal!

Umso trauriger bin ich Jahr für Jahr Ende Oktober, wenn ich dann zwar meine im Frühjahr verliehene Lebenszeitstunde zurück bekomme und eine Nacht lang eine Stunde länger schlafen darf – ansonsten aber der deutschgraue Winterherbst mit einem Schlag pünktlich zum Fünf-Uhr-Tee auf stockdunkel schaltet.

Spätestens dann, wenn mit der Winterzeit auch die Witterung auf deutschgrau umschaltet und kaum noch über drei Grad Nieselregen hinauskommt, möchte ich mir am liebsten den Bauch mit buntem Herbstlaub füllen und mich in den Winterschlaf begeben.

Daraus würde ich erst zur nächsten Zeitumstellung erwachen, wenn es wieder heißt: Eine Stunde der Nacht abgeben. Ausgeschlafen genug wäre ich dann ja wohl.

Da ich als Mensch für diese Art der Realitätsflucht aber genetisch nicht eingerichtet bin, hilft nur eines:

Genau hinsehen, welche meiner acht Uhren sich in der Nacht schon automatisch angepasst haben. Den Rest eine Stunde vorstellen. Oder zurückdrehen.

Und dann die Sonntagseier braten. Die gibt es während der Winterzeit immer mit Speck, nach alter rheinländischer Tradition.

Schließlich bedarf es einer tierischen Kondition, um die kommenden dunklen fünf Monate lebendig und locker zu überstehen.

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Sonntag, 19. Oktober 2014

Wellengang

Mein Leben lang schon habe ich mich nach dem Meer gesehnt, mit allen Sinnen. Ich sehne mich nach der See, nach den Geräuschen und Gerüchen von Wasser und Wellen. Nach dem Gefühl von Salzwasser auf der Haut und Sand zwischen den Zehen.

Ostsee bei Warnemünde

Ich weiß nicht, ob irgend jemand diese Sehnsucht in all ihrer Heftigkeit nachvollziehen kann. Sie ist so dermaßen groß, dass ich das Wort „sehnen“ in Gedanken immer mit Doppel-E schreibe und ohne H: see-nen. Ich sehne mich nicht nur, ich seene mich an die See.

Das See-seenen ist stärker als die Sehnsucht nach anderen Orten. Die See gibt mir eine innere Ruhe wie nichts sonst auf der Welt. Die Seensucht nach der See ist bisweilen sogar stärker als die Sehnsucht nach Menschen, Tieren oder anderem für mein Wohlergehen Wichtigem.

Sobald ich die Wellen höre, sobald ich das Salz rieche, sobald ich an der Wasserkante stehe – dann geht es mir gut. Oder zumindest besser.

Mein Puls verlangsamt, der Atem beruhigt sich und wird tiefer, ich kriege wieder Luft, meine Augen ruhen entspannt im fernen Horizont  und sogar der Tinnitus scheint zu verstummen im Rollen der Wassermassen.

Eine Reise, die mich nicht auch ans Meer führt, fühlt sich nicht wie Urlaub an, entspannt mich nicht wirklich. Diese große Wirkung kann ich weder rational begründen noch logisch erklären. Ich spüre sie einfach – auch wenn es dafür kein Messgerät gibt.

Die Seensucht nach dem Meer ist in mir. Immer. Und die Wirkung setzt ein, sobald ich an der Wasserkante stehe. Immer.

Vielleicht liegt es daran, dass mein Horoskop den Krebs im Aszendenten hat. Das vorsichtige Wassertier, das Konfrontationen scheut und sich den Dingen eher schüchtern von der Seite nähert statt frontal darauf zu zu steuern. Und sich ins Wasser flüchtet, wenn es gefährlich wird.

Vielleicht liegt es auch an etwas ganz anderem. Was im Grunde aber egal ist.

Wichtig ist für mich vor allem, dass ich weiß, was mir gut tut.

Besonders gut tut mir ein ausgedehnter Wellengang.

So nenne ich meine Spaziergänge und Wanderungen am Strand, immer an der Wasserkante entlang. Am liebsten mit nackten Füßen, wenn die Temperaturen von Luft und Wasser es zulassen. Dann plitsche ich mit den Fußsohlen in die Wellen, die sanft am Strandsand lecken, bevor sie sich wieder zurückziehen oder versickern.

Diese Wellengänge können meine Konzentration vollständig in Anspruch nehmen. Wasser, Wind, Horizont, Sand, Steine, Buhnen, Boote, Segelschiffe, Seetang, Möwen, Muscheln, meine Füße halb im Wasser, Schritt für Schritt ... Nichts kann mich dann ablenken, meine Gedanken sind fokussiert, der Geist wird ruhig.

Es ist eine Art Meditation. Es ist MEINE Art der Meditation, die mir hilft wie keine andere, in meine Mitte zu finden, selbst wenn die Welt um mich herum in Stücke fällt.

Ausatmen. Einatmen. Sein. Jetzt.
Es wird Zeit.

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